Seine Faszination ist stapelbar: Zum Termin mit der AZ bringt Max Mahrer, umtriebiger Möhliner und (Lebens-) Wanderer, Dossiers, Bücher und allerlei handschriftliche Notizen mit. Alle drehen sie sich um ein Thema: Mühlen und ihre Schaufelräder.

Mühlen in Möhlin, Mühlen im Aargau, Mühlen in der Schweiz. Er habe zu Hause noch mehr Unterlagen, meint er schmunzelnd.

Diese Antriebskolosse vergangener Tage seien sein Herzblut, erzählt er, kramt in den Unterlagen, zupft ein vergilbtes, leicht zerzaustes Dokument hervor. Vom Löwenwirt erzählt der Artikel aus dem Jahre 1936 – und natürlich von den Mühlen in Möhlin.

Das Dorf sei mit seinen bis zu drei Mühlen eine Mühlenhochburg gewesen, weiss Mahrer. «Im Dorf klapperten so bis zu sieben Mühleräder gleichzeitig», sagt er, zeigt auf eine Abbildung. Die Mühlen seien ein Wahrzeichen des Dorfes gewesen, ist er sich sicher.

Mahrer redet sich in Fahrt. Vom «Wasserwerk bey Möhlin» berichtet er, von der «obern» und der «untern» Mühle. Und natürlich vor allem vom heutigen Mühlerad, das 1991, zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, beim Wohn- und Pflegezentrum Stadelbach errichtet wurde. Er war damals der Initiant der dreiköpfigen Arbeitsgruppe «Möhliner Mühlerad», die das Revival des Zeitzeugen möglich gemacht hat.

Und er ist auch heute wieder dabei, wenn es darum geht, dessen Weiterleben zu sichern. Denn die 27 Betriebsjahre haben dem Eichenholz arg zugesetzt. Besonders die Zeit, in der das Rad wegen der Umbauarbeiten beim Wohnzentrum still stehen musste, sei «nicht bekömmlich» gewesen. Will heissen: Das Rad muss ersetzt werden.

Vor zwei Jahren begann die dreiköpfige Arbeitsgruppe, der neben Mahrer René Braccini – er war schon 1991 dabei – und Clemens Meyer angehören, den Sanierungsgedanken zu wälzen und das Sanierungsprojekt aufzugleisen. Nun steht es – und muss noch finanziert werden. Mit Kosten von 45 000 Franken rechnet die Arbeitsgruppe. Rund 30 000 kostet die Erneuerung des Mühlerades, rund 15 000 Franken braucht es für die Sanierung des Mühlehäuschens.

Bauen wird das neue Rad die Firma Lützelschwab AG Holzbau in Möhlin. Die Sanierungsarbeiten am Häuschen wird die Firma Braccini Bau AG vornehmen, die das Häuschen 1991 auch gebaut hat. Die eiserne Radrosette des bisherigen Mühlerades wird beibehalten und von Leo Mahrer saniert. Er führt im Dorf die Schmiede und Schlosserei. Mahrer ist sich sicher: «Das ist eine Supersache für die nächsten Jahrzehnte.»

Damit die Sache auch super wird, ist die Arbeitsgruppe auf Geldsuche. Ein Bettelbrief wurde diese Woche in Möhlin verteilt. «Wir alle hoffen jetzt auf ihre finanzielle Hilfe», heisst es darin. Dies damit sich auf der Flur «In der Mühle» weiterhin nach alten Angaben ein Mühlerad drehe. Mahrer ist zuversichtlich, dass das Geld zusammenkommt. «Schon beim ersten Rad liessen uns die Möhliner nicht im Stich», sagt er. Damals kam die ganze Anlage auf 62 000 Franken zu stehen.

Dass just in diesem Jahr das Sanierungsprojekt angegangen wird, hat wieder einen Geburtstagsgrund: Während 1991 die Eidgenossenschaft jubilierte, ist es in diesem Jahr Möhlin. 1225 Jahre alt wird das Dorf und das sei doch der ideale Anlass, um das Rad zu erneuern, findet Mahrer. «Das neue Mühlerad ist bestimmt auch ein sinnvoller Beitrag zum Möhliner Jubiläums-Jahr», ist sich die Arbeitsgruppe sicher.

Renovation im Sommer

Die Renovation erfolgt, wenn alles rund läuft, im Sommer, die Einweihung ist auf den Herbst geplant. «Auf diesen Moment freue ich mich jetzt schon riesig», sagt Mahrer.

Noch genau erinnert er sich an jenen Tag 1991, als das Mühlerad seine ersten Runden drehte. «Das war ein bewegender Moment.» Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Damit ging damals auch eine fast zehnjährige Planungsgeschichte zu Ende, in der Mahrer und die Arbeitsgruppe mehr als einmal feststellen mussten: Die Mühlen mahlen wirklich langsam.

Denn die Idee, in Möhlin eine Mühle zu errichten, hatte Mahrer bereits 1981. Er arbeitete damals in der Brauerei und hatte sich vorgenommen: Mit 40 ist Schluss. Und so kündete er 1981, mit 40, den Job, ging ein Jahr auf Wanderschaft – und kam auf einer seiner Wanderungen beim Brünig an einer Mühle vorbei. Und blieb fasziniert stehen. Das wäre doch der Hit, wenn wir in Möhlin auch so ein Rad hätten, dachte er, ging nach Hause, begann zu planen.

Wichtig war Mahrer und seinen Kommilitonen, dass es eine originalgetreue Rekonstruktion eines Mühlerades wird – dass es also gleich aussieht, wie jene Räder, die in früheren Jahrhunderten im Dorf liefen. Wieder lacht er, wie er sich an die Episode zurückerinnert. Er arbeitete nach seinem einjährigen Sabbatical im Kantonslabor in Aarau. Eines Tages ging er zum Staatsarchivar, klopfte, schilderte sein Anliegen. «Nach 20 Minuten kam dieser mit einem Stapel Dokumente», erzählt Mahrer. Darin erfuhr er alles, was er wissen musste, über die Möhliner Mühlen. Etwa, dass sie alle fast gleich gross waren. 3,3 Meter Durchmesser massen die Wasserräder der «untern Getreidemühle», 9 PS Leistung brachte sie hin. Sie war, wie die anderen Mühlen auch oberschlächtig, das heisst, das Wasser lief von oben ins Rad.

Mit diesen Angaben in der Tasche machten sich Mahrer und seine Mitstreiter an die Arbeit. Ein Projekt stand schon bald, der ideale Standort war ebenfalls schnell gefunden – in dem Gebiet, in dem früher schon früher zwei Mühlen standen und wo heute das Wohn- und Pflegezentrum steht. der Zentrumsleitung gefiel das Projekt ebenfalls, womit «eine wichtige Hürde genommen war», erzählt Mahrer.

Die lange Suche

Die Planungen wurden dann aber 1984 auf Eis gelegt – man kann auch sagen: Das Mühlerad wurde für längere Zeit angehalten. Weshalb, liest sich im Brief der Arbeitsgruppe an den Gemeinderat fünf Jahre später, im August 1989, so: «Dieses Vorhaben wurde im Jahre 1984 aus Rücksicht von Frl. Elisabeth Kym, geb. 1884, auf unbestimmte Zeit verschoben. Da nun mit Frl. Kym eine andere Situation eingetroffen ist (Wegzug nach Schopfheim) sind wir der Auffassung, die Rekonstruktion im Hinblick auf die 700-Jahr-Feier nun an die Hand nehmen zu können.»

Das sah der Gemeinderat nicht anders und dem Projekt stand nichts mehr im Wege. Fast nichts, denn eine wichtige Ingredienz fehlte noch: ein Mühleradbauer respektive -planer. «Einen zu finden, war gar nicht so einfach», erinnert sich Mahrer. Denn Mühleradbauer gab es schon damals praktisch keine mehr in der Schweiz.

«Durch einen Zufall», wie in der Pressedokumentation von 1991 nachzulesen ist, sei man auf «August Guschti Kleiber» aus Allschwil gestossen, der bereits für Biel-Benken ein Mühlerad rekonstruiert und auch am Wiederaufbau der Allschwiler Mühle mitgewirkt hatte. Er erstellte die Holzteile des Rades und nach seinen Angaben wurde in der Werkstatt von Leo Mahrer der Eisenkern gefertigt. «Auch die benötigten Nägel wurden bei Leo Mahrer handgeschmiedet», heisst es in der Pressemappe.

Nun wollen Mahrer und seine Kollegen also nochmals Nägel mit Köpfen machen. «Für mindestens die nächsten 30 Jahre», wie Mahrer sagt. Das neue Rad wird dabei nach dem Vorbild des bestehenden nachgebaut. Einzige Änderung ist, dass mehr Kammern eingebaut werden. Heute hat es 21. «Das Rad hat damit etwas zu wenig Kraft», sagt Mahrer, lacht. «Etwas mehr Power schadet nicht.»

Sagts, trinkt sein Glas leer und eilt davon. Zum nächsten Powerprojekt.