Oberhof

Ein Meister mit Pfeil und Bogen – kommen bald EM- und WM-Teilnahmen?

Wenn Viktor Erb Pfeile mit seinem Bogen abschiesst, erreichen diese eine Geschwindigkeit von über 300 Kilometer pro Stunde.

Wenn Viktor Erb Pfeile mit seinem Bogen abschiesst, erreichen diese eine Geschwindigkeit von über 300 Kilometer pro Stunde.

Viktor Erb ist eidgenössischer Titelträger im 3D-Schiessen und weiss, wie man Entfernungen schätzt.

Der Stand ist fest, die Augen fixieren das Ziel. Atmung und Puls verlangsamen sich. Nur der rechte Arm bewegt sich, zieht die Sehne des Bogens langsam zurück. Der Körper baut Spannung auf. Nun steht der Atem still.

Dann löst er aus: Mit über 300 Kilometer pro Stunde prescht der Pfeil schnurgerade durch die Luft nach vorne. 50 Meter weiter und etwa eine halbe Sekunde später dringt die Spitze in den Körper einer Tierattrappe ein. Der Schütze ist Viktor Erb (50) aus Oberhof, der sich vorletzte Woche den Schweizer-Meister-Titel im 3D-Bogenschiessen ergatterte.

Hirsche und Hasen aus Kunststoff

«Beim 3D-Schiessen werden Tiere aus Kunststoff wie zum Beispiel Bären, Hirsche, Elche, Hasen oder auch Krokodile im Wald oder auf Feldern möglichst realistisch aufgestellt. Auf jeder dieser Tierattrappen ist ein ‹Spot› eingezeichnet, also diejenige Stelle, die der Pfeil treffen muss», erklärt Erb.

Trifft man das Zentrum des «Spots», das teilweise kaum grösser als ein Fünfliber ist, bekommt man die Höchstpunktzahl. Während des Wettkampfes muss der Schütze im Parcours durch Astgabeln hindurch, Hänge hinauf oder von Hochständen herab versuchen, das Ziel zu treffen.

Die grösste Herausforderung ist es, die richtige Entfernung zum Ziel zu schätzen, weil die Distanz zu den einzelnen Tierattrappen – im Gegensatz zum Schiessen auf Scheiben – nicht vorgegeben ist: «Wenn man die Entfernung exakt abschätzen kann, dann weiss man, mit welcher Visierung man den Pfeil schiessen muss und trifft so fast immer ins Ziel», erklärt Erb.

Weil das Schätzen der Schlüssel zum Erfolg in dieser Sportart ist, geht der Oberhofer manchmal in den Wald, schätzt die Distanzen zu einzelnen Bäumen und kontrolliert seine Schätzungen mit einem Entfernungsmesser. «Um die richtige Entfernung zum Ziel zu schätzen, suche ich mir in der Regel ein Objekt aus, dass rund fünf Meter von mir entfernt ist und multipliziere dann diesen Abstand, bis das Ziel erreicht ist», erklärt Erb.

Den Wind mit einberechnen

Verboten ist es, zur Tierattrappe zu laufen oder sich mit anderen Teilnehmern über die Entfernung zum Ziel zu unterhalten. «Wir dürfen jedoch einen Feldstecher verwenden, um zu schauen, wo sich der eingezeichnete Zielbereich auf den 10 bis 50 Meter weit entfernten Tierattrappen befindet», sagt Erb.

Wichtig beim Anvisieren ist auch, den Wind in die Flugbahn des Pfeils einzuberechnen: «Die Bewegungen der Blätter oder der Grasshalme liefern dafür gute Anhaltspunkte», sagt er.

Ganz überraschend kommt für Erb der Titel jedoch nicht: «Zwar habe ich dieses Jahr eine Trainingspause über mehrere Monate eingelegt, aber die Schusstechnik verlernt man so schnell nicht und das Schätzen liegt mir sowieso im Blut», sagt er.

Trotzdem stand er während des gesamten Wettkampfes unter Hochspannung: «Vor dem Zweitplatzierten hatte ich nur einen hauchdünnen Vorsprung. Während des Wettkampfes selbst weiss man nie, welchen Rang man momentan belegt, weil man nicht mitbekommt, wie gut die Konkurrenz schiesst», erklärt Erb, der auch deswegen bis zum letzen Schuss die Konzentration hochhalten musste.

Trotz seines Erfolges hat der Meisterschütze nicht mehr vor, an Europa- oder Weltmeisterschaften teilzunehmen: «Erstens fehlt mir die Zeit für weite Reisen und zweitens sind diese ja auch immer mit einem finanziellen Aufwand verbunden», sagt er.

Zudem betreibt Erb den Sport nicht nur für die Jagd nach dem Erfolg, sondern vielmehr aus Passion: «Ich mag es, draussen in der Natur und im Wald zu sein. Zudem kann man beim Bogenschiessen durch die Konzentration abschalten und die Hektik des Alltages hinter sich lassen», sagt Erb.

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