Es hätte ein grosser Schritt in ihrer noch jungen Beziehung werden sollen. Timur* und Alysa* waren an diesem Tag im Mai 2017 zunächst zu Timurs Mutter gefahren, hatten sich von ihr Geld geliehen – sie wollten sich Möbel für die erste gemeinsame Wohnung kaufen. Am Abend stiessen die beiden dann in Alysas Wohnung in einem kleinen Ort im oberen Fricktal auf den grossen Schritt an.

Aber irgendwann, beide hatten schon viel Alkohol getrunken, kam es zum Streit. «Ich hatte von Alysa verlangt, dass sie die Telefonnummer eines Bekannten löscht. Dann habe ich sie gefragt, ob sie das wirklich getan hat», schilderte der heute 38-jährige Timur den Streit am Donnerstag vor dem Aargauer Obergericht. «Sie behauptete zuerst, ja. Aber schliesslich gab sie zu, dass sie die Nummer noch immer gespeichert hatte.»

Was folgte, bezeichnete der Staatsanwalt als «einen Gewaltexzess», wie er ihn «noch nie gesehen» habe. «Er hat sie verdroschen, um es mal deutlich zu sagen.»

Nach der Tat schlief er ein

Über Stunden hinweg soll Timur seine Freundin geschlagen, an den Haaren gezogen, gewürgt, regelrecht gequält haben. Das ist der Anklageschrift zu entnehmen. Alysa musste mit Prellungen, diversen Verletzungen im Gesicht, einer Einblutung im Schädel und einer Ruptur des Trommelfells im rechten Ohr mehrere Tage im Spital bleiben. «Nur dank Glück gibt es keine bleibenden Schäden», so der Staatsanwalt. Timur hatte sich nach der Tat schlafen gelegt, erst die Polizei weckte ihn auf.

Das Laufenburger Bezirksgericht hatte ihn im letzten Sommer wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung sowie wegen Gefährdung des Lebens unter anderem zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten und einer stationären Massnahme verurteilt. Seither ist er in der psychiatrischen Klinik Königsfelden untergebracht. Ein Gutachter hatte bei ihm eine schwere Persönlichkeitsstörung festgestellt.

Timurs Anwalt forderte vor Obergericht nun eine Einstellung des Verfahrens wegen Körperverletzung, einen Freispruch bezüglich der Gefährdung des Lebens sowie die Aufhebung der stationären Massnahme zugunsten einer ambulanten Massnahme. Er tat dies in einem fast dreistündigen Vortrag.

Hat er sie wirklich gewürgt?

Darin argumentierte der Verteidiger unter anderem damit, dass Timur und Alysa «keineswegs eine gefestigte und stabile Beziehung geführt» hätten. Bei der Körperverletzung habe es sich daher nicht um ein Offizialdelikt gehandelt – was der Staatsanwalt umgehend mit deutlichen Worten konterte: «Diese Auslegung wäre gleichbedeutend mit einem Freipass für Schläger.» Ausserdem, so der Anwalt, habe sein Mandant seine Freundin nicht gewürgt.

Diesen Vorwurf bestritt auch Timur in der anschliessenden Befragung. «Ich weiss nur, dass ich sie am Hals festhielt, damit sie mich anschaut. Aber ich habe nicht zugedrückt», sagte er unter Tränen. Ansonsten allerdings konnte – oder wollte? – er sich kaum an den genauen Tathergang erinnern. Er habe an dem Abend viel Alkohol getrunken und auch Medikamente genommen. Auf die Fragen der Richter, ob er seine Freundin geschlagen oder an den Haaren gezogen habe, anwortet er zunächst: «Ich weiss es nicht.» Dann: «Doch, ich habe es getan.» Und schliesslich: «Ich muss es gewesen sein, auch wenn ich mich nicht erinnern kann.»

Täter bleibt in Königsfelden

Das Obergericht schliesslich bestätigte das Urteil der Vorinstanz in weiten Teilen. Lediglich vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens sprach es Timur frei – dass er Alysa fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und damit in Lebensgefahr gebracht habe, sei aufgrund der Beweislage nicht zweifelsfrei erwiesen.

Das Gericht verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 25 Monaten unbedingt wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung. Bestätigt wurde ausserdem die bereits vom Laufenburger Bezirksgericht verhängte stationäre Massnahme. Die Haftstrafe wird dabei zugunsten der Massnahme aufgeschoben. Timur bleibt somit vorerst in der Klinik in Königsfelden.

«Das Gericht ist der Überzeugung, dass die Massnahme Ihnen guttut», sagte der Oberrichter, direkt an den Beschuldigten gewandt. «Sie sind gewillt, an sich zu arbeiten. Aber das dauert noch einen Moment.» Timur seinerseits nutzte die Gelegenheit, um sich beim Opfer zu entschuldigen. «Es tut mir sehr leid, dass Alysa das erleben musste. So etwas kommt nie wieder vor.»

*Namen geändert