Fricktal

Ein «FrickTaler» für alle Fälle? Lokalwährung erntet Skepsis und Ironie

Im Wallis wurde 2017 der «Farinet» eigeführt. Mit ihm können auch Polizeibussen bezahlt werden.

Im Wallis wurde 2017 der «Farinet» eigeführt. Mit ihm können auch Polizeibussen bezahlt werden.

Die Idee des Nationalratskandidat Michael Derrer stösst auf wenig Begeisterung und wir online mit einer Portion Hohn eingedeckt. Der Grünliberale verteidigt seine Idee.

Die Fragestellung ist ebenso simpel, wie die Antwort knifflig ist: Wie gelingt es einer Grenzregion, wie es das Fricktal nun mal ist, einer Region also, wo der billige Einkauf scharenweise Einheimische nach Deutschland lockt – wie gelingt es einer solchen Region, den Franken in den eigenen Reihen zu halten? Also dafür zu sorgen, dass er dies- und nicht jenseits des Rheins ausgegeben wird?

Die Rezepte tönen dabei seit Jahren gleich: Noch mehr Kundenorientierung, noch bessere Leistung, noch mehr Innovation. Und vor allem: Noch mehr Solidarität.

Dies braucht es, zweifelsohne, alles. Aber reicht dies? Michael Derrer, umtriebiger Unternehmer und Nationalratskandidat (GLP), findet: nein – und hat eine Diskussion um eine Lokalwährung, die er den «FrickTaler» nennt, lanciert (die AZ berichtete).

Wer sucht, der findet tatsächlich einige Beispiele von Lokalwährungen, die zu funktionieren scheinen. Er findet aber auch gescheiterte Projekte. Zu Ersteren gehört der «Chiemgauer» in Bayern, den inzwischen rund 600 Anbieter akzeptieren und der einen Jahresumsatz von rund acht Millionen Euro erzielt.

Im Wallis gibt es den «Farinet», benannt nach dem Unterwalliser Schmuggler und Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet. Er fälschte im 19. Jahrhundert im grossen Stil 20-Rappen-Münzen. Der Farinet, 2017 eingeführt, wird inzwischen von 200 Dienstleistern akzeptiert. Seit letztem Herbst auch von der Kantonshauptstadt Sitten. Seither können Bussen mit Farinets bezahlt werden. Ein Farinet entspricht dabei stets einem Franken.

Die Idee einer eigenen Lokalwährung stösst im Fricktal, sagen wir es positiv: auf wenig Begeisterung. In einer (nicht repräsentativen) Umfrage unter Gewerbetreibenden sehen die meisten den Sinn einer solchen Währung «eher weniger», wie es beispielsweise Landschaftsarchitekt Bernhard Stöckli formulierte (AZ vom 20. August). «Kein Ansatz» urteilte gar CVP-Grossrat und Malermeister Alfons P. Kaufmann.

Zwischen Ironie und Zustimmung

Auch online wurde die Idee eines «FrickTalers» in den letzten Tagen rege diskutiert – und meist mit einer Portion Hohn eingedeckt. «Back to the Roots», schreibt ein User, «und den Maria-Theresia-Taler einführen und alles ist in Butter». «Ich fände es super», beginnt ein Post einer anderen Userin noch positiv, um dann mit einer Prise Ironie fortzufahren: «Jedes Dorf hat seine eigene Währung und der Arbeitgeber im übernächsten Dorf muss die Währung zuerst kaufen, damit er die Angestellten aus dem Dorf bezahlen kann. Mir gefällt die Idee in der heutigen globalisierten Welt ausgezeichnet.»

Es gibt allerdings auch andere Stimmen. Es sei ein wichtiges Thema und ein toller Lösungsvorschlag, urteilt ein Leser, und begreift die Skepsis nicht. «Da wird eine spannende und zielführende Handlungsmöglichkeit vorgeschlagen, wie der laufende Abfluss von Kaufkraft intelligent eingedämmt werden könnte, also Handeln pur, und praktisch alle Befragten lehnen das ab.»

Für ihn ist eine Regionalwährung «eine absolut aussichtsreiche Lösung». Gerade weil die Leute wegen der Währung in Deutschland einkaufen würden, könne man mit einer eigenen Regionalwährung das Heft wieder selbst in die Hand nehmen und sich ein Stück Souveränität zurückholen. Sein Wunsch an die Fricktaler: «Dass sie beim ‹regionalen Denken› doch noch etwas mehr in die Tiefe gehen, ansonsten sehe ich schwarz mit echten Lösungen.» Dieser Tiefgang liegt auch Derrer am Herzen. Mit einer Medienmitteilung, die er als «Reaktion auf skeptische Fragen» überschreibt, doppelte der Wirtschaftsdozent gestern nach. Für ihn bleibt eine regionale Währung «ein Werkzeug zur Regionalentwicklung». Gerade in einer historischen Region wie dem Fricktal könnte sie «unsere besondere Identität unterstreichen», so Derrer.

Auch er weiss: Damit eine regionale Währung überhaupt funktioniert, braucht es viele Nutzer. Mit anderen Worten: Der «FrickTaler» kann nur dann eine Option sein, wenn möglichst alle Dienstleister der Region – und auch die Gemeinden – «mittalern».

Regionales Denken als grosse Klippe

Die wohl grösste Hürde liegt, das sehen auch die befragten Gewerbetreibenden aus dem Fricktal so, im Umdenken respektive im regionalen Denken. Derrer formuliert es so: «Der Kauf im günstigeren Ausland stellt kurzfristig eine Ersparnis für den Kaufenden dar. Ein Regionalgeld bedeutet, dass man etwas längerfristig denkt und darauf setzt, dass der Kauf in der Region einem selbst auch wieder zugutekommt, da der andere seine Einnahmen auch wieder hier ausgeben wird.»

Wie er die Taler ausgeben kann, ob als Noten, elektronisch oder auf beide Arten, bleibt dabei zu definieren. Sichere und einfache Systeme existieren laut Derrer für beide Bezahlformen.

Derrer glaubt sogar, dass eine lokale Währung den Konsum noch ankurbeln würde – frei nach dem Motto: Ich habe noch Taler (übrig). Die These ist steil, aber nicht unmöglich.

Richtig ist, dass eine regionale Währung «ein konkretes Mittel zur Förderung der Solidarität in einer Region» sein kann, wie es Derrer beschreibt. Die Frage ist jedoch, ob für sie ein Markt besteht – und ob die Solidarität spielt.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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