Martin Hohermuth hält den Krebs behutsam zwischen Zeigefinger und Daumen. Auf die Frage, ob er schon einmal gezwackt worden sei, lacht er. «Nur einmal?», wiederholt er die Frage dann und macht damit klar, dass er diese schmerzhafte Erfahrung schon mehrmals machen musste. Er lässt den Krebs vorsichtig ins Becken zurückgleiten, bevor es auch diesmal soweit kommt.

Vor zehn Jahren startete der Kanton Aargau im Möhlintal das Projekt «Dohlenkrebs». Diese einheimische Krebsart gilt – wie die ebenfalls einheimischen Stein- und Edelkrebse – als stark gefährdet. Lebensraumzerstörung und Gewässerverschmutzung haben den Beständen arg zugesetzt. Eine weitere Gefahr sind die nicht einheimischen Krebsarten, etwa der Galizierkrebs oder der Rote Amerikanische Krebs, welche die einheimischen Arten verdrängen und Krankheiten wie die Krebspest übertragen.

Die Idee des Kantons ist es, in Zuchtanlagen sogenannte Besatzkrebse aufzuziehen, um diese dann in den Bächen aussetzen und die Population so stärken zu können. Im Mettauertal gibt es eine Zuchtanlage für Steinkrebse, in Zeiningen eine für Dohlenkrebse. Die ersten Jahre war sie in den Becken der Fischzuchtanlage von Peter Hohler in Zeiningen untergebracht, vor gut drei Jahren zügelte sie in eine Anlage bachaufwärts im Gebiet Röti.

Martin Hohermuth, damals Präsident des Vereins Natur- und Vogelschutz Möhlin, war schon beim Start des Projekts mit dabei. Heute ist er Vorsitzender der IG Dohlenkrebszucht, die sich mittlerweile mit Unterstützung des Kantons um die Aufzucht in Zeiningen kümmert.

Rund 800 junge Krebse konnten seit dem Projektstart in verschiedenen kleineren Zuflüssen zum Möhlinbach ausgesetzt werden. Eine Untersuchung im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass das Projekt durchaus erfolgreich läuft: In praktisch allen Bächen wurden nämlich ältere wie auch jüngere Krebse gefunden. «Das zeigt, dass die ausgesetzten Krebse in den Bächen nicht nur überleben, sondern sich auch vermehren», sagt Hohermuth.

Die Krebse reagieren auf die Wassertemperatur

Selbstverständlich ist das nicht – genauso wenig, wie eine erfolgreiche Zucht in der Anlage. Das musste die IG in den vergangenen Jahren am neuen Standort feststellen, als es bei der Zucht durchaus auch Schwierigkeiten gab. Die Wassertemperatur etwa hat einen grossen Einfluss auf die Tiere. So beeinflusst sie unter anderem den Zeitpunkt der Eiabgabe durch die weiblichen Krebse. Die Krebsweibchen werden im Spätherbst befruchtet und stossen kurz darauf ihre Eier aus – wenn denn die Wassertemperatur passt. Die Eier verbleiben den ganzen Winter unter dem Schwanzteil des Weibchens und reifen, bis sie im Frühling schlüpfen. «Auch dieser Zeitpunkt ist von der Wassertemperatur abhängig», sagt Hohermuth. Die Anlage kann mit eigenem Quellwasser oder auch mit Bachwasser betrieben werden. Es gilt deshalb, laufend die richtige Mischung zwischen kühlem Quellwasser, Wasser aus dem Bach oder gar erwärmtem Wasser zu finden. Gelingt das nicht, schlüpfen weniger Jungtiere.

Hinzu kommen weitere Herausforderungen wie die Algen in den Aussenbecken, die den Krebsen die Häutung erschweren. Oder der Lichteinfall von der nahen Kantonsstrasse. «Fährt dort nachts ein Auto durch, beginnen die Krebse mit dem Schwanz zu zucken», erklärt Martin Hohermuth. Das ist besonders in jener Zeit verheerend, in der die Weibchen die Eier mit sich tragen. Ihre Becken werden deshalb abgedunkelt. Die Aussenbecken sollen ausserdem bald beschattet werden, um das Algenwachstum einzudämmen.

«Wir lernen stetig dazu und machen Fortschritte», sagt Hohermuth. «Ich bin zuversichtlich, dass wir in Zukunft viele Krebse züchten können.» Trotz aller Herausforderungen ist für ihn klar: Der Einsatz lohnt sich. «Ich bin auf jeden Krebs stolz, den wir aus der Zucht in einem Bach aussetzen können», sagt Hohermuth. Diese Freude lässt er sich auch davon nicht verderben, dass er ab und an in den Finger gezwackt wird.