Herr Maier, wie attraktiv ist Ihr Beruf?

Roman Maier: Sehr attraktiv! Wir üben ein Handwerk aus, das in der Schweiz einzigartig ist und eine sehr gute Ausbildung gewährleistet. Eine Ausbildung, die auch in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld eine Chance bietet auf dem Arbeitsmarkt.

Markus Kunz: Ausserdem können wir kreativ sein, wir können handwerklich etwas fertigen – und vor allem: Wir können unseren Kunden tagtäglich eine Freude machen. Stehen Sie einmal in den Verkauf und sehen Sie, wie eine Mutter mit ihrem Kind eine Geburtstagstorte abholt. Die strahlenden Augen des Kindes sind eine Erfüllung. Abends sind wir zwar müde, aber wir konnten vielen Leuten eine Freude machen.

Ist das denn auch der Grund, der sie zu Ihrer Berufswahl bewogen hat?

Kunz: (lacht) Nein. Wenn meine Eltern kein Geschäft gehabt hätten, wäre ich vermutlich in Richtung Journalismus gegangen. In den Beruf bin ich hineingewachsen. Als Kind habe ich gesehen, dass es die Eltern nicht schlecht machen und dass das eine gute Grundlage für später wäre. Ich habe die Entscheidung nie bereut.

Roman Maier: Es sieht von aussen so aus, als wäre es der einfachste Weg, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Wir haben uns aber sehr intensiv mit der Berufswahl auseinandergesetzt und haben auch andere Sachen ausprobiert. Ob wir im elterlichen Betrieb arbeiten wollen, behielten wir uns offen. Mit 15 oder 16 Jahren ist man noch sehr jung, um so eine Entscheidung zu treffen.

Gregor Maier: Bei mir bestand nach der Lehre als Bäcker-Konditor sogar ein Unwohlsein, was die Berufswahl angeht. Ich merkte, dass ich mit meinen Vereinsaktivitäten nicht der Typ bin, der konstant nachts um 2 Uhr die Leistung bringen kann (lacht). Also machte ich die Zusatzlehre zum Konditor-Confiseur und merkte schon bald, dass ich für diesen Beruf die 100-prozentige Freude und das 100-prozentige Engagement bringen kann.

Was spricht denn heute für die Berufslehre?

Nathalie Hunziker: Ich finde vor allem die Perspektive toll. Mit einer einjährigen Zusatzlehre kann ich in vier Jahren zwei Ausbildungen machen. Auf der Berufslehre lässt sich viel aufbauen, ich kann viel erreichen und mit der Ausbildung auch in die Welt hinaus, um zu arbeiten. Das ist eine grosse Motivation.

Haben Sie die Entscheidung je bereut?

Hunziker: Klar ist es schwierig, wenn die Kollegen abends in den Ausgang gehen und ich schon so früh wieder aufstehen muss. Aber es hat auch Vorteile: Ich habe früher Feierabend. Und wenn ich nach Hause komme, weiss ich, was ich gemacht habe. Andere sitzen den ganzen Tag in der Schule, kommen nach Hause und haben eigentlich nichts gemacht.

Kunz: Mit einer Lehre in diesem Berufsfeld können die Jugendlichen aus dem Vollen schöpfen. Wir müssen einfach besser kommunizieren, was uns speziell macht und warum junge Leute in so einen Beruf einsteigen sollen. Dass auch einem Bezirksschüler die Welt geöffnet wird und er ein gutes Fundament erreicht.

Dann liegt es an der Werbung für die Berufslehre – und nicht etwa an deren mangelndem Prestige, dass für viele Schüler und Eltern das Gymnasium als attraktiver erscheint?

Roman Maier: Früher gab es eine klare Klassentrennung. Wenn heute jemand aus der Berufslehre heraus eine Weiterbildungs-Karriere macht und mit einem Hochschulabschluss dasteht, dann ist das absolut vergleichbar mit einem UniAbschluss. Die Trennung zwischen Arbeiter- und Eliteklasse gibt es nicht mehr.

Trotzdem entscheiden sich die guten Schüler oft für das Gymnasium.

Hunziker: In meinem Jahrgang gingen so gut wie alle, die den nötigen Notendurchschnitt hatten, ans Gymnasium. Viele wussten nicht, was sie werden wollten und schoben die so Entscheidung auf. Von den Noten her war ich die Schulhausbeste. Als ich mich für die Lehre entschied, kam von den Lehrern die Frage, ob ich nicht ans Gymnasium wolle.

Kunz: Das ist schon lange ein Thema: Dass die Bezirksschullehrer Gegensteuer geben, wenn ein starker Schüler eine Lehre beginnen will. Die Gewerbeverbände suchen jetzt intensiv das Gespräch mit der Lehrerschaft und den Schulleitungen. Man ist auf einem guten Weg, gegenseitiges Verständnis aufzubringen.

Hat Sie die Schule genügend auf die Berufswahl vorbereitet, Frau Hunziker?

Hunziker: In der Theorie schon. Wir nahmen das Thema Bewerbung, Vorstellungsgespräch und Schnupperlehre durch. Aber da waren wir 14 Jahre alt. Mit 14 kann sich die Meinung noch rasch einmal ändern. Für so eine Entscheidung braucht es ein gesundes Selbstbewusstsein.

Inwiefern beeinflusst die Berufslehre die persönliche Entwicklung der Lehrlinge – und damit auch das Selbstbewusstsein?

Kunz: Das ist ein wichtiger Teil der Lehre. Am Ende sollte man in einem Betrieb gehen können und dort seinen Mann oder seine Frau stehen. Das sehe ich oft bei Jugendlichen, die sehr lange in der Schule sind: Sie sind noch sehr unsicher. Ich glaube, wir bilden Lehrlinge so aus, dass sie eine Selbstständigkeit entwickeln. Wir ersetzen – mehr als früher – das Elternhaus und die Schule. Heutzutage wird vieles von den Eltern aus dem Weg geräumt und auch in der Schule sind die Jugendlichen sehr behütet. Dann kommen sie in die Lehre und es gilt ernst.

Roman Maier: Wir bilden im praktischen Teil aus, in der Schule wird das Fachliche gelehrt – und dann kommt noch ein grosser Teil dazu: das Persönliche. Die Berufslehre fällt in ein Alter, in dem die Entwicklung unterschiedlich weit ist. Die Persönlichkeit, Selbstständigkeit und der Wille, Ziele zu erreichen, das ist in der Arbeitswelt gefragt. Auch über den Studienweg kommt man früher oder später mit der Arbeitswelt in Kontakt – ist dann aber oftmals auf sich allein gestellt.

Daneben sind bestimmt auch die angesprochenen Weiterbildungsmöglichkeiten ein Argument für die Lehre?

Roman Maier: Dieses Bewusstsein haben viele Jugendliche. Sie wissen, dass das ein Fundament ist, auf das sich ganz Verschiedenes aufbauen lässt.

Gregor Maier: Da spielt auch ein gewisses Sicherheitsdenken mit hinein. Die abgeschlossene Lehre ist ein gewisser Level. Hat man diesen erreicht, kann man nicht mehr darunter fallen. Bei einer langen Ausbildung mit Studium hingegen – da kann einem Studenten auch im neunten Semester im Arzt-Studium bewusst werden, dass es doch nicht das Richtige ist.

Haben Sie Angst, dass junge Leute ausgebildet werden, diese dem Beruf aber gleich wieder verloren gehen, weil sie sich weiterbilden?

Gregor Maier: Das ist vielmehr eine Chance, um unseren Beruf attraktiver zu machen. Es ist schade für die Berufsleute, die wir ausbilden und die dann sofort abwandern. Andererseits können wir von anderen Berufen profitieren, weil wir auch gute Leute brauchen.

Roman Maier: Es ist nicht so relevant, ob ein Lehrling auf dem Beruf arbeitet, oder sich weiterentwickelt. Hauptsache ist, dass er Freude daran hat, was er macht und eine Zukunftsperspektive hat.

Besteht auch die Gefahr, dass die Lehre akademisiert wird und zu einer zu hohen Hürde wird für jene, die keine überragenden Schulnoten haben?

Gregor Maier: Die Schulnoten stehen bei meiner Einschätzung jeweils an dritter Stelle. Als Erstes kommen das Auftreten und die Zielstrebigkeit. Wenn sich ein Schnupperlehrling gut gibt, die Fähigkeiten und Motivation hat, ist das wichtiger. Erst dann schaue ich die Noten an. Stimmt die Motivation und Zielstrebigkeit, kommen die guten Noten in der Gewerbeschule automatisch.

Arbeitsmarktsoziologe Alexander Salvisberg sagt: «Die Unternehmen nehmen lieber keinen Lehrling als einen, der nicht alle Kriterien erfüllt.»

Kunz: Das ist so. Auch, weil ich das meinen Lehrlingsausbildnern nicht antun will. Wenn einer nicht will, dann will er nicht. So jemanden durch eine dreijährige Lehre zu ziehen, geht an die Substanz. Deshalb entscheiden immer die Ausbildner, wer zu einer zweiten Schnupperlehre eingeladen wird. Natürlich kann es sein, dass man jemandem unrecht tut damit.

Wie sicher sind Sie sich bei solchen Entscheidungen?

Kunz: Ein Restrisiko bleibt immer. Es kann auch sein, dass ein Bezirksschüler eine schlechte Lehre macht, weil er sich nicht anstrengt.