Er ist der Steinkönig der Schweiz: Simon Hunziker, 33, Hochbaupolier, Ur-Herznacher, seit zwei Wochen verheiratet – und amtierender dreifacher Schweizer Meister im Steinstossen.

Den 12,5-Kilo-Stein wuchtete der 115-Kilo-Mann vor einem Jahr in Ottenbach auf 12,30 Meter, was gleichzeitig Schweizer Rekord bedeutete. Der 18-Kilo-Stein landete bei 10,30 Meter, der 40-Kilo-Stein grub sich bei 5,62 Metern in den Sand. Den Rekord bei den 40-Kilo-Brocken hält, man ahnt es: Simon Hunziker.

Steinstosser Simon Hunziker

Steinstosser Simon Hunziker

Nur ein grosser Titel fehlt dem stämmigen Sportler noch: ein Sieg mit dem Unspunnenstein. «Darauf arbeite ich hin», sagt Hunziker – und hofft, dass der Sieg 2016, «spätestens aber am Unspunnenfest 2017» Realität wird. Der Unspunnenstein ist die Formel 1 unter den Steinen: 83,5 Kilo schwer, seit 1808 im Einsatz – und schon zweimal entführt.

«Puh», denkt sich da der schmächtige Zeitgenosse und fragt: «Wie hebt man so ein Ding denn hoch?» – «Mit Muskelkraft», scherzt Hunziker. Er wühlt in der Schubkarre, die im Materialraum beim Sportplatz in Herznach steht, entscheidet sich für einen 18-Kilo-Stein, nimmt das eiförmige Ding so behände zur Hand wie andere einen Fussball.

Ein lüpfiges Gefühl

«Steinstossen ist eine Schnellkraftsportart», doziert er. «Die grosse Schwierigkeit ist es, die beiden Komponenten Schnelligkeit und Kraft miteinander in Einklang zu bringen.» Gelingt dies optimal, gelingt also der perfekte Stoss, «dann fliegt der Stein einfach weg, ohne dass man aus dem Arm heraus noch etwas machen muss.» Dann wird der Stein, wie die Steinstösser sagen, «herausgelupft».

Dieses lüpfige Gefühl möchte Hunziker auch am 12. September wieder erleben – und dies am liebsten gleich dreimal. Denn in zwei Wochen muss Hunziker seine drei Schweizer Meistertitel verteidigen.

Auf einen psychologischen Vorteil kann er dabei zählen: Die Meisterschaft findet vor heimischem Publikum statt (siehe Box). Wer die Herznacher Turnerfamilie kennt, der weiss: Für lautstarke Unterstützung ist gesorgt.

Für die passende Form hat Simon Hunziker selber gesorgt. Er sei in Topform, sagt der Steinstösser, der in dieser Saison bei 12 von 15 Auftritten als Sieger vom Platz ging, schiebt dann aber, psychologisch nicht ungeschickt, sofort nach: «Andere aber auch.»

Mit Sport besser durchs Leben

Hunziker trainiert fünf bis sechsmal pro Woche, geht dabei auch ans Limit, stählt den Körper, spürt ihn, quält ihn, macht ihn schnell und fordert ihm alles – oder dann doch zumindest sehr vieles ab. Genau darin, in der «Leistung durch Eigenleistung», liegt für Hunziker auch die grosse Faszination am Sport. Er ist überzeugt: «Wer Sport treibt, steht mitten im Leben – und geht besser durchs Leben.» Denn Sport mache vifer, mache entscheidungsfreudiger, «da gibt es kein: ‹ja, aber vielleicht›.» Sport hält er für den perfekten Ausgleich, weil er den ganzen Menschen fordere. «Ich kann körperlich noch so gut in Form sein – wenn ich es mental nicht bringe, gewinne ich keinen Wettkampf.» Er bringt beides. Er ist Kämpfer, er ist Grenzgänger.

«Hunzi grausam», wie seine Mailadresse lautet, legt im Training oft noch einen Zacken zu, wenn andere genug haben. Dadurch ist er ihnen einen Schritt – man kann auch sagen: einen Steinwurf voraus. Mit legalen Mitteln, wie er betont, denn von Doping «halte ich rein gar nichts». Wer sich dope, «bestraft sich selber», fügt er noch an. Punkt. Dann nimmt er den Stein, geht zum Anlaufpunkt, legt den grauen Brocken auf die Tartanbahn. Er klatscht mit den Händen auf die Oberschenkel und ins Gesicht, stemmt den Stein hoch, sprintet los, wirft den 18-Kilo-Mocken mit einem «Uooop» in den Sand.

Das Sport-Gen liegt in der Familie

Ähnlich, einfach gut eine Oktave höher, tönte es auch bei seiner Mutter: Sie war ebenfalls Steinstösserin – und übertrug ihre Begeisterung für diese Ur-Sportart, die in der Schweiz seit vielen Jahrhunderten ausgeübt wird, auf ihren Filius. Davor war dieser Leichtathlet, Fussballer, Handballer. Kurz: ein sportliches Multitalent.

Ohne Sport kann man sich Simon Hunziker nicht denken. Er sich auch nicht. «Sport ist mein Lebensinhalt», sagt er, fügt schmunzelnd hinzu: «Natürlich neben meiner Frau.» Und Kinder? Doch, das wünsche er sich schon, in wenigen Jahren, vielleicht auch schon schneller, «sicher nicht erst mit 40». Diese sollen dann in einem Einfamilienhaus aufwachsen, in Herznach natürlich. «Einen Bauplatz habe ich bereits im Auge.»

Er wird auch beim Bauen Vollgas geben, wie überall im Leben. In der Firma wird er sehr geschätzt, der «Bigboss» musste denn auch nicht lange überlegen, als ihn Hunziker als Sponsor anfragte. «Klar doch», kam das Plazet – und seither ist sein Arbeitgeber einer von vier Hauptsponsoren.

Vollgas gibt Hunziker auch im OK der Schweizer Steinstoss-Meisterschaft. Dass er den Präsidenten macht, «war schnell klar», auch das Team hatte er flugs zusammen. «Wir sind auf Kurs», sagt er – und dieser lautet: «Wir wollen einen Super-Wettkampf mit Bombenstimmung und tollen Leistungen.»

In dieser Welt der Superlativen hat es durchaus Platz für einen Schweizer Meister Hunziker. «Schauen wir mal», sagt er nur. Doch seine Augen verraten: Ich bin (wurf-)bereit.