Kaisten

Der Mut zum Neustart hat sich ausbezahlt

Moreno Müller, Forstwart im Forstbetrieb Thiersteinberg, aus Kaisten im Werkhof Gipf-Oberfrick.

Moreno Müller, Forstwart im Forstbetrieb Thiersteinberg, aus Kaisten im Werkhof Gipf-Oberfrick.

Moreno Müller (24) lernte Multimedia-Elektroniker und arbeitet jetzt als Forstwart in Gipf-Oberfrick. Er erzählt, warum er diesen Weg gegangen ist.

Vor den Fenstern kündet sich der nächste heisse Sommertag an. In der Werkstatt im Werkhof Gipf-Oberfrick verteilt Betriebsleiter Stefan Landolt die Arbeiten an seine Forstwarte.

«Wenn es so heiss ist, dann machen wir die körperlich anstrengenden Arbeiten am Morgen, weil es dann noch angenehm ist», sagt Moreno Müller.

In der grössten Hitze am Nachmittag stehen dann einfachere Arbeiten an. Strassenunterhalt oder das Anzeichnen der Bäume, die im Winter gefällt werden müssen.

Moreno Müller aus Kaisten hat im Sommer seine Lehre zum Forstwart abgeschlossen – mit der besten Note des Jahrgangs: 5,6.

Bei der Lehrabschlussfeier in Würenlingen erhielt der 24-Jährige im Juni seinen Fähigkeitsausweis und die Ehrenaxt des Försterverbands.

Es sind dies nicht nur die Auszeichnungen für drei erfolgreiche Lehrjahre, sondern auch dafür, dass er davor den Mut hatte, noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Vom Büro in die Berge

Nach dem Abschluss der Schule fing Moreno Müller im Sommer 2005 eine Lehre als Multimedia-Elektroniker an. Die Reparatur der Geräte faszinierte ihn. Schon vor dem letzten Lehrjahr aber merkte er, dass das nicht genug war.

Er schloss die Lehre ab, arbeitete aber nicht im Lehrbetrieb weiter, wo er ein eigenes Studio und ein Geschäftsauto bekommen hätte.

«Was bringt einem das, wenn man am Morgen nicht gerne aufsteht, weil einem die Arbeit nicht gefällt?», fragt Müller und gibt die Antwort gleich selbst: «Nichts.»

Deshalb räumte er das Büro und zog in die Berge. Zwischen Lehrabschluss und Rekrutenschule half er auf einer SAC-Hütte im Wallis aus.

Und auch nach der RS blieb Müller für die Sommer- und Wintersaison auf der Hütte. Die Arbeit im Freien und der Kontakt mit den Menschen in fröhlicher Ferienstimmung gefielen ihm. Er selbst konnte im Sommer Klettern gehen und im Winter Skitouren unternehmen, und das in nächster Nähe.

Nur zwei Sachen trübten die Idylle: Die Zwischensaison, die Moreno Müller mit Studentenjobs überbrücken musste und der Freundeskreis, der auf der Lämmerenhütte über Leukerbad halt doch weit weg war. «Das zeigte mir, dass die Hütte nicht die Lösung für die Ewigkeit ist», sagt Müller.

Schnupperwoche statt Job

Auf der Suche nach einem weiteren Job für die Zwischensaison fand er diese Lösung schliesslich. Einen Job bekam er damals zwar nicht, dafür die Einladung für eine Schnupperwoche.

Und nach der Schnupperwoche war klar, dass Müller eine Lehre als Forstwart beginnen würde. «Ich hatte mich nie an einen grossen Lohn gewöhnt und ich wohnte noch bei den Eltern – ich wusste: Wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie», sagt Müller.

Also fand er sich noch einmal mit drei Jahren Lehrlingslohn ab und bekam dafür «eine Lebensqualität, die ich vorher nicht kannte», wie er erklärt.

Die körperliche Arbeit im Freien, die Arbeitszeiten und der kurze Arbeitsweg vom Wohnort Kaisten nach Gipf-Oberfrick, die Arbeitskollegen und das Vertrauen des Chefs – all das sorgte dafür, dass Moreno Müller am Morgen aufstehen konnte und sich schon auf den Tag freute.

Höchst selten kommt es noch vor, dass er sich beim Läuten des Weckers noch einmal im Bett umdrehen will. Wenn es einige Tage ununterbrochen regnet und er beim Aufwachen das Prasseln der Tropfen schon wieder hören kann etwa. Ansonsten gilt aber : «Es gibt in diesem Beruf nichts, das ich nicht gerne mache», sagt Moreno Müller.

Gedanken nach Unfall

Angst, dass ihm der neue Job verleidet, hat er nicht. Gedanken macht er sich über die Zukunft trotzdem. Die körperlich anstrengende Arbeit könnte im Alter zu viel werden. Oder ihm passiert etwas Schlimmeres als am 10. Januar dieses Jahres.

Damals stürzte bei Holzfällerarbeiten im Wald ein entwurzelter Baum auf Moreno Müller. Mit zwei Knochenbrüchen in der Schulter, Prellungen am ganzen Körper und einer schweren Hirnerschütterung kam er glimpflich davon. «Es hätte viel schlimmer sein können», sagt er.

Drei Monate war er arbeitsunfähig, verpasste beinahe die Lehrabschlussprüfungen. In den ersten Wochen nach seiner Rückkehr in den Job hätten ihn die Gedanken an den Unfall ständig begleitet. «Ich sah überall Gefahren», erinnert er sich.

Mittlerweile habe sich das gelegt. «Aber seither denke ich vermehrt daran, was passiert, wenn ich wieder einen Unfall hätte oder die körperliche Arbeit mir im Alter nicht mehr möglich ist», sagt Müller.

Kein Sommermensch

Jetzt aber will er erst einmal einfach arbeiten im Job, der ihm Freude bereitet. «Bis ich 40 bin, sollte es ja gehen», sagt er und lacht.

Seine Entscheidung zur Kehrtwende und Neuausrichtung hat er nie bereut. Auch an dem Sommertag, an dem die Sonne draussen schon frühmorgens wieder Hitze ausstrahlt, freut er sich auf den Tag im Freien.

Er bevorzugt zwar den Winter – «im Sommer hat es zu viele Brämen» – aber heute steht Jungbaumpflege an. Eine von vielen Arbeiten, für die Moreno Müller am Morgen gerne aufsteht: «Es ist einfach schön, das wachsen zu sehen.»

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