Himmelfahrt. Höllenfahrt. Im Licht. Im Dunkel. Dass das eine bisweilen nicht weit vom anderen entfernt liegt, dass Sein und Schein, Tag und Nacht, Licht und Dunkel viel näher beieinander liegen, als man es sich vorstellen kann, geschweige denn, als es einem lieb ist, erlebte Franz-Xaver Süess 2001.

Süess, damals 52, war seit 1994 Pfarrer in Frick. Er war beliebt. War ein Macher. War ein Seelsorger, der sich intensiv und jederzeit um die Seelen der Fricker kümmerte. Nur um eine zu wenig: seine.

Süess spürt seit einiger Zeit, dass in ihm nicht alles so ist, wie es sein sollte. Oder besser: Wie es die Gesellschaft erwartet. Er hält durch. Gibt noch mehr, stellt noch höhere Ansprüche an sich, läuft noch schneller.

Zu schnell.

Christi Himmelfahrt, 24. Mai. Er hält die Predigt, erledigt dies, erledigt jenes. Schlafenszeit. Es wird Nacht. Um ihn. In ihm.

Es wird Morgen. Und es bleibt Nacht. «Ich stand einfach absolut still, konnte nicht einmal mehr das Telefon abnehmen», blickt Süess zurück. Rien ne va plus. Nur ist es kein Spiel. Es ist das Leben.

Heute, 17 Jahre später, erzählt Süess von seiner schwierigsten Zeit in seinem Leben in einer Offenheit, die befreit. Und bedrückt zugleich. Er blickt lange aus dem Fenster des Hauses, in dem er seit 2002 wohnt. «Nicht Frick hat mich krank gemacht und auch nicht der Beruf», sagt er dann. «Ich war ein schlechter Seelsorger zu mir selbst.» Indem er alles gab, was er zu geben hatte, indem er stets noch etwas mehr arbeitete, noch etwas besser sein wollte, verlor er fast das wichtigste – sich selbst.

Himmelfahrt, Höllenfahrt, Stillstand. Er durfte stillstehen. «Das war mein grosses Glück.» Schwester Sonja, seine rechte Hand im Büro, übernahm das Administrative. Kaplan Max Kellerhals, damals schon fast 83, sprang als Seelsorger ein.

Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag nach dem Zusammenbruch. Max Kellerhals hält die Messe. Süess hat ihm einen Auftrag mitgegeben: Den Menschen in der Kirche zu sagen, was los ist mit ihm, zu sagen, dass er an einer Depression leidet. «Es war mir wichtig, klar und offen zu kommunizieren.» Für sich. Für die Gemeinde. Für alle, die an einer Depression – das Wort Burnout kannte man damals noch nicht – leiden und sich nicht getrauen, zu sagen: Mir geht es nicht gut. Im Nachhinein kamen viele zu ihm und sagten: «Auch mir geht es nicht gut. Ich bin froh, dass ich es endlich einmal sagen kann.»

Lichterlöschen

Es ist mucksmäuschenstill in der Kirche, als Kellerhals über die Krankheit von Süess spricht. Nach der Messe stehen die Menschen zusammen und mehr als einen hört man sagen: «Ausgerechnet der Herr Pfarrer. Der Seelsorger.» Süess lacht. Diesen Satz musste er auch in der Klinik, in der er drei Monate lang behandelt wurde, mehr als einmal hören: «Sie als Pfarrer können doch nicht betroffen sein.» Oder: «Sie sind doch Pfarrer und haben einen direkten Draht nach oben.»

Der Draht war heissgelaufen. Überhitzt. Durchgebrannt. Lichterlöschen. Süess sah kein Licht am Ende des Tunnels, sah nur Tunnel. In diesem Moment war für ihn unvorstellbar, je wieder in einer Kirche zu stehen, je wieder Verantwortung zu übernehmen, je wieder Seelsorger zu sein.

Er wandte sich ans Bistum, hilfesuchend. Doch das Bistum sagte nur: «Wir haben keine Stelle, die Seelsorgern in Not helfen kann.» Süess lacht, bitter. «Das machte mich noch trauriger. Ausgerechnet die Kirche, für die ich lebe, konnte mir nicht helfen.» Ausgerechnet. «Ihr lasst die Menschen, die dienen, einfach allein», sagte er zu den Verantwortlichen – und gab damit die Initialzündung zum Projekt «Seelsorger für Seelsorger».

In dem Moment nützte ihm das nichts. Süess musste seinen Weg selber suchen und gehen. Er führte ihn in die Klinik Eden in Rheinfelden. Ein Glücksfall, ist Süess überzeugt, lacht. «Die Klinik hat den richtigen Namen.» Drei Monate bleibt er dort, rappelt sich auf. Ein Schritt vorwärts, ein halber zurück. Manchmal auch zwei.

Lebenskrise. Sinnkrise. Tiefer Fall. Man liege am Boden, umschreibt es der heute 75-Jährige. «Und erst da, am Boden, ganz unten, merkt man, ob einen noch etwas trägt.» Er spürte, ganz tief in sich, dass er getragen wird, von einer ungeheuren Kraft, von Gott. «Ich wurde mit fast 60 nochmals gläubiger», sagt er heute.

Damals sah er es nur bruchstückhaft, wie durch einen Nebel. Eines Nachts, als der Nebel so dicht war, dass er die Hand vor Augen nicht mehr sah, als er zweifelte, an sich, an Gott, seinem Glauben, machte er etwas, was er bisher noch nie getan hatte, was er nur aus Büchern vom heiligen Franziskus kannte: Er nahm die Bibel, schlug sie an einer beliebigen Stelle auf, legte den Finger, ohne hinzusehen, auf die Seite, las, was dort stand. «Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst.» Psalm 91.

«Das war eines meiner tiefsten Gotteserlebnisse in meinem Leben», sagt er. «Ich wusste von da an: Es geht aufwärts.»

Depression als Chance

Es war ein Gefühl von innen, das ihn zur «Bibel-Probe» trieb, ein Wissen, nein: ein Fühlen, dass Gott ihm die richtigen Worte geben wird. Es sollte das erste und einzige Moment sein und bleiben, an dem er die Bibel auf diese Weise zu Hilfe nahm.
Süess lächelt, milde, wagt einen Satz, den man auch falsch verstehen kann. «Die Depression war mein Engel. Er sagte zu mir: Wenn du nicht auf dich aufpasst, Franz-Xaver, gehst du unter.»

Er hörte auf ihn, passte auf, arbeitete sich zurück. Immer im Wissen: Es wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Die Leistungsgrenzen werden tiefer liegen, die Verletzlichkeit immer Teil seines Ichs bleiben. «Dies zu akzeptieren, damit umzugehen war ein wichtiger Schritt zurück ins Leben.» Und die Erkenntnis: «Die Bibel zeigt ja, dass man nicht vollkommen sein muss», sagt er. «Das zu leben, lernte ich mit fast 60.»

Er kehrte zurück, nach Frick, zu seinen Gläubigen. Er war der Alte – und doch ein ganz Neuer. Einer, der sich nicht mehr nur um die Seelen anderer kümmerte, sondern nun auch um seine. Und das hiess für ihn: Die Leitung der Pfarrei abgeben, «nur» noch Seelsorger sein. Er zog aus dem Pfarrhaus aus, machte einen Neuanfang, im Wohnen wie im Ich-Sein.

Seelsorger für Seelsorger

«Das Ich darf man nicht ignorieren. Man darf die eigenen Bedürfnisse nicht hinten anstellen», warnt er. Sonst sei das Glas früher oder später leer. «Und dann fällt es unglaublich schwer, es wieder zu füllen.» Die Quelle des Lebens droht dann zu versiegen.

Süess musste lernen, dass es eine Balance von Geben und Nehmen braucht, von Nähe und Distanz, von Ich und Du. Wer immer nur gibt, wer alles und alle zu nahe an sich heranlässt, droht zu fallen. Süess formuliert es noch direkter: «Nur zu geben, kann dich umbringen.»
Ihn hat das Fallen stärker gemacht, verletzlicher aber auch. «Alleine kommt man da meist nicht heraus», weiss er heute. Auch deshalb hat er sich beim Bistum eingesetzt, dass Strukturen für Seelsorger in seelischer Not geschaffen werden. Damit niemand mehr so fallen muss, wie er es musste.

Die Bistumsleitung nahm seine Gedanken auf, arbeitete ein Konzept aus, eine Art Auffangnetz sollte es werden. «Als ich das hörte, sagte ich: Das ist der falsche Weg.» Denn ein Auffangnetz greife erst, wenn man die Kurve nicht mehr kriege. «Dann ist es aber schon zu spät.» Er intervenierte, sagte, ihr müsste nicht Netze bauen, sondern die Piste so ändern, dass die Fahrer ohne Netz auskommen.

Heute ist das Konzept umgesetzt. Seelsorger für Seelsorger. Es gibt Ansprechpartner, Mitpriester, mit denen Betroffene reden können. Das Angebot sei wichtig und gut, ist Süess überzeugt, lacht. «Wir Seelsorger sind nicht die einfachsten Leute und nehmen Hilfe nicht gerne an.»

Einsatz in Peru geplant

Verkehrte Welt. Die Seelsorger, die Menschen in seelischer Not beistehen, bringen es selber nur mit Mühe fertig, zu sagen, ihre eigene Seele sei in Not. Süess zuckt mit den Schultern, lächelt. «Reden und handeln sind eben oft zweierlei.»

Wissen und Ahnen ebenfalls. Rückblick. Franz-Xaver Süess, 1968 zum Priester geweiht, ist als Pfarrer beliebt. An drei Pfarrstellen war er länger, dann, mit 40, wollte er nochmals etwas ganz anderes machen. «Wir redeten immer von Armut. Ich wollte wissen, was Armut wirklich ist.»

Er meldet sich für einen zehnjährigen Einsatz in Peru. Er kündet seine Pfarrstelle, lernt in Spanien spanisch, rekognosziert in Peru sein Einsatzgebiet. Dann passiert es. Er fühlt sich nicht gut, versteht es nicht, versteht sich nicht. «Ich bin ein fröhlicher Mensch und war unter lauter fröhlichen Menschen. Doch es ging mir nicht gut.» Vor allem, weil er sah, wie viel Arbeit vor ihm lag, was er alles erreichen wollte. Er kam an seine Grenzen. Noch bevor er die Grenze selber sah.

Heute weiss er: Es waren die ersten Anzeichen einer Depression. Er nahm die Zeichen nicht ernst, dacht nur: «Franz-Xaver, reiss dich zusammen!» Er riss sich zusammen, rappelte sich auf. Nach Peru ging er dennoch nicht, trat eine Stelle in Romanshorn an. «Eine Super-Zeit», blickt er zurück, eine Zeit aber auch, in der die Wolken dichter wurden. Eines Tages konnte er nicht mehr aufstehen, verkroch sich zwei Tage lang im Bett. Auch das nahm er nicht ernst. «Franz-Xaver, reiss dich zusammen!»

Er riss sich zusammen, lief und lief. Eines Tages sagte eine Pastoralassistentin zu ihm: «Franz-Xaver, wir wissen, dass du gut bist und wir haben dich gern. Vielleicht hätten wir dich noch etwas lieber, wenn du nicht so gut wärst.» Er hörte den Satz. Heute begreift er ihn.

Das Bistum drängte die Seelsorger damals, ihre Stelle alle 10 bis 15 Jahre zu wechseln. Süess tat, wie angeordnet, schaute sich um, bewarb sich in Frick. Wieder muss er lachen, wie er an das Vorstellungsgespräch zurückdenkt. Er kam in den Raum, wo die Damen und Herren von der Pfarrwahlkommission sassen, setzte sich – und stellte, noch bevor das eigentliche Gespräch begann, eine für ihn zentrale Frage: «Könnt ihr euch vorstellen, dass der Pfarrer mit Velohosen durchs Dorf radelt?» Sie konnten. Und Süess sagte zu.

2000 Kilometer auf dem Velo

Seine Kollegen in der Ostschweiz schüttelten nur den Kopf. «Wie kannst Du nur!», sagten sie ihm. Ins schwarzkatholische Fricktal. Sie wetteten: Das geht keine zwei Jahre, bis der Franz-Xaver zurückkehrt. Sie behielten unrecht. «Ich erlebte die Fricktaler als ein offenes und aufgeschlossenes Völklein. Mir gefiel es auf Anhieb.»

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch an seiner Verletzlichkeit nicht, seinem permanenten Mäandern zwischen Hoch und Tief. Er akzeptiert es. Es ist Teil seiner selbst. So wie die Faszination für das Velofahren. Im letzten Jahr radelte er von Frick über Budapest nach Krakau. Zwei Monate, 2000 Kilometer, 20 Kilo Gepäck, oft ganz alleine unterwegs. Nur er, das Velo und die Natur.

«Erst wenn du ganz alleine bist, spürst du, dass du nicht alleine bist, dass du Teil des Ganzen bist», sagt er. «Die Natur trägt dich.» Vor der Fahrt dachte er, wenn ihm jemand sagte: Es ist das Grösste, alleine zu fahren – «der spinnt». Jetzt weiss er: «Es ist das Grösste.»
Vor jeder Steigung verband er sich mit dem Berg, wie er es umschreibt. «Jeder Berg ist ein Energiehaufen. Ich fragte ihn, ob er mir Energie gibt.» Er gab – und am Abend gab sie Süess im Gebet und im Danke-Sagen zurück.

Auf dem Weg sinnierte Süess viel über den Spruch: «Der Weg ist das Ziel.» Das stimme schon, sagt er, «aber auch das Ziel ist das Ziel». Und: «Das Ziel zieht dich.»

Das Ziel zieht dich. Das trifft auch im Krank-Sein zu. Der Weg aus der Depression, zurück ins Leben, war für Süess kein einfacher. Geholfen haben ihm sein Wille, seine Ärzte, sein Glaube – und seine Offenheit. Sie war die Basis für das Ich-Sein im Betroffen-Sein.

Noch heute wird er von Menschen, die kämpfen, die leiden, die den Weg suchen, angesprochen. Er hört zu, hilft, so gut er kann. Denn er ist ganz Seelsorger geblieben. Und sorgt sich um jede Seele – heute auch um die eigene.