Es sind bereits routinierte Handgriffe. Bruno Gardelli, seit Januar Leiter der Möhliner Storchen- und Wildvogelpflegestation, ist an der morgendlichen Fütterung der Vögel. Die Enten beäugen ihn dabei zwar neugierig, ignorieren ihn aber ansonsten zunächst.

Zwei Handvoll Futter wirft Gardelli in den Teich, einen gefüllten Blumentopf-Untersatz stellt er daneben. Erst als er das Gehege verlässt, watscheln die Enten los und stürzen sich schnatternd auf ihr Morgenessen.

«Ich habe mich gut eingelebt und fühle mich wohl», sagt Gardelli. Er habe sich in seinen ersten Monaten auf ein gut funktionierendes Team von Helfern verlassen können – und auf seine Vorgänger. Marcel und Margrit Laederach waren während über zehn Jahren als Leiter der Station tätig. «Sie haben mich bei der Einarbeitung in das neue Amt sehr unterstützt und helfen auch heute noch aus, wenn Not am Mann ist oder ich eine Frage habe.»

Der neue Vogelvater ist ein ausgewiesener Fachmann. Gardelli kümmerte sich bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr während Jahrzehnten um die grossen Vögel im Basler Zolli. Etwa um die Pinguine oder die Flamingos – und eben die Störche. Daneben ist er Regionalleiter Nordwestschweiz von der Organisation «Storch Schweiz», bereiste als solcher auch schon Mülldeponien in Spanien. Also jene Orte, an denen viele Störche aus der Schweiz mittlerweile die Wintermonate verbringen. Auch aus Möhlin sind vor einigen Wochen wieder Dutzende Störche in Richtung Süden aufgebrochen. Einige Störche überwintern wie in jedem Jahr in der Region. «Es sind Störche aus dem Ansiedlungsprogramm, denen der Zugtrieb fehlt», erklärt Gardelli.

Ein Vogel wie ein Flaggschiff

Er kann über Störche unzählige Fakten und Geschichten erzählen. Die Vögel seien mit ihrem Nest verheiratet, sagt er etwa. Störche kämen jedes Jahr wieder an denselben Horst zurück; allerdings nicht unbedingt mit demselben Partner. Denn wird ein Nest nach der Rückkehr im Frühjahr von einem Konkurrenten besetzt, kann der Storch, der im Jahr vorher darin gelebt hatte, auch sein Weibchen verlieren. «Störche sind nesttreu, aber nur saisonal partnertreu», erklärt Gardelli. Oft werde ein Horst aber über viele Jahre vom gleichen Paar bewohnt.

Wenn er von ihnen erzählt, wird klar: Die Störche haben es Gardelli angetan. Besonders auch ihr schwarz-weisses Gefieder. «Ein Storch ist wie ein Flaggschiff, wahnsinnig imposant.» Und: «Es ist ein sichtbarer Vogel, weil man den Jungen beim Aufwachsen zusehen kann. Das ist bei vielen anderen Arten, gerade bei kleineren Vögeln, kaum oder gar nicht möglich.» In der Storchenstation wurde sogar eine Kamera neben einem der Horste angebracht. Zuschauer konnten über die Website per Live-Stream verfolgen, wie Jungtiere darin aufwachsen.

Obwohl die meisten Störche inzwischen ausgeflogen sind, und die Horste in der Station grösstenteils verlassen dastehen, geht Gardelli die Arbeit nicht aus. Neben den Enten hat er derzeit unter anderem auch einige Steinkäuze und Rebhühner, Bartmeisen, zwei Schnee-Eulen, eine Dohle und mehrere Turmfalken zu versorgen. Es handelt sich dabei teilweise um Vögel, die dauerhaft in der Station leben, oder um Pfleglinge. Etwa bei den Turmfalken.

Greifvögel und Eulen sowie verletzte, kranke oder unterernährte Vögel werden in der Station nach vorgängiger Absprache weiterhin angenommen und gepflegt, bis sie wieder in die freie Wildbahn entlassen werden können. Gardelli hat die Aufnahme von Pfleglingen in den letzten Monaten aber etwas reduziert. So nimmt die Wildvogelpflegestation derzeit keine Nestlinge an. «Der Aufwand, der für einen solchen Pflegevogel anfällt, ist für unser knappes Personal einfach zu gross.» Überhaupt rät Gardelli, bei Nestlingen nichts zu überstürzen: So sollte zunächst beobachtet werden, ob sich die Eltern noch um ihn kümmern. «Ist dem so, reicht es, wenn der Vogel auf einen Ast oder in ein Gebüsch gesetzt wird», sagt er.

Bruno Gardelli setzt sich dafür ein, dass die Vögel wann immer möglich in der freien Wildbahn leben können; oder zumindest in einem naturnahen Lebensraum. Auch in der Vogelstation. Er betont, dass «nichts Grundlegendes» geändert werden müsse. Einige der alten Ställe und Hundehütten hat er aber aus den Gehegen entfernt, einige Pflanzen hinzugefügt. «Ziel ist es, dass die Gehege möglichst dem natürlichen Lebensraum der Vögel entsprechen.»

Fest zum Jubiläum

In diesem Zusammenhang hat er auch noch andere Pläne – oder besser: Wünsche. «Die Volieren sind teilweise fast 50 Jahre alt. Es wäre schön, wenn wir die Anlage modernisieren könnten.» Er weiss aber auch, dass dafür grosse Summen an Spendengeldern nötig wären. Eine Gelegenheit, die Bevölkerung für die Thematik zu sensibilisieren, bietet sich 2020. Dann feiert die Storchenstation ihr 50-jähriges Bestehen. Gemeinsam mit dem Natur- und Vogelschutz Möhlin ist ein Fest angedacht. Der neue Vogelvater ist nicht nur in der Storchenstation angekommen – er denkt bereits an die Zukunft.