Fricktal
Blick ins Fotoalbum: Der kleine Kaspar wollte nicht einfach der Chasperli sein

Prominente blättern für die az im Weihnachtsalbum. Heute: Kaspar Lüscher, der wenig Freude am Chasperli hatte.

Thomas Wehrli
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Kaspar Lüscher blättert im Fotoalbum.

Kaspar Lüscher blättert im Fotoalbum.

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Kaspar Lüscher, 62, kramt einen Stapel Dias hervor, legt sie in den altertümlich wirkenden Projektor, lässt die ersten drei durchrattern, bleibt beim vierten hängen. «Da ist es», sagt er, da ist das Corpus Delicti. Das Bild zeigt den vierjährigen Kaspar, wie er im Chasperli-Theater, das er von seinem Bruder Heinz zu Weihnachten geschenkt bekam, den Chasperli spielt.

Für die az-Adventsserie «Fricktaler Persönlichkeiten und ihre Weihnachtsgeschichte», die heute startet und die an jedem Tag einen Prominenten mit einer fotografischen Erinnerung samt dazugehörender Anekdote zeigt, hat der Autor und Schauspieler in den alten Alben geblättert. Wehmut sei beim Betrachten nicht aufgekommen, sagt er, vielmehr eine Art Glücksgefühl.

«Mein Weg ist stimmig», hat er beim Blättern durch Raum und Zeit festgestellt, hat dabei auch alte Texte seiner Mutter gefunden. Der Tenor: «Ich erzählte schon als Kind gerne Geschichten und war immer fröhlich.» Daran hat sich bis heute wenig geändert, vor allem am Geschichtenerzählen, darin ist er begnadet – und davon lebt er heute auch. Er kann mit 62 Jahren sagen: «Ich bin mich selber geblieben.»

Bruder war enttäuscht

Das mit dem «immer fröhlich» stimmt zumindest beim Chasperli-Bild nicht ganz. 1958 ist das Foto aufgenommen. Die fünfköpfige Familie war kurz zuvor von Basel nach Mol, Belgien, gezogen. Der Vater hatte einen Job als Bauingenieur, die Familie bewohnte ein «schönes Landhäuschen», sagt Lüscher, taucht ein in die Welt der Erinnerungen, erzählt von der kleinen Brücke, die über den Wassergraben zum Haus führte, vom grossen Garten, von der Stube mit dem wuchtigen Cheminée.

Mit vier bekam er ein Chasperli-Theater.

Mit vier bekam er ein Chasperli-Theater.

Zur Verfügung gestellt

Lüscher lacht, zeigt auf ein Foto. Darauf sieht man, wie seine Geschwister am Boden sitzen und vergnügt mit Weihnachtsgeschenken spielen, während er selber etwas gefrustet dasitzt. «Sie spielen mit meinen Geschenken.»

Kaspar teilte sein Zimmer mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Heinz, «ein Vorbild», dem er nacheiferte, etwa beim Liegestütze-Machen. Kurz vor Weihnachten war es, als es Kaspar in das kleine Reduit zog, in dem die Familie Koffer und andere Habseligkeiten aufbewahrte. Warum, weiss er nicht mehr, aber als er die Türe öffnete und das aus drei Sperrholzplatten gezimmerte Chasperli-Theater sah, wusste er sofort: Das bekomme ich.

Die Freude hielt sich in «engen Grenzen», denn das Chasperli-Theater gefiel ihm nicht wirklich. Gebastelt hatte es sein Bruder, «wohl auf Anraten meiner Mutter», wie er argwöhnt. Heinz erfuhr, dass Kaspar das Geschenk entdeckt hatte, war enttäuscht, was wiederum Kaspar traurig stimmte. In seinem Frust sagte Heinz, nun bekomme das Geschenk eben der Cousin, was Kaspar aber selbst mit vier Jahren schon als wenig wahrscheinlich einstufte, denn der Cousin lebte in der Schweiz.

Der Chasperli holt Lüscher ein

Weihnachten kam, die drei Kinder standen, herausgeputzt stets an Weihnachten, vor der Stubentüre, warteten. Die Türe ging auf, der Weihnachtsbaum brannte – natürlich nur die Kerzen –, unter dem Baum lagen die Geschenke. Mit dabei: Das Chasperli-Theater, jetzt mit sieben Figuren ausgestattet, die seine Gotte gebastelt hatte. «Das machte es nicht besser, denn die Figuren hatten nichts Sinnliches an sich.» Gesagt hat Klein Kaspar nichts. «Aber angesehen hat man mir sicherlich, dass es mir nicht gefiel.» Er machte gute Miene zum Chasperli-Spiel, tat den Erwachsenen den Gefallen – und gab den Chasperli.

Das Theater hat Lüscher nicht mehr losgelassen, nicht das Chasperli-Theater seines Bruders, «das hatte ich nicht lange». Aber das Theater als Faszination, als Leidenschaft, als Beruf. Und, viele Jahre später, gab er doch wieder den Chasperli, diesmal für seinen Sohn. Die Figuren, die seine Frau Vreni besorgt hatte, wirkten echter, «so echt, dass unser Sohn glaubte: die leben».