Er mag das Adrenalin, das er spürt, wenn seine Hände den Bügel des Bobs berühren und er nach vorne prescht, um am Start im Eiskanal die letzten Hundertstel herauszuholen. «Das Anschieben ist meine Passion», sagt der Herznacher Bobfahrer Roger Leimgruber, 26, der in dieser Saison im Bob von Pilot Timo Rohner mit bis zu 140 km/h den Eiskanal hinunterjagt. Dies macht er in diesem Jahr vornehmlich im Europe Cup – sozusagen der Nationalliga B des internationalen Bobsports.

Doch vor zwei Wochen rückte er als Anschieber für den Viererbob von Pilot Pius Meyerhans ins Team und schnupperte so zum ersten Mal Weltcup-Luft im bayrischen Königssee. «Das ist schon imponierend in der Garderobe, wenn man sieht, wie athletisch die Anschieber sind – da sind richtige Viecher dabei.» Seine Muskulatur und Schnellkraft will Leimgruber, der bei einer Grösse von 1,86 Meter 96 Kilogramm wiegt, weiter aufbauen, damit sein Traum wahr wird: «Ich will an die Olympischen Spiele 2022 in Peking.»

Für dieses Ziel betreibt er einen grossen Aufwand. Nach seinem Job auf dem Bau geht der Maurer zwei bis drei Mal die Woche für eineinhalb Stunden in den Kraftraum des Turnvereins Herznach und reisst, stemmt und stösst dort das schwere Eisen. Hinzukommen Sprint- und Sprungübungen. «Olympia gibt mir Motivation, das Training durchzuziehen», sagt Leimgruber, der an einem Tag an die 5000 Kalorien verbrennt. «Ich esse zum Znüni so viel wie ein gewöhnlicher Mensch am Mittag», sagt er. In der Mittagspause geht es dann zu seinen Eltern. «Da esse ich so drei bis vier Teller». Nachdem Training gibt es Proteine, anschliessend wird kohlenhydratreich gekocht. «Ich bin halt ein Dauerbrenner», sagt er mit einem Schmunzeln.

Ein Bob auf mobilen Schienen

Leimgruber, der damals als Steinstösser und Athlet erfolgreich als Turner des STV Herznach unterwegs war, kam relativ unvermittelt zum Bobsport. Im Mai 2015 veranstaltete der Verband Swiss Sliding am Jubiläum des Magdener Turnvereins einen Anschiebe-Wettbewerb, bei dem ein Bob auf mobilen Schienen aufgestellt wurde. Leimgruber nahm teil. «Ich hatte bis dato noch nie einen Bob aus der Nähe gesehen, aber es lief gut und so wurde ich ins Training eingeladen», erzählt er – auch sein älterer Bruder, Marco, ist durch einen ähnlichen Anlass zum Bobsport gekommen.

Anfang Februar packt Leimgruber seine Koffer. Swiss Sliding hat den Piloten Timo Rohner für die Zweierbob-Konkurrenzen im Weltcup in Lake Placid und Calgary nominiert. Rohner nimmt Leimgruber als einen von zwei Anschiebern mit. «Das wird für mich eine tolle Erfahrung, neue Bahnen kennenzulernen.» Rund fünf Wochen wird sich Leimgruber in den USA und Kanada aufhalten. «Ich habe unbezahlte Ferien genommen», sagt Leimgruber, der seinem Arbeitgeber ein Kränzchen dafür windet, dass ihm dieser genügend Freiraum gibt, seinen Sport auszuüben. So ist er seit Oktober – mit wenigen Unterbrüchen – ständig unterwegs. Zwar sind die Wettkämpfe am Wochenende, das Training auf der entsprechenden Bahn findet jedoch unter der Woche statt. «Mein Team ist meine zweite Familie», so Leimgruber, der fernab der Heimat via Telefon und Whatsapp mit seiner Freundin in Kontakt bleibt. «Sie unterstützt mich, in dem, was ich tue.» Für Fixkosten, die zu Hause auflaufen, hat Leimgruber einige private Sponsoren an Land ziehen können. «Ohne die würde es schwer werden, den Sport professionell zu betreiben», sagt er.

Effort und das Quäntchen Glück

Als Guido Acklin nach seiner Silber-Medaille im Zweierbob an den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer in Herznach empfangen wurde, war Leimgruber dabei – als Zweijähriger im Kinderwagen seiner Mutter. «Ich habe ein Foto davon, dass ich mir kürzlich wieder angesehen habe», sagt er. Der Gedanke, dass auch er eines Tages olympisches Edelmetall um den Hals hängen haben könnte, bringt Leimgruber in Verlegenheit. «Es gibt derzeit viele junge Anschieber, die gerne zu Olympia wollen. Um erst einmal dort hinzukommen, braucht es noch einen grossen Effort und dazu das nötige Quäntchen Glück», gibt er sich bescheiden.