Wahlen 2020

Besteht die GLP den Lackmustest ohne Zugpferd Agustoni? Das sind seine potentiellen Nachfolgerinnen

Roland Agustoni hat der GLP mit seinem Parteiwechsel zu einem Sitz verholfen. Kann sie ihn nach seinem Rücktritt halten? Alles deutet darauf hin.

Die Wahlen sind für die GLP im Bezirk Rheinfelden eine Art Lackmustest: Erstmals müssen sie ihren Sitz ohne Zugpferd Roland Agustoni verteidigen. Der Rheinfelder, der den Grünliberalen im unteren Fricktal mit seinem Parteiwechsel von der SP zur GLP, 2010 war’s, zum Sitz verhalf und ihn seither stets mit seinem gutem Ergebnis absicherte, trat im Frühling zurück – nach 23 Jahren im Grossen Rat. Das Politschwergewicht blieb sich dabei seinem Grundsatz treu: Mit 65 ist Schluss.

Ist damit Schluss für den GLP-­Sitz? Darauf deutet dreifach nichts hin. Erstens hat sich die Partei im unteren Fricktal und insbesondere in den beiden grössten und damit wählerstärksten Gemeinden, Rheinfelden und Möhlin, gut etabliert. Das zeigte sich auch bei den Nationalratswahlen 2019, wo die GLP im Bezirk Rheinfelden auf 9,5 Prozent der Stimmen kam und damit nur wenig hinter den Grünen und der CVP zurücklag.Zweitens hat mit Béa Bieber eine Power-Frau den Sitz von Agustoni übernommen, die mit Herzblut, vielen Ideen und auch einem guten Händchen politisiert.

Bieber hat sich, gerade auch mit ihrem Engagement für die Stadt Rheinfelden, weit über die Parteigrenzen hinaus einen Namen gemacht. Drittens tritt die Partei mit einer starken Liste an. So wird Françoise Moser, die als Gemeindepräsidentin von Kaiseraugst überzeugt, viele Stimmen sammeln, und auch den anderen Kandidierenden, etwa Stadtrat Dominik Burkhardt oder Tausendsassa Michael Derrer, ist ein gutes Resultat zuzutrauen.

Deutliche Unterschiede bei der Ausländerpolitik

Wie aber unterscheiden sich die Kandidierenden? Besonders in der Ausländerpolitik recht stark, wie ein Blick auf die Spider von sechs Kandidierenden – von vier lagen bis am Freitagnachmittag keine Daten vor – zeigt. Jon Forrer und Derrer machen sich dabei am stärksten für eine strikte Ausländerpolitik stark, bei den anderen tendiert der Ausschlag gegen null. Der schnelle Blick zeigt aber noch etwas anderes: Die Spider von Bieber, Moser und Livia Walpen liegen sehr nahe beieinander, eine thematische Übereinstimmung, die man sonst vor allem bei den Polparteien sieht.

Für alle Kandidierenden ist, wenig verwunderlich, der Umweltschutz wichtig. Hier erreicht Derrer nahezu den Maximalausschlag, die fünf anderen Kandidierenden befinden sich ebenfalls alle im äussersten der drei Radnetze. Beim Rechtssystem plädieren Derrer und Forrer für eine strenge Auslegung, während hier Bieber, Moser, Walpen und Michael Sailer teilweise deutlich zurückhaltender sind.

Eine freie Wirtschaft liegt allen etwa in gleichem Masse am Herzen, dagegen gibt es markante Unterschiede bei der aussenpolitischen Öffnung: Hier gehen Walpen und Bieber am weitesten, gefolgt von Moser und Sailer. Die kleinsten Peaks sind bei Forrer und Derrer auszumachen.

Für eine liberale Gesellschaft stehen Sailer, Walpen, Moser und Bieber stärker als die beiden anderen ein. Einen allzu umfassenden Sozialstaat sehen alle sechs weniger, am ausgeprägtesten ist der Peak bei Bieber, Moser und Walpen, am kleinsten bei Derrer.

Die differierenden Spider lassen es erahnen: Die 44 Fragen, die dem Vimentis-Spider zugrunde liegen, haben die Kandidierenden zum Teil konträr beantwortet. Zwei Beispiele. Zu einem Stimmrecht für Ausländer, die seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz leben und davon mindestens die letzten fünf Jahre im Aargau verbracht haben, sagen Bieber, Moser, Sailer und Walpen klar Ja, Forrer ist ebenso klar dagegen und Derrer hat ein «neutral/weiss nicht» angeklickt.

Die Frage, ob die Geschäftsöffnungszeiten im Kanton vollständig liberalisiert werden sollen, beantworten fünf mit einem Doppel-Plus, also einem klaren Ja. Dezidiert anderer Meinung ist Forrer, der die Frage mit einem Doppel-Minus beantwortet hat.

Livia Walpen steht am weitesten links

In vielen Fragen sind sich die sechs Kandidierenden auch (nahezu) einig. So etwa bei der Frage, ob ein Mindestlohn von 4000 Franken eingeführt werden soll. Dazu sagen Bieber, Forrer, Moser und Walpen klar Nein, Derrer und Sailer «eher Nein».

Legt man die Antworten auf die 44 Fragen auf die Links-rechts-Achse um, so zeigt sich, dass alle sechs Kandidierenden links der Mittelachse stehen. Noch auf der Achse, mit Linksdrall allerdings, befindet sich das Quadrat von Derrer. An der Achse schrammt auch noch Forrer, es folgen Sailer, Bieber und Moser. Am weitesten links steht – zumindest nach der Vimentis-Umfrage – Walpen. Aber auch ihr Quadrat befindet sich noch im zweiten der vier Links-Quadranten.

Betrachtet man die zweite Achse, also jene, die zwischen liberalen und konservativen Positionen trennt, so sind, wenig verwunderlich, alle auf der liberalen Seite des Spektrums zu finden. Am nächsten bei der Mittelachse ist auch hier Derrer. Es folgen Forrer, Moser, Bieber und Sailer. Am weitesten im liberalen Lager, im dritten von vier Quadranten, steht Walpen.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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