Es war der etwas andere Blick, der Blick von aussen und doch von ganz aus der Nähe, der analytische Blick, der schonungslose und damit auch selbstkritische Blick, den sich die Sozialdemokraten aus Bad Säckingen und dem Kreis Waldshut bei ihrem Neujahrsempfang gönnten. Kurz: Es war der Schweizer Blick. Landammann Urs Hofmann liess mit seinen «sozialdemokratischen Gedanken aus der Schweiz zum neuen Jahr» gleichermassen nachdenkliche wie tief beeindruckte badische Sozialdemokraten zurück.

«Geht das sozialdemokratische Zeitalter, wie es Professor Ralf Dahrendorf in den 1980ern beschrieben hatte, zu Ende?», fragte Hofmann angesichts dramatischer Stimmenverluste so gut wie überall in Europa. Für die Antwort nahm sich der Mann, der durch die 68er und die Aufbruchstimmung in Deutschland unter Willy Brandt zur Sozialdemokratie fand, Zeit. Die Dankbarkeit für frühere Errungenschaften allerdings führe nicht weiter; sie zähle in der Politik wenig. Gefragt seien vielmehr Überzeugungskraft der führenden Kräfte und klare Vorstellungen von der Zukunft.

Bekenntnis zur Arbeiterschaft

Hofmann analysierte den Zustand der sozialdemokratischen Partei in der Schweiz vor dem Hintergrund von Migration, Globalisierung und Digitalisierung. Das Ergebnis: Hofmann erwartet von der Sozialdemokratie die unzweideutige Haltung einer linken Partei. Soziale Gerechtigkeit sei das Kernthema der Sozialdemokratie, es müsse immer im Mittelpunkt stehen. Und: «Die klare Haltung zum Schutz vor Dumping liegt über alle Grenzen hinweg im Mittelpunkt unseres Interesses.» Migration, Globalisierung und Digitalisierung: All diesen gesellschaftlichen Veränderungen gemein ist, dass sie Vertrautes infrage gestellt, für Verunsicherungen gesorgt und Ängste erzeugt hatten. Auch wenn sich die Arbeitswelt unter diesen Einflüssen massiv verändert habe, verlangt Hofmann von seiner Partei da ein Bekenntnis zu den Interessen der Arbeitnehmerschaft: «Nur soziale Sicherheit ist eine wirkliche Sicherheit.»

Bevor Urs Hofmann im Saal des Trompeterschlosses ans Rednerpult trat, hoben Bürgermeister Alexander Guhl, Alexander Wunderle, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, und Rita Schwarzelühr-Sutter, die SPD-Kreisvorsitzende und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, das gute nachbarschaftliche Verhältnis zur Schweiz und die vielfältigen Beziehungen hervor. Doch ging Guhl auch kritisch mit der schweizerischen Atompolitik ins Gericht – «das hätten wir als Deutsche gerne anders».

Rhein als verbindender Fluss

Am Ende aber war Guhls Rede ein flammender Appell wider ein Europa der Nationen und für ein Europa der Europäer. «Ich wäre viel lieber mitten in der EU als an ihrer Aussengrenze», sagte Guhl. Warum dann auch noch Stefan Meier, der stellvertretende Vorsitzende des SPD-Ortvereins Bad Säckingens, ans Rednerpult trat, war rasch klar. Meier ist – wenn man so will – ein Pendler zwischen den Welten. Aufgewachsen in Bad Säckingen, ist seine Arbeitswelt in der Schweiz. Meier ist in der Verwaltung des Kantons Aargau angestellt. Seine Rede geriet zum Appell fürs Experimentieren und Ausprobieren und sie geriet zum Appell für Gemeinsamkeiten. Der Rhein, so sagte er, solle nicht als Grenze verstanden werden, sondern als ein die Menschen verbindender Fluss.