Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli ist eine der Promotorinnen des Frauenstreiks im Aargau. Was sie am Freitag machen wird, ist denn auch klar: streiken. «Allerdings erst ab 11 Uhr», sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Denn zuvor geht sie, wie jeden Morgen, in den Stall und versorgt die zehn Kühe, die zehn Kälber und die zehn Hühner. «Tiere und Pflegebedürftige darf man nicht bestreiken», ist für sie klar.

Danach aber wird dreifach gestreikt. Zuerst am Mittag in Wittnau, ihrem Wohnort, wo die Bezirks-Aktion stattfindet, Streik-Wähe inklusive. Dann in Aarau bei den Landfrauen und schliesslich an der offiziellen Demonstration in und durch Aarau. Sie nehme zur Sicherheit ein grosses Taschentuch mit, meint Häseli halb im Scherz. Nur für den Fall, dass es zu einem Tränengaseinsatz komme.

Häseli ist eine von rund 20 Personen, die im basisdemokratisch organisierten Aargauer Frauenstreikkomitee die Fäden ziehen. Sie wird an der Demo vom Freitag an vorderster Front des Umzuges mitlaufen und als Vertreterin der organisierten Frauen zusammen mit weiteren Frauen sowie Vertretern der LBGT-Bewegung das Transparent halten.

Eines der grossen Themen ist für Häseli die Lohngleichheit. Diese sei auch 2019 noch lange nicht erreicht, sagt Häseli und belegt es mit einem Beispiel aus ihrer Wohngemeinde: Hier verdient eine Putzfrau, die von der Gemeinde im Stundenlohn angestellt ist, 25 Franken. Ein ungelernter Mitarbeiter des Gemeindewerks dagegen bekommt 30 Franken auf die Stunde. «Das ist nicht gerecht», findet Häseli.

Das Spezielle daran: Gertrud Häseli sitzt seit 20 Jahren selber im Wittnauer Gemeinderat. Sie habe die Thematik im Gremium mehrmals angesprochen, sagt sie. Bislang sei sie mit ihren Argumenten jedoch nicht durchgedrungen. Als Gegenargument werde ins Feld geführt, dass die Arbeit eines Werkmitarbeiters körperlich anstrengender sei als jene einer Putzfrau und dies eine Lohndifferenz rechtfertige. Vor einigen Jahren hat die Gemeinde zudem eine Umfrage bei den umliegenden Kommunen gemacht. Diese zeigte, dass es die anderen Gemeinden ähnlich handhaben.

Häseli überzeugt das nicht. Vor allem das Argument, es sei halt immer schon so gewesen, ärgert sie. «Die Zeiten haben sich geändert», sagt sie und mit ihnen auch die technischen Hilfsmittel. «Ein Werkhofmitarbeiter kann heute auf mechanische Geräte wie den Werkhoftraktor zurückgreifen, für eine Putzfrau dagegen gibt es gegenüber früher kaum mechanische Arbeitserleichterungen.» Für Häseli ist klar: «Die Arbeit muss den gleichen Wert haben.» Sie fordert denn auch die öffentlichen Verwaltungen – und damit auch ihre Gemeinde – auf, für vergleichbare Arbeiten den gleichen Stundenlohn zu zahlen, «egal, ob die Arbeit von einer Frau oder einem Mann erledigt wird».

Doppelte Lohnschere

Mit Sorgen beobachtet Häseli auch die doppelte Lohnschere, die sich immer mehr öffnet. Die eine Schere ist die «automatisierte». Durch Teuerung und prozentuale Lohnerhöhung liegen die Löhne von Werkhofmitarbeiter und Putzfrau prozentual heute nochmals weiter auseinander als vor 20, 30 Jahren.

Die andere Schere ist jene zwischen mechanisierten und unmechanisierten Jobs. «Der Druck auf die Löhne ist dort besonders stark, wo wenig mechanisiert werden kann», ist Häseli überzeugt. Das sei insbesondere in der Pflege und der Hauswirtschaft der Fall. «Hier müssen wir Gegensteuer geben, sonst kommen noch mehr Menschen in den Working-Poor-Kreislauf.» Man müsse sich von der Vorstellung endlich verabschieden, dass die Arbeit im Bereich der Grundbedürfnisse weniger Wert habe.

Nichts abgewinnen kann sie auch der Sparmassnahme des Kantons, die Gebäudereinigung in den kantonalen Schulen und der kantonalen Verwaltung an externe Firmen auszulagern. Zum einen sei der Spareffekt gar nicht so hoch wie erhofft, da ja die Firmen gleichzeitig wieder überwacht werden müssten. Zum anderen «bleibt die Arbeit die gleiche und es wird somit auf dem Buckel der Reinigungsleute gespart». Häseli ist überzeugt: «Wer fremdreinigen lässt, hilft mit, die Löhne zu drücken.» Ihr ernüchterndes Fazit: «Die Reinigung ist der öffentlichen Hand offenbar nichts wert.»

Dies wollen Häseli und das Komitee des Aargauer Frauenstreiks ändern. Sie haben deshalb eine Petition lanciert, mit der sie die Regierung auffordern wollen, den laufenden Auslagerungsprozess zu stoppen. Die Petition fordert, dass «künftig die Reinigungsarbeiten nicht von externen Firmen, sondern von kantonal angestellten Personen getätigt werden».

Sorgen bereiten Häseli aber auch die finanziellen Perspektiven ihres eigenen Berufsstandes, der Bäuerinnen. «Sie sind die Letzten im Umzug», formuliert es Häseli bewusst pointiert. Das Problem hier sei, dass sich Bäuerinnen kaum je einen Lohn auszahlen würden. Damit haben sie aber auch keine Einlage in die AHV. «Zumindest buchhalterisch müssen die Betriebe einen Lohn zahlen», fordert Häseli.

Für Häseli ist der Frauenstreik am Freitag eine gute Gelegenheit, auf die Problematik aufmerksam zu machen. «Es ist eine Chance, einmal mehr auf die nach wie vor bestehenden Ungleichheiten aufmerksam zu machen.» Dass es damit nicht getan ist, weiss die Grünen-Politikerin. Sie hofft darauf, dass das Signal, das vorab Frauen am Freitag aussenden werden, ankommt – und dass, sprichwörtlich, steter Tropfen den Stein dann doch endlich mal höhlt. Letztlich erwartet Häseli eines: «Lohngerechtigkeit in den Firmen und eine bessere Anerkennung für die Arbeit, die Pflegende und Hauswirtschafterinnen leisten.»