Überschwemmungen

19. Mai 1994: Als das Wasser Rheinfelden zu verschlucken drohte

Vor 25 Jahren fehlten nur wenige Zentimeter – und die Rheinfelder Altstadt wäre überflutet gewesen.

Es sind dramatische Bilder, die das Schweizer Fernsehen am 19. Mai 1994 aus dem Aargau ausstrahlt. Dei A1 ist überflutet, Äcker stehen unter Wasser, Keller werden leergepumpt, Sandsäcke im Sekundentakt gefüllt. Innerhalb von 24 Stunden fallen über dem Mittelland an die 120 Liter Wasser pro Quadratmeter – das ist ein Zehntel der normalen Jahresmenge. Die Natur vermag diese Mengen nicht zu schlucken.

Im Fricktal bereitet man sich auf das Schlimmste vor. Denn alles Wasser, das im Aargau abfliesst, strömt früher oder später im Rhein durch die Region. Es sind bange Stunden, die das Fricktal, insbesondere Rheinfelden, an diesem 19. Mai, einem Donnerstag, erlebt.

«Wenn ein Feuer ausbricht, kann die Feuerwehr den Brand löschen. Man kann die Katastrophe aktiv bekämpfen. Bei einem Hochwasser kann man zwar Sandsäcke auftürmen, ist aber doch weitgehend machtlos. Man kann nur abwarten und zuschauen, wie der Pegel steigt», umschreibt Daniel Vulliamy diesen Moment der menschlichen Ohnmacht. Vulliamy, SVP-Grossrat und Ur-Rheinfelder, war damals Vizestadtschreiber von Rheinfelden.

«Schweiz aktuell extra» vom 19. Mai 1994:

Urs Winzenried, damals stellvertretender Polizeikommandant, kommt von einem Flug über den Aargau zurück. Er erzählt dem Reporter seine Eindrücke, sagt, die Situation im Fricktal sei kritisch. «Bis jetzt ist zum Glück nichts Schlimmes passiert», sagt er ruhig in die Kamera, fügt dann aber sorgenvoll hinzu: Bei der Brücke in Rheinfelden sei es jetzt schon relativ heikel. «Ich hoffe, dass der Rhein nicht mehr stark steigt.» Denn auch er weiss: Der Höchststand wird im unteren Fricktal erst am Abend, gegen 20 Uhr, erwartet. Auch Polizeikommandant Léon Borer sagt in der Tagesschau, für Rheinfelden werde es am Abend kritisch.

Rheinfelden, 16 Uhr. Die Wassermassen sind nur noch wenige Zentimeter unterhalb des Brückenbogens. An den Pfeilern bricht das Wasser. Steigt es bis an den Brückenbogen, droht die Rheinfelder Altstadt überflutet zu werden. Bereits jetzt sind mehrere Keller vollgelaufen, Feuerwehrleute und Zivilisten pumpen sie leer und füllen in Windeseile Sandsack um Sandsack. Rund 100 Leute sind im Einsatz, die deutsche Feuerwehr hilft ebenso auf Schweizer Seite mit wie der Zivilschutz. Man steht zusammen in dieser Notsituation.

Kurze Zeit später muss das Restaurant Schiff geräumt werden, das Wasser bahnt sich seinen Weg durch die Fenster ins Innere. Auch das Café Domino in der Altstadt steht unter Wasser.

Tagesschau Hauptausgabe vom 19. Mai 1994:

Die Rheinbrücke ist bereits seit 12 Uhr gesperrt, an beiden Brückenenden stehen Dutzende von Zuschauern. «Katastrophen-Touristen», bezeichnet das «Fricktaler Tagblatt», eine Vorläuferin dieser Zeitung, die Herumstehenden. Ihre Zahl nimmt noch zu, vor allem, weil die Nachricht die Runde macht, gegen 20 Uhr werde hier eine Flutwelle erwartet.

Weinetiketten schwimmen davon

Ein Altstadtbewohner erzählt, wie einer seiner Räume bereits unter Wasser steht. Noch seien die Fenster dicht, sagt ein anderer, aber wenn der Rhein noch 20 oder 30 Zentimeter steige, befürchte er, dass die Wassermassen die Fenster aufdrücken. Im Rathauskeller schwimmen derweil die Etiketten der Rathauswein-Flaschen davon. «Wir mussten den ganzen Keller leer räumen», erinnert sich Vulliamy. Eine Wand des Kellers grenzt an den Rhein, das Wasser drückte einfach durch die Wand hindurch.

Immer wieder schwenkt die TV-Kamera zur Rheinbrücke, dem Wasser-Nadelöhr von Rheinfelden. Bei der Brücke steht der Kommentator des Schweizer Fernsehens, spricht mit besorgtem Blick in die Kamera, sagt, dass der Höchststand ja erst am Abend erwartet werde, sagt, dass die Prognose schlecht sei, sagt, dass «mit grösseren Überschwemmungen zu rechnen ist».

In der Altstadt pumpt man derweil so viel Wasser so schnell wie nur irgendmöglich aus den Kellern und versucht vor allem, die Kanalisation am Laufen zu halten, damit das Rheinwasser nicht durch sie hindurch hinauf drückt.

Angst hat man vor allem vor einem Szenario: Dass das Wasser wirklich die Keller grossflächig überflutet – und man dann den Strom abstellen muss. Das wäre der Worstcase, denn dann würden die strombetriebenen Pumpen ebenfalls nicht mehr laufen. Ein Teufeslkreislauf wäre in Gang gesetzt. Das will man «mit allen Mitteln», wie es im Fernsehbeitrag heisst, verhindern.

Béa Bieber war damals Mitglied des Rheinrettungsdienst/Feuerwehr Rheinfelden. Sie erinnert sich noch gut an das Hochwasser. Das Rettungsboot musste ausgewassert werden, da es sonst wohl weggerissen worden wäre. «Der Steg für die Rheinschifffahrt stand nicht mehr im 90-Grad-Winkel zum Ufer, sondern schaute rheinaufwärts», erzählt sie. Der Rhein habe auch viel Schwemmholz mitgeführt. Genau dieses Holz machte auch den Helfern zu schaffen, machte ihnen Sorgen, denn es drohte, die Brücke zu verstopfen.

Rheinfelden, kurz vor 20 Uhr. Ein erstes Aufatmen. Der Rhein hatte seinen Höchststand überschritten. 6,4 Meter hoch stieg der Rhein. Normal sind 2,7 Meter. Das Wasser vermochte unter der Brücke hindurch abzufliessen – und die Brücke hielt dem Wasserdruck stand. Auch davor hatte man tagsüber Angst: dass die Brücke nicht hält. Gegen 22 Uhr gibt Feuerwehrkommandant Peter Wörfel dann Entwarnung. Die ersten Feuerwehrmänner konnten nach Haus entlassen werden. Die Arbeit indes geht weiter. Noch in der Nacht werden die letzten überschwemmten Keller ausgepumpt.

Wettfahrhäuschen geht unter

Nicht gehalten hat das Wettfahrhäuschen der Mumpfer Pontoniere: Es verschwand sang- und klanglos in den Fluten. In Wallbach gab es am Donnerstagabend einen Ölalarm; ein Schopf mit Ölfässern stand unter Wasser und die Fässer wurden herumgewirbelt, wobei auch etwas Öl austrat. Die Wallbacher Feuerwehr schützte den Schopf mit Sandsäcken, bis die Ölwehr als Badisch Rheinfelden zu Hilfe eilen konnte. Es habe zu keiner Weise eine Gefahr für die Umwelt bestanden, werden die Verantwortlichen am nächsten Tag sagen. Insgesamt musste die Feuerwehr in Wallbach 25 Keller auspumpen.

Schwer getroffen hat es auch die Firma Grenacher AG in Etzgen. Die Produktionsräume sind überschwemmt, die elektronischen Steuerungen mehrerer Maschinen im Eimer. Noch am Tag nach dem Hochwasser, am Freitag, pumpen Feuerwehrleute die Räume leer, während Mitarbeitende der Schloss- und Metallwarenfabrik begonnen hatten, zu putzen. «Es sieht noch katastrophal aus, mir scheint, wir treten an Ort», sagt Geschäftsführerin Rosmarie Bürgin-Grenacher zum «Tagblatt». Der Schaden belief sich auf mehrere Hunderttausend Franken.
Schäden verzeichnen auch Hornussen – hier riss die Sissle eine neu angelegte Böschung weg – und Schwaderloch, wo die Unterkunft einer Asylbewerberfamilie evakuiert werden musste. Auf Höhe Kaiseraugst wurden Motorboote weggerissen und in Mumpf stand der Campingplatz unter Wasser. Land unter.

Es blieb aber zum Glück bei Sachschäden; Personen wurden keine verletzt. «Wir sind noch einmal glimpflich davongekommen», bilanziert Bezirkspolizeichef Ludwig Spuhler am Tag nach dem Hochwasser.

Wieder Hochwasser im Mai 1999

Nicht das letzte Mal. Fast auf den Tag genau fünf Jahre später, im Mai 1999, hält das nächste Hochwasser den Aargau – und damit automatisch auch das «Abflussportal» Fricktal – in Atem. Rheinfelden trifft es noch härter als 1994. Der Rheinpegel steigt auf 6,8 Meter, der erste Brückenbogen steht damit vollständig unter Wasser. Der untere Teil der Marktgasse ist überschwemmt, auch das Restaurant Schiff ist geflutet. Béa Bieber, inzwischen seit 1998 Stadträtin, macht einen Augenschein beim Zoll. «Bis zu den Knien standen wir im Wasser», erzählt sie und windet den Einsatzkräften ein Kränzchen: «Die Leute haben es damals super gemanagt.»

Das findet auch Daniel Vulliamy. Seit den 90er-Hochwassern sei viel in den Hochwasserschutz investiert worden und auch das Stromproblem in den Kellern habe man gelöst, das 1994 für elektrisierende Momente gesorgt hatte. Vulliamy verstummt kurz, fügt dann hinzu: «Rheinfelden ist ganz eng mit dem Rhein verbunden.» Er sei das Markenzeichen der Stadt und mäandere meist lieblich-romantisch vor sich in. Nur eben: Manchmal kann er wild und unberechenbar sein. «Er ist ein Stück Natur und stärker als der Mensch», so Vulliamy. «Und das soll auch so sein.»

In Rheinfelden lebt man gut mit dem Wasser und auch mit der Gefahr, die der Rhein zumindest latent darstellt. Aber, das gibt Vulliamy unumwunden zu, es fahre schon ein, wenn die alte Rheinbrücke gesperrt werden müsse, weil das Wasser um die Pfeiler tobt. Vulliamy, der auch heute noch bei der Stadt arbeitet und die Stabsdienste leitet, ist überzeugt: «Wenn der Rhein kommt, sind wir heute gut gewappnet.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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