Pandemie

1600 km im Taxi und 29 Kontrollen: Zwei Fricktaler erleben eine abenteuerliche Heimreise aus Argentinien

Franz und Céline Häseli sassen drei Monate lang wegen Corona in Argentinien fest. Nur dank guter Beziehungen erwischten sie den Rückflug.

So hatten sich Franz Häseli und seine Tochter Céline ihre Rückreise aus Argentinien definitiv nicht vorgestellt. Statt bequem vor Ort in ein Flugzeug zu steigen, mussten sie im Taxi mehr als 1600 Kilometer quer durch Argentinien bis an die Grenze zu Brasilien fahren und von dort weiter nach São Paulo.

An der Grenze, die nur für sie geöffnet wurde, hatten sie 22 Stunden Taxifahrt und 29 Polizeikontrollen hinter sich. Beim letzten Kontrollposten schienen die beiden Fricktaler sogar unsanft zu stranden. «Wir gelangten nur mit Beziehungen ans Ziel», ist sich Häseli bewusst.

Doch der Reihe nach. Franz Häseli (57), grosser Südamerika-­Fan seit über 30 Jahren, führt jedes Jahr Individual- und Kleingruppenreisen nach Kolumbien, Argentinien und Brasilien durch. Im Januar reiste er zusammen mit seiner erwachsenen Tochter Céline nach Argentinien und führte zwei Gruppen durch Kolumbien. Am 13. März kehrte er nach Salta zurück, Ende März erwartete er die nächste Gruppe. Ende April wollten Häselis in die Schweiz zurückfliegen.

Anfänglich an ein schnelles Ende geglaubt

Doch dann kam Corona. «Wir waren wenige Tage in Salta, als der Lockdown kam.» Ganz am Anfang dachte Häseli noch: «Das geht schnell vorbei.» Er war zuversichtlich, dass er die geplante Reise Ende März durchführen kann.

Es kam anders. Alles wurde stillgelegt. Flüge, öffentlicher Verkehr, (Nacht-)Leben. Nur einkaufen blieb erlaubt. «Schlimm war, dass man kaum an Informationen kam.» Und wenn, entpuppten sie sich allzu oft als Gerüchte. «Viele Einheimische hatten keine Ahnung, was los war», erzählt er. Er wusste durch Kontakte nach Hause, was Sache war. Informationen holten sich die beiden auch im Internet – wenn sie dann mal Verbindung hatten.

Ein provisorischer Sanitätsposten unterwegs.

Ein provisorischer Sanitätsposten unterwegs.

Aufgrund der Berichte in der Schweiz kauften sie rechtzeitig genügend Nahrungsmittel ein. «Wir ahnten, dass es auch hier zu Hamsterkäufen kommen könnte.» Es kam so. Die nächsten fast drei Monate lebten Franz und Céline Häseli auf einer Finca. «Wir hatten es gut», sagt er. Die Zeit vertrieben sie sich mit Heuen, Holzen, Backen, Kochen, Tiere betreuen, Sport – und Themenabenden. Etwa mit einem Fondue-Abend mit Swissfolklore.

Die ganze Zeit begleitete sie aber eine Frage: «Wie kommen wir bloss in die Schweiz zurück?» Denn der gebuchte Rückflug wurde mehrfach verschoben. Zuletzt auf unbestimmt.

Häseli nahm Kontakt mit der Botschaft auf, erlebte den Kontakt als «sehr gut». Hier erfuhr er auch, dass der Bund Repatriierungsflüge aus Buenos Aires nach Zürich organisierte. «Das wäre uns aber alles in allem recht teuer zu stehen gekommen», sagt der Gipf-Oberfricker. Sie entschieden sich deshalb dafür, den ersten Linienflug abzuwarten.

Einen Chauffeur zu finden, war alles andere als einfach

Es wurde Mai. Juni. Juli. Dann die Nachricht: Swiss fliegt wieder ab São Paulo. «Wir buchten sofort», sagt Häseli, lacht. «Das war noch der einfachste Teil der Rückreise.» Denn da Anfang Juli noch immer keine Busse fuhren, mussten sie sich einen Chauffeur suchen. Nur: Niemand wollte den Job übernehmen, denn die Reise führt quer durch fünf Provinzen – alle mit anderen Quarantänebestimmungen.

Céline und Franz Häseli an einem der Polizeiposten.

Céline und Franz Häseli an einem der Polizeiposten.

Während Franz und Céline Häseli dank der Botschaft Passierscheine durch alle Provinzen erhielten, hätte der Chauffeur nach der Rückreise zwei Wochen nicht arbeiten dürfen. «Diesen Lohnausfall konnte sich niemand leisten.» Sie fanden dann doch einen Chauffeur, der sie bis zur letzten Provinz brachte. Einen, der jemand kannte, der ihn zurückliess, ohne dass er in die Quarantäne muss. Häseli zuckt mit den Schultern. «Das nennt man dann wohl Vetternwirtschaft.» An der Provinzgrenze sollte ein anderer Fahrer warten.

22 Stunden dauerte die Fahrt, 29 Polizeikontrollen mussten sie passieren. «Bei einigen wurde das Fahrzeug mit Drogenhunden durchsucht», erzählt Häseli, der betont: «Die Polizisten waren stets freundlich – und staunten, dass überhaupt noch Touristen im Land sind.» Die Strassen hatten sie für sich alleine.

Die Reise endete beinahe am letzten Provinzposten

Dann der letzte Provinzposten. Häselis schluckten leer. Denn ab dem Tag, an dem sie ankamen, musste jeder, der passieren wollte, einen Coronatest vorlegen. Den hatten sie nicht und die Beamtin stellte auf stur. «Der zweite Taxifahrer kannte die richtigen Leute, die er anrufen musste.» Dann ging alles schnell.

Drei Tage verbrachten sie in Iguazú, einem Touristenhotspot. Wo sonst Zehntausende Touristen pro Tag die weltbekannten Iguazú-Wasserfälle bestaunen, war alles wie leergefegt. Alle Hotels geschlossen. Dank Beziehungen kamen sie in einem Luxushotel unter. «Wir hatten das Hotel ganz für uns alleine», sagt Häseli. Er schmunzelt. «Beziehungen sind in Südamerika alles.»

Franz Häseli im menschenleeren Flughafen.

Franz Häseli im menschenleeren Flughafen.

Das war auch an der Grenze zu Brasilien nicht anders, die nur für sie geöffnet wurde. Die letzten zwei Kilometer hätten sie laufen müssen. «Dank meiner Beziehungen fuhr uns die Polizei zum Grenzposten.»

Als sie in São Paulo den Flieger bestiegen, staunten sie abermals. «Obwohl es der erste Flug war, war die Maschine halb leer.» Und nochmals hatten die beiden Glück: Sie landeten in der Schweiz – zwei Tage bevor Brasilien auf die Quarantäneliste kam.

Zurück in der Schweiz staunte Häseli abermals. «Hier deutete wenig auf die Coronakrise hin.» Denn während in Argentinien absolute Maskenpflicht herrschte – bei Nichtbeachten drohten Bussen bis 700 Franken – war hier kaum jemand mit einer Maske unterwegs.

Diese Reise werde er nie vergessen, resümiert Häseli. Auch, weil er einmal mehr sah, was Armut heisst. «Für die Menschen in Argentinien ist weniger das Virus eine Bedrohung als die aus dem Lockdown resultierende Not.» Viele haben kein Geld, leben sonst schon von der Hand in den Mund und wissen nun nicht, wie sie sich ernähren sollen. Gerade jene, die vom Tourismus leben. Für Häseli ist klar: «Sobald die Coronakrise vorbei ist, fliege ich sofort wieder nach Südamerika.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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