Oberwil-Lieli
Wegen Biobauer gibt es in Glarners Oberwil-Lieli nun doch noch Asylbewerber

Ein Biobauer beschäftigt einen Monat lang zwei Afghanen auf seinem Betrieb. Mit seinem Handeln möchte er in der Gemeinde am Mutschellen ein Zeichen setzen.

Chantal Gisler und Nora Güdemann
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Roger Gündel arbeitet mit seinem Praktikanten Philipp Nesseler und den Asylbewerbern Mohammadi Zaker (links) und Mohammadi Qurbanali auf dem Rüeblifeld.n. güdemann

Roger Gündel arbeitet mit seinem Praktikanten Philipp Nesseler und den Asylbewerbern Mohammadi Zaker (links) und Mohammadi Qurbanali auf dem Rüeblifeld.n. güdemann

Nora Güdemann

Langsam fährt der kleine grüne Traktor durch das Feld. Mit flinken Händen pflanzen Mohammadi Qurbanali und Mohammadi Zaker die Setzlinge auf das Feld des Biobauern Roger Gündel.

Die beiden sind Flüchtlinge aus Afghanistan und sind seit einer Woche in Oberwil-Lieli. Flüchtlinge in Oberwil-Lieli? Aber das Dorf hat sich doch im Juni gegen die Aufnahme von Asylbewerbern ausgesprochen. Warum sind jetzt doch Flüchtlinge hier?

Der Birchhof ist seit langem im Besitz der Familie Gündel. Vor einigen Monaten entschied sich Roger Gündel, Freiwillige aus anderen Kulturen für ein oder zwei Monate auf dem Hof aufzunehmen, darunter auch Asylbewerber.

Mit seinem Handeln möchte er in der Gemeinde am Mutschellen ein Zeichen setzen. «Die Abstimmungen fielen immer sehr knapp aus», erklärt der Biobauer.

Die kleine Gemeinde am Mutschellen hatte sich im Juni mit 579 zu 525 Stimmen dafür entschieden, eine Abgabe an den Kanton zu zahlen, anstatt Asylsuchende aufzunehmen. «In unserem Dorf gibt es aber auch viele Menschen, die den Flüchtlingen helfen wollen, die meisten werden jedoch durch Angstmacherei manipuliert.

Ich will den Leuten zeigen, dass Asylbewerber ganz normale Menschen sind, die auch ihre Sorgen und Ängste haben.» Er zeigt auf die Gemeinschaftsküche: «Jeden Freitag kocht meine Frau eine Schweizer Spezialität, so lernen die Asylbewerber auch etwas über unsere Kultur.»

Arbeitsalltag statt Flucht

Bevor sie in die Schweiz kamen, waren die beiden Afghanen zehn Monate auf der Flucht. Der 28-jährige Qurbanali fängt schüchtern an zu erzählen: «Ich bin zuerst in den Iran und später mit Bussen und Zügen über die Türkei hierhergekommen. Illegal.»

Seit Sonntag leben die beiden auf dem Birchhof, am Montag begann für sie der erste Arbeitstag. «Uns gefällt es in der Schweiz, die Leute sind sehr freundlich und die Arbeit macht Spass», meint Qurbanali lächelnd, Zaker nickt zustimmend. Die beiden sind nicht die ersten Flüchtlinge auf dem Hof, zuvor halfen zwei Tibeter bei Gündels aus.

Qurbanali und Zaker werden einen Monat bleiben und dem Leiter des Hofes bei alltäglichen Aufgaben, wie Setzlingepflanzen oder Unkrautjäten, unterstützen. Ihnen gefällt die Arbeit, auch wenn es keinen Lohn für die beiden gibt.

Tino Fröhli, Lehrling auf dem Birchhof, ist überwältigt vom Optimismus der beiden Afghanen: «Jeden Tag wünschen sie uns fröhlich einen guten Morgen und sind stets gut gelaunt. Beeindruckend, wenn man weiss, was die beiden auf ihrer Flucht alles erlebt haben.»

Keine negativen Reaktionen

Flüchtlinge sind in Oberwil- Lieli nach der Abstimmung im Juni nicht erwünscht. Gündel beteuert jedoch, dass es bisher keine negativen Stimmen aus der Bevölkerung gegeben habe. «Asylbewerber, die nicht arbeiten, werden hier nicht gerne gesehen.

Wenn sie sich jedoch beschäftigen, ist ihre Anwesenheit kein Problem.» Dies bestätigt auch Praktikant Philipp Nesseler: «Ich habe noch nie schlechtes Gerede über den Hof und die zwei Afghanen gehört.»

Biobauer Gündel arbeitet zusammen mit den Zürcher Organisationen «Workcamp Switzerland» und «Solinetz», die freiwillige Arbeitseinsätze für Kost und Logis vermitteln.

«Bei Workcamp kann man auswählen, ob man 10 bis 15 Leute für eine Woche oder 2 bis 4 Volontäre für einen Monat aufnehmen möchte. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, da es mir wichtig ist, die Arbeiter kennen zu lernen und mit ihnen zu plaudern», erzählt Gündel.

Workcamp Switzerland: Flüchtlinge arbeiten freiwillig mit

Roger Gündel arbeitet zusammen mit der Zürcher Freiwilligen- und Jugendaustauschorganisation Workcamp Switzerland und dem Flüchtlings-Solidaritätsnetz Solinetz Zürich. Workcamp Switzerland vermittelt internationale Freiwillige in soziale, kulturelle und ökologische gemeinnützige Projekte von zwei Wochen (Workcamps, 8–16 Freiwillige) bis zu drei Monaten (Langzeiteinsätze, zwei bis vier Freiwillige). Die Volontäre engagieren sich für Kost und Logis und für unbezahlbare Erlebnisse im Kulturaustausch. Mit seinem internationalen Netzwerk, der «Alliance of European Voluntary Service Organisations» macht sich Workcamp Switzerland stark für den Einbezug von Flüchtlingen in Freiwilligenprojekte. (az)

Mohammadi Qurbanali und Mohammadi Zaker werden nur noch ein paar Wochen auf dem Birchhof bleiben. Bis dahin werden sie mit dem kleinen grünen Traktor noch viele Rüebli setzen, Deutsch lernen und jeden Freitag Schweizer Älplermagronen oder Raclette essen.