Wohlen
Vor 75 Jahren wurde in Wohlen die erste Kinderkrippe eröffnet

Vor 75 Jahren wurde die erste Kinderkrippe in Wohlen eröffnet. Die einstige Pioniertat wird nun als rundes Jubiläum am 13. September im «Chinderhuus» gebührend gefeiert.

Jörg Baumann
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«Velöliparade» im «Wohler Chinderhuus»; hinten, von links, die Gruppenleiterin Milena Baldelli, die Co-Leiterin Beatrice Binder und die Leiterin Gertrud Laube.

«Velöliparade» im «Wohler Chinderhuus»; hinten, von links, die Gruppenleiterin Milena Baldelli, die Co-Leiterin Beatrice Binder und die Leiterin Gertrud Laube.

AZ

Vor 75 Jahren, am 17. Dezember 1939, erlebte die Gemeinde Wohlen einen Freudentag: Im Kinderheim, das damals Menzinger Ordensschwestern führten, wurde die erste Kinderkrippe in der Geschichte der Freiämter Strohindustriemetropole eröffnet.

«Das war eine bewundernswerte Pioniertat», erklärt Gertrud Laube, Leiterin im «Wohler Chinderhuus», wie sich die Kinderkrippe heute nennt. «Schon damals unterstützte die Gemeinde Wohlen jene Mütter, die ausser Haus einer Arbeit nachgehen mussten.»

Eine Pioniertat muss ausgiebig gefeiert werden. Am Samstag, 13. September, laden das Team vom Wohler Chinderhuus» sowie der Verein Erziehung und Bildung die Bevölkerung ein, den Betrieb in der Krippe aus der Nähe zu betrachten. Die Göttigesellschaft stellt dabei das Servicepersonal, das die Gäste in der Festwirtschaft bewirtet.

Für die Kinder werden einige Attraktionen vorbereitet: neben einer Hüpfburg ein Schminkatelier und eine Station, wo die Kleinen Überraschungspäckli fischen können.

Dazu tritt der Zauber-Ballonkünstler Charismo auf. Vizeammann Paul Huwiler, Schulminister von Wohlen, und André Rotzetter, Präsident des Vereins Erziehung und Bildung, der das «Wohler Chinderhuus» seit diesem Jahr auf privatwirtschaftlicher Basis führt, überbringen Grussworte.

Menzinger Ordensschwestern standen früher dem Kinderheim vor; Aufnahme aus dem Jahr 1940.

Menzinger Ordensschwestern standen früher dem Kinderheim vor; Aufnahme aus dem Jahr 1940.

Archiv/Kloster Menzingen

Kinder lernen schnell Deutsch

«Wir wollen den Besuchern an diesem Festtag zeigen, wie heute der Alltag der Kinder im «Wohler Chinderhuus» aussieht. Unsere Betreuungsarbeit geht weit über das hinaus, was man landläufig und abschätzig ein bisschen Kinderhüten nennt», sagen Gertrud Laube und die Co-Leiterin Beatrice Binder.

Das «Wohler Chinderhuus» betreut gegenwärtig mit einem Team von 15 Frauen total 46 Kinder vom Baby bis zu den Sechsjährigen aus acht Nationen. Das Haus ist voll besetzt. Deutsch lernen die fremdsprachigen Kinder im «Chinderhuus» praktisch automatisch von jenen, die die Sprache schon von Haus auf sprechen.

Trotzdem versteht sich die Kinderkrippe bewusst nicht als Vorstufe zur Schule. «Unsere Kinder lernen, miteinander zu spielen und in der Gruppe friedlich zusammenzuleben», betonen die Leiterinnen. «Die Eltern sind mit unserer Arbeit und unserer Dienstleistung zufrieden», erläutert Gertrud Laube. Dies belege, dass das «Chinderhuus» auf dem richtigen Weg sei.

«Ich bin überzeugt, dass wir mit unserer Arbeit der Gesellschaft einen grossen Gefallen machen. Denn bei uns werden die Kinder auf ein Leben vorbereitet, in dem man Konflikte gewaltfrei austrägt.»

Das Leben war im einstigen Kinderheim für die damaligen Kinder gewiss nicht einfach. Aber das Jubiläumsfest sei nicht der richtige Anlass, um gegen die ehemalige Heimführung zu polemisieren, meint Gertrud Laube. Vielmehr wolle man den Festbesuchern zeigen, wie sich die Zeit zum Besseren verändert habe und wie intensiv und liebevoll sich das pädagogisch gut geschulte
Team im «Chinderhuus» um jedes einzelne Kind kümmere. Im «Chinderhuus» wird allen Erziehungsberechtigten die Gelegenheit geboten, ihr Kind während zweier Wochen zu begleiten und zu beobachten, wie es sich an die neue Umgebung gewöhnt. «Erst nach Ablauf dieser Eingewöhnungsfrist läuft der Vertrag an», sagt die «Chinderhuus»-Leiterin. «Wir legen grossen Wert darauf, dass sich ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern entwickelt.»

Eröffnung anno 1939: Gleich zwei Jubiläen im «Chinderhuus»

Im «Chinderhuus» werden am 13. September gleich zwei Jubiläen gefeiert: die Einweihung der neuen Waisenanstalt anno 1889, also vor 125 Jahren, die nach einem Grossbrand 1885 wieder aufgebaut worden war, und die Eröffnung des Kinderhorts vor 75 Jahren, zu der ein «trautes Festchen» gefeiert wurde, wie die Lokalzeitung im Dezember 1939 berichtete. Die Waisenanstalt wurde auf diesen Tag hin «hübsch geziert und festlich geschmückt», schrieb der Redaktor. Die Anstaltskinder übten sich monatelang im Singen, Tanzen und Deklamieren, «um ja den Gästen an diesem Festtage etwas Gediegenes bieten zu können.» Das Zepter führte an der Feier Wohlens Gemeindeammann Heinrich Irmiger. Er dankte der Heimleitung, den Menzinger Schwestern, seinen Vorgängern im Gemeinderat, die sich für das Wohl des Heimes eingesetzt hatten, dem Anstaltsarzt Hans Candinas und der Geistlichkeit, besonders aber auch Gemeinderat Anton Steinmann aus Anglikon, welcher der Anstalt seit 1923 vorstand. Die Entwicklung im Waisenhaus sei dank der vortrefflichen Leitung eine regelmässige gewesen, sagte Irmiger «Stets herrschte ein guter Geist im Hause, was zu einer guten Erziehung der Kinder wesentlich beitrug.»
Mit der Eröffnung der Kinderkrippe änderte man 1939 auch den altertümlichen Namen der Anstalt in «Kinderhort». Das baufällige Gebäude wurde, nachdem das Mutterhaus Menzingen den unhaltbaren Zustand schon jahrelang beanstandet hatte, abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. 1988 zogen sich die Menzinger Schwestern von der Leitung des Kinderheims zurück. Die Behinderteninstitution Integra übernahm schliesslich das Gebäude und nutzt es seitdem als Wohngruppenhaus. (ba)

Ein Kinderhort in einem Park

Die Voraussetzungen, dass dies gelingt, sind gut: Das «Chinderhuus», früher das Wohnhaus des reformierten Pfarrers, verfügt seit dem Umzug über grosszügige, kinderfreundliche Räume sowie über Rückzugsmöglichkeiten im Schlafzimmer, im Stübli oder in der Kuschelecke. Ein ganz grosser Vorzug ist die Lage des «Chinderhuuses» beim Bahnhof in einem schönen Park mit vielen alten Bäumen, in dem die Kinder geschützt vor dem Autoverkehr prächtig spielen können. Der Alltag wird so gestaltet, dass immer etwas läuft. «Die Baugrube für die neue Wohnsiedlung beim Bahnhof war natürlich, als sie noch offen war, ein besonderer Anziehungspunkt für unsere Kinder. Sie konnten den Bauarbeitern zusehen. Das war extrem spannend für sie», sagt Gertrud Laube.

Regelmässig dürfen sich die Kinder auch in der Turnhalle Bünzmatt und vom Herbst bis in den Frühling auch im Lernschwimmbecken aufhalten, wo sie sich, auch spielerisch, langsam und ohne Druck ans Wasser gewöhnen können. Die Kindergeburtstage sind im «Chinderhuus» regelrechte Festtage, die aus dem Alltag hervorstechen. Aber auch ein Mittagessen kann den Tag versüssen. «Omeletten und Spaghetti sind die absoluten Renner», sagt Co-Leiterin Beatrice Binder.

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