Uezwil
Vom «Stiefeli» bleiben nur Erinnerungen – im Freiamt geht eine Ära zu Ende

Generationen kauften im Uezwiler «Stiefeliryter» Brot, assen im Restaurant oder tranken in der Bar. Nächste Woche wird er abgerissen.

Andrea Weibel
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Im rechten Hausteil waren früher Bäckerei und Restaurant untergebracht. Im Vordergrund standen Kastanien, darunter Tische und Stühle der Gartenbeiz.

Im rechten Hausteil waren früher Bäckerei und Restaurant untergebracht. Im Vordergrund standen Kastanien, darunter Tische und Stühle der Gartenbeiz.

Andrea Weibel

Das Dorf Uezwil zählte nur rund 400 Einwohner, dennoch wusste noch vor wenigen Jahren jeder, wo es liegt. «Jaja, das kenne ich, da ist der Stiefeli», hiess es fast jedes Mal. Die Beiz war in den letzten Jahrzehnten nie schön, und doch kamen di e trinkfreudigen Gäste aus der ganzen Region. Wieso das so war, kann selbst Familie Hausherr nicht sagen. Sie kennen Uezwil seit jeher: Vater Karl war Siegrist in der Uezwiler Kapelle, während Mutter Irma den Dorfladen führte.

«Man traf sich halt einfach da», erinnert sich Roman Hausherr, Sohn der Familie, lachend. Seine Eltern sowie seine Tante Klara Meier erinnern sich noch gut an die Bäckerei und das Restaurant, die vor über 100 Jahren eröffnet wurden und seither das Dorfleben prägten. Vor etwa 50 Jahren wurden die Bäckerei geschlossen und die Räume zur Bar umgebaut. Das Restaurant blieb bestehen. Die alteingesessenen Uezwiler haben wohl alle ihre «Stiefeli»-Geschichten, auch wenn die eine oder andere nicht laut erzählt werden sollte, wie sie lachend sagen.

Sie wollten nur Brot holen und versumpften in der Beiz

«Ganz früher war da die Bäckerei Fischer mit Verkaufsladen und Restaurant», erinnert sich Karl Hausherr. Ganz genau datieren kann man den Hausbau leider auch auf der Gemeinde nicht mehr. Doch Klara Meier nimmt ihr Familienbüchlein zur Hand, zeigt auf Emma Fischer, geboren am 23. Mai 1907, und erklärt: «Das war die Tochter von Bäcker Jakob Fischer und seiner Frau Emma. Sie wurde später meine Schwiegermutter.»

«Nach ihm kam Bäcker Toni Meier»

Bäcker Fischer stammte ursprünglich aus Jonen. Ob es vor ihm schon einen Bäcker in Uezwil gegeben hat, wissen die Pensionäre nicht. Doch Klara Meier weiss noch: «Fischers hatten hinten in den Ställen Pferde, mit denen sie die Brote nach Kallern oder in den Unterniesenberg lieferten. Die Kinder sassen hinten beim Brot in einer Kiste und mussten da jeweils lange warten, während der Vater hier und da ein Gläschen ausgeschenkt bekam.»

«Nach ihm kam Bäcker Toni Meier», weiss Irma Hausherr noch gut. «Ich ging mit seiner Tochter Theres zur Schule. Sie waren Uezwiler, von ’s Sattlers aus dem Hinterdorf. Ich weiss noch, es gab immer wieder solche, die Brot holen wollten und in der Wirtschaft sitzen blieben», berichtet Irma Hausherr. «Zum Beispiel hat so einer einmal sein Brot auf seinen Velogepäckträger geklemmt und ist in die Wirtschaft gegangen. Wir waren etwa 15 Jahre alt und kamen vom gemischten Chor. Einige meiner Freunde nahmen das Brot vom Velo, versteckten sich und assen es auf. Ich glaube, der Mann hat das gar nicht gemerkt, bevor er zu Hause war.»

Scheune, Bäckerei und der Gemeindeschreiber

Was die späteren Generationen als Eingang zum Pub kannten, war damals die Rückseite der Bäckerei. «Zu unserer Zeit war der Eingang auf der von der Strasse abgewandten Seite», erinnert sich Karl Hausherr. «Vom Eingang her rechts war der Bäckereiladen, links die Wirtschaft.» An die Strasse angrenzend befand sich die Scheune, während zwischen Scheune und Bäckerei/Restaurant das Haus von Gemeindeschreiber Emil Koch «’s Gustave» eingekeilt war.

Teich, grosse Kastanien und eine Reitschule

Später übernahmen Bäcker Max und seine Frau Emily Pfister aus dem Luzernischen, wie die Senioren noch wissen. «Sein Sohn Max wurde später Luzerner Regierungsrat», weiss Irma Hausherr zu berichten. Und: «Mit den Kindern der Familie ging ich oft spazieren, wenn die Bäcker zu viel zu tun hatten.»

Vor dem Haus, also auf der von der heutigen Bushaltestelle abgewandten Seite, lag ein Teich, und unter zwei grossen Kastanien standen Tische und Stühle des Restaurants. «Da hatte es auch eine Reitschule, also so ein Karussell, das man selber mit einem Rad drehen konnte. Das haben wir geliebt», weiss Sohn Roman Hausherr noch.

Motorräder, eine Geiss und Sägemehl in der Bar

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen. Später, als der «Stiefeliryter» vor allem als Pub bekannt war, fuhren mehr als einmal Töfffahrer mit ihren Maschinen zum Restaurant rein und zur Bar wieder raus. Jemand brachte einmal eine Geiss mit in die Bar, stellte sie auf den Tisch und begann, sie zu melken. Und bei einer Hochzeit – von denen viele im «Stiefeli» gefeiert wurden – warfen Gäste Sägemehl in den Ventilator, sodass das Lokal roch, als wäre es eine Sägerei.

Eine der schönsten Geschichten passierte dort aber Roman Hausherr. «Im Pub wusste man immer, dass man jemanden treffen würde. So habe ich dort Denise kennen gelernt, mit der ich unterdessen seit 18 Jahren zusammen bin.» Seine Schwester Corinne sagt ein wenig wehmütig: «Es geht wirklich eine Ära zu Ende.» Denn am kommenden Montag soll der «Stiefeli» endgültig abgerissen werden.

Aargauer Gastro-News 2021:

Mülligen, 21. April: Die Unternehmer Robin Deb Jensen und seine Frau Marloes Tjalsma übernehmen das Restaurant Müli.
36 Bilder
Aarburg, 20. April: Gastro-Aargau-Präsident Bruno Lustenberger kocht im Hotel Krone wieder für seine Gäste.
Baden, 19. April: Die Restaurants dürfen ihre Aussenbereiche nach vier Monate langer Schliessung wieder öffnen. Rüeggs aus Untersiggenthal/Remetschwil gehören zu den ersten Gästen im «Schwyzerhüsli».
Baden, 8. April: Das «Armando’s Pane e Vino» feiert mitten im Lockdown Neueröffnung. Im Bild: Inhaber Joel Ibernini und seine rechte Hand, Gastgeberin Nora Fassino.
Künten-Sulz, 18. März: Spitzenkoch Manuel Steigmeier (26) vom Restaurant Fahr kocht neuerdings coronabedingt auch in den Küchen seiner Kunden als sogenannter «Störkoch». Daneben läuft weiterhin das Take-Away Angebot seines Restaurants.
Mülligen, 6. März: Tessa Schneider gibt ihr Restaurant Müli nach zehn Jahren auf.
Boswil, 3. März: «Löwen»-Wirt Pitsch Wyrsch (links) hält sein Take-Away Angebot weiterhin aufrecht. Seit Anfang März allerdings können «Büezer» über Mittag auch in seiner Beiz speisen.
Stein, 27. Februar: Das Alte Zollhaus am Steiner Brückenkopf bietet derzeit einen recht trostlosen Anblick. Bei der Referendumsabstimmung vom 7. März wird mitunter darüber entschieden, ob die Liegenschaft in private Hand wechselt, sowie aufgewertet und umgenutzt wird.
Waltenschwil, 26. Februar: Auf dem Parkplatz des Restaurants «Volare» sind derzeit keine Autos, sondern Wohnmobile zu finden. Adriano Caranci bewirtet seine Gäste in ihrem Wohnmobil auf seinem Restaurantparkplatz.
Unterentfelden, 24. Februar: Die Unterentfelder eine Sammelaktion für ihre einzige Dorfbeiz, das Restaurant Post, gestartet. Keine 24 Stunden später sind die 18'000 Franken bereits zusammen. Die der Wirtefamilie Sengül und die Initianten können es kaum fassen.
Wettingen, 24. Februar: Mit Ideenreichtum und kleinen Aktionen wie der Krisenkiste, der Quarantänebox oder einem Strassenverkauf stemmte sich Lägerebräu gegen die Auswirkungen der Pandemie. Das überschüssige Winterbier wurde unter die Leute gebracht.
Herznach, 23. Februar: Im Dezember 2020 haben Markus und Urs Müller die frühere Metzgerei Gasser übernommen. Das Team freut sich über den gelungenen Start: Das Geschäft sei «sehr gut angelaufen, die Umsätze stimmen».
Rheinfelden, 20. Februar: Am 1. April will ein neues Bistro am Rheinufer «festmachen:» «Dock 11» soll es heissen und laut Andreas Probst, der das Bistro mit seiner Schwester führen wird, Hafenfeeling im Zähringerstädtchen verbreiten.
Aarau, 17. Februar: Es ist noch ein langer Weg, bis das KIFF 2.0 eröffnet werden kann. Auf dem Weg zum grossen Ziel ist den Initianten aber ein grosser Schritt gelungen: Sie fanden in der Aargauischen Kantonalbank einen Hauptsponsor.
Baden, 17. Februar: Für Felix Meier, Chef von "Müllerbräu", gibt es trotz der schwierigen Lage aufgrund der Pandemie eine gute Nachricht: Die Leute trinken deutlich mehr Bier zu Hause als vor Corona.
Rietheim, 13. Februar: Sali Mehmetaj, der ehemalige Koch des Restaurants Krone, übernimmt auf Anfang März den Betrieb. Anbieten will er Schweizer und internationale Spezialitäten wie heisser Stein und als Besonderheit Cordon-bleu-Festival.
Bözen, 12. Februar: Das Restaurant Post bietet neben dem Take-away-auch ein «Do it yourself»-Angebot mit Video-Anleitung für den Genuss zu Hause.
Würenlingen, 12. Februar: Nach einem schwierigen Jahr für Andreas Meier, Besitzer des Weinguts zum Sternen, entstand die Idee, die Kunden mit einem Degustationskoffer mit zwölf verschiedenen Weinen «gluschtig» zu machen.
Stetten, 11. Februar: Auch Schnapsbrenner Lorenz Humbel setzt die Coronakrise zu. Doch Not machte erfinderisch: Mit seinem Desinfektoinsmittel auf Kirschbasis schaffte es Humbel mit dem «edelsten Desinfektionsmittel der Schweiz» in die nationalen Schlagzeilen.
Aarau, 8. Februar: Vor sieben Jahren rief Urs Marrer (l.) mit seinem langjährigen Freund, Küchenchef Robin Dürlewanger, das «Beluga» ins Leben. Einst zum besten Lokal Aaraus gekürt, muss das Restaurant nun wegen Krankheit und den Auswirkungen der Coronapandemie schliessen.
Endingen, 2. Februar: Patrick Arnold betreibt ab der kommenden Saison 2021 den Kiosk in der Badi Endingen. «Ich suche eine neue Herausforderung», sagt der gelernte Koch.
Muri, 29. Januar: Burkard Kreyenbühl bäckt vor seiner Filiale seit kurzem frisches Holzofenbrot. So kann er seine Angestellten in der Backstube trotz wegen Corona geschlossenem Café beschäftigen.
Gränichen, 29. Januar: Thomas Rey (63) war langjähriger Koch im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Im August geht er in Rente.
Niederrohrdorf, 25. Januar: Roberto Kaiser war im Catering tätig. Seit Corona betreibt er einen VW-Foodtruck und serviert unter anderem Uruguayische Chivitos und argentinische Chimichurri-Sauce.
Uezwil, 12. Januar: Generationen kauften im Uezwiler «Stiefeliryter» Brot, assen im Restaurant oder tranken in der Bar. Mitte Januar wird er abgerissen.
Schöftland, 10. Januar: Das Lokal «Haltestelle» wurde abgerissen. Die Schöftler Innenarchitekten Markus Würgler und Dominic Bäni bewahrten 33 Stühle vor der Schuttmulde
Veltheim, 6. Januar: Pächter Christian Schübert will im Februar mit dem Konzept «Trinity» im Gasthaus Bären neu starten.
Bad Zurzach, 4. Januar: Der Traditionsgasthof Schlüssel verschwindet. An seiner Stelle werden Wohnungen gebaut. Das Tavernenrecht im seit zwei Jahren leerstehenden Gebäude im Bad Zurzacher Ortskern bleibt allerdings erhalten.
Wohlen, 4. Januar: Mit der Eröffnung ihres «Tom’s Diner» in Wohlen erfüllt sich für Carmen Stadelmann und Thomas Gieler heute ein lang gehegter Traum.
Leibstadt, 31. Dezember: Ein halbes Jahrhundert haben Theres und Urs Welte-Michel ihre Gäste im Landgasthaus «Schützen» bewirtet. 1970 übernahmen sie es in dritter Generation – jetzt schalten sie einen Gang zurück.
Villmergen, 31. Dezember: Die Wohler Frits van der Graaff und Sarah Dubler wagen trotz Coronakrise etwas in der Gastronomie und haben das Villmerger Bistro «Güggibueb» neu gepachtet.
Schinznach, 22. Dezember: Rettung in letzter Sekunde: Der «Bären» schlägt im 2021 neues Kapitel auf. Der Betrieb des Schinznacher Gasthofs soll dank einer neuen GmbH gewährleistet bleiben.
Wohlen/Brugg, 22. Dezember: Weil die Kunden wegblieben, hat Marco Polo seine Hotels in Wohlen und Brugg zu möblierten Wohnungen umgestellt. Das Hotel Sonne in Bremgarten bleibt wie bisher. Und in Bremgarten gibt es bald Take-away-Sushi.
Gränichen, 17. Dezember: Ein emotionales Schreiben erreichte die Gäste des Erlebniswirtshaus Rütihof am Mittwoch. Wirt Andreas Fetscher informiert über die temporäre Schliessung bis März 2021 – aber auch über die ungewisse Zukunft.
Bözberg, 17. Dezember: Die Türen des traditionsreichen Landgasthofs Vierlinden an der Bözbergstrasse bleiben zu. Im Amtsblatt ist der Konkurs der Vierlinden Gastro GmbH vorläufig publiziert.
Koblenz, 16. Dezember: Ferdinand und Angie Breg verkaufen die Liegenschaft samt Gasthaus «Engel». Was mit dem Lokal passiert, ist ungewiss. Das Ehepaar hat derweil im Kanton St. Gallen eine neue Herausforderung gefunden.

Mülligen, 21. April: Die Unternehmer Robin Deb Jensen und seine Frau Marloes Tjalsma übernehmen das Restaurant Müli.

Britta Gut