Freiamt
Starkstromleitungen im Reusstal: Bundespräsidentin hat Verständnis – doch es gibt enttäuschte Gegner

In einem Brief wandte sich der Verein Verträgliche Starkstromleitung Reusstal an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Die Reusstalgemeinden befürchten, dass der Bund die neue Starkstromleitung zwischen Niederwil und Obfelden nicht unter die Erde legen will.

Andrea Weibel
Merken
Drucken
Teilen
Eine Starkstromleitung führt über die Dächer der Einfamilienhäuser von Niederwil AG.

Eine Starkstromleitung führt über die Dächer der Einfamilienhäuser von Niederwil AG.

Alex Spichale

«Unsere ganze Region Reusstal verlangt seit Jahren, dass die neue 380-kV-Leitung unter dem Boden verlegt werden muss», schreibt Hans Kneubühler, Präsident des Vereins Verträgliche Starkstromleitung Reusstal in einer Mitteilung. Im November 2019 stellte der Bund trotz aller Bemühungen der Reusstalgemeinden sein Projekt vor, das eine Freileitung zwischen Niederwil und Obfelden vorsieht. Einzig die Reussquerung wäre unterirdisch.

Die grosse Zahl von Stellungnahmen aus der Politik, den Gemeinden und von Privatpersonen «zeigen das Unverständnis gegenüber dem Vorgehen des Bundesamts für Energie, und insbesondere den ungebrochenen Widerstand gegen eine Freileitung über den Wagenrain», hält Kneubühler fest.

Projekt wird in nächsten Monaten vorgelegt

Anfang 2021 wird das Bundesamt für Energie (BFE) dem Bundesrat ein konkretes Projekt vorlegen. «Wir befürchten, dass dieser Antrag nicht auf eine Vollverkabelung der Leitung lauten wird.» Darum wandten sie sich direkt an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek).

Sommaruga verspricht, die Anliegen ernst zu nehmen

Simonetta Sommaruga

Simonetta Sommaruga

Anthony Anex / KEYSTONE

Nun hat Sommaruga geantwortet. Sie verweist jedoch darauf, dass alle Beteiligten sich bereits äussern konnten: «Im Rahmen der öffentlichen Anhörung zum Sachplanverfahren haben die lokale Bevölkerung wie auch die betroffenen Gemeinden und Kantone ihre Anliegen zu den Entwürfen für einen Planungskorridor bereits geäussert. In der aktuellen Phase werden nun die zuständigen Fachstellen des Bundes diese Anliegen prüfen und die Entscheidungsgrundlagen zuhanden des Bundesrates vorbereiten. Eine weitergehende Mitwirkung der Öffentlichkeit ist im Rahmen des Sachplanverfahrens nicht vorgesehen.» Doch dann zeigt sie sich verständnisvoll:

Ich kann nachvollziehen, dass die Bevölkerung im Reusstal von diesem Vorhaben stark betroffen ist und ein Interesse am Ausgang des Sachplanverfahrens hat.

Immerhin Aufmerksamkeit der Bundespräsidentin erreicht

Und sie verspricht: «Ich kann Ihnen und den betroffenen Anwohnerinnen und Anwohnern im Reusstal versichern, dass der Bundesrat bei der Prüfung des Vorhabens sich mit den diesbezüglichen Anliegen der lokalen Bevölkerung sowie den weiteren betroffenen öffentlichen Interessen sorgfältig auseinandersetzen und mit seinem Entscheid sicherstellen wird, dass eine angemessene Lösung festgelegt wird.»

Das beruhigt die Freileitungsgegner nicht. «Wir sind zwar enttäuscht über diese Antwort, haben aber immerhin erreicht, die Aufmerksamkeit der Uvek-Chefin auf den breit abgestützten Widerstand gegen eine 380-kV-Freileitung im Reusstal zu lenken», hält Kneubühler fest. «Uns bleibt vorderhand nichts übrig, als auf den Bundesrats-Entscheid zu warten und auf einen guten Ausgang zu hoffen.»

Anfrage läuft: Wer würde vor Gericht ziehen?

Kneubühler sieht zwei verbleibende Möglichkeiten: «Die Kantone haben notfalls die Möglichkeit, nochmals ein Bereinigungsverfahren zu verlangen», schreibt er. Sollte auch das nicht helfen, «bleibt uns nur noch der Gang vor Gericht, um die Interessen unserer Region zu wahren.»

Der Verein habe die Projektkosten von 180 Millionen Franken «mit Hilfe von Fachleuten hinterfragt». Sie kommen zum Schluss, «dass bei optimierter Linienführung sowie Kabel- und Bautechnik die Kosten massiv gesenkt werden können». Nun fragt der Verein deshalb alle beteiligten Gemeinden, Organisationen und Privatpersonen an, «ob wir bei einem Gang vor Gericht auf die Unterstützung zählen können».