Dottikon
Sobald sie nichts mehr zu bauen haben, wird ihnen langweilig

In der ehemaligen Bally Schuhfabrik entsteht eine grosse Modelleisenbahn. Seit nun sieben Jahren arbeiten die fünfzehn Bastler und Tüftler des Vereins Faszination Eisenbahn an ihrem Traum. Und eines daran ist klar: Fertig ist die Modelleisenbahn nie.

Fabio Vonarburg
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Ein Bahnhof in einem Bergort: So sah die Gartenbahn im Herbst aus.
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Sobald sie nichts mehr zu bauen haben, wird ihnen langweilig
Der Verein Faszination Eisenbahn hat Grosses vor: In Dottikon bauen die fünfzehn Vereinsmitglieder an einer riesigen Modelleisebahn.

Ein Bahnhof in einem Bergort: So sah die Gartenbahn im Herbst aus.

zvg

Die Miniatur Welt breitet sich aus und verschluckt das erste Opfer: das Büro des Vereinspräsidenten. Fünf Jahre lang arbeitete der Computerfachmann Philipp Keller im Raum, wo auch seine grosse Leidenschaft steht; die Modelleisenbahn, an der er gemeinsam mit seinen Kollegen des Vereins Faszination Eisenbahn baut.

Doch an seinem bisherigen Arbeitsplatz rattern künftig kleine Züge über die Schienen. Gestern machte Philipp Keller den Weg frei für die Eisenbahn und zügelte sein Büro innerhalb der ehemaligen Schuhfabrik Bally in Dottikon – vom Keller in die fünfte Etage.

Wenn es nach dem Vereinspräsidenten geht, wird auch der neu gewonnene Platz nicht lange reichen. «Ein zusätzlicher Raum wäre nützlich», sagt er, «dann hätten wir rund 800 Quadratmeter für die Innenbahn und über 1000 Quadratmeter für die Gartenbahn.»

Seit nun sieben Jahren arbeiten die fünfzehn Bastler und Tüftler des Vereins Faszination Eisenbahn an ihrem Traum: eine Miniatur Welt mit Zügen und Fahrzeugen, die vollautomatisch gesteuert durch eine zauberhafte Landschaft fahren.

Ähnlich dem grossen Bruder in Hamburg, dem Miniatur Wunderland. Hamburg sei ein Vorbild, sagt Keller, der an seinen 40. Geburtstag im Dezember die Attraktion letztmals besuchte. «Doch in Hamburg wird es professionell betrieben und wir sind nur ein kleiner Verein.»

Gartenbahn im Winterschlaf

Der Unterschied zwischen Hamburg und Dottikon machen die Besucherzahlen deutlich. Das Miniatur Wunderland verzeichnet über eine Million Besucher jährlich, in der Miniatur Welt hingegen ist man erst in fünf Jahren soweit, um die Anlage regelmässig für Besucher zu öffnen.

Bis dahin haben die Mitglieder des Vereins noch viel zu tun. Jeweils am Donnerstagabend und an zwei Bautagen im Jahr treffen sie sich, um an der Modellbahn zu arbeiten. Derzeit steht die Innenbahn im Fokus, die Gartenbahn ruht im Winterschlaf.

Doch bereits jetzt laufen die ersten Vorbereitungen für die zweite Bauphase der Aussenbahn, die im April beginnt. «Jetzt sind wir am Produzieren, um es später draussen zu platzieren», sagt Gerhard Utzinger, der vor allem Modellhäuser baut.

Bisher setzte der Verein dabei auf Bausätze, jetzt haben sie begonnen mit einem 3-D-Drucker zu arbeiten. Bei der Gartenbahn steht die Rhätische Bahn im Mittelpunkt. Auch im Innern sollen die Züge zukünftig durch eine Schweizer Landschaft brausen.

Keller denkt bereits einen Schritt weiter: «Vielleicht fahren sie später weiter Richtung Schwarzwald.» An Ideen mangelt es dem Verein nicht. Ein Lift und eine Drehscheibe für die Modellautos, ein Tunnel für die Gartenbahn, inklusive Wanddurchbruch beim Bally-Gebäude. «Uns fehlen nur noch 200 Leute», scherzt Philipp Keller.

Schnaps direkt aus dem Zugwaggon

Hier hoffen besonders die Hungrigen, dass der Zug sich nicht verspätet. Vor fünf Jahren gleiste der Verein Faszination Eisenbahn ein kulinarisches Projekt auf: Modellbahn-Gourmet. Vom Salat über den Kartoffelstock bis zum Schoggimousse, alle Speisen kommen mit einem Miniatur-Zug angerollt. Für die Gäste bleibt nur eines zu tun: ihren Teller von den Eisenbahnwaggons zu greifen. «Eines unserer Mitglieder hat die Idee von St. Moritz mit in den Verein gebracht», sagt Vereinspräsident Philipp Keller, «wir dachten, das passt doch gut zu uns.» Seither bietet der Verein Modellbahn-Gourmet an, immer dort wo es die Kunden wünschen. Denn: Das Modellbahn-Gourmet ist nicht an einen Ort gebunden, sondern kann überall aufgebaut werden, samt Szenerie von einer amerikanischen Landschaft in der Mitte des Tisches. Besonders speziell ist übrigens die Anlieferung des Schnapses. Hier kann jeder seine gewünschte Sorte mit den an den Waggons angebrachten Zapfhahnen gleich selber in sein Glas einfüllen. Na dann, Prost!

Glacier Express zu Besuch

Faszination Eisenbahn sucht intensiv nach neuen Mitgliedern, um seine Vision schneller verwirklichen zu können. Dazu organisiert der Verein unter anderem öffentliche Fahrtage, der letzte führten sie im November durch.

Weil er zu Hause keine eigene Anlage hat, reiste ein Modelleisenbähnler dafür extra aus Luzern an und nutzte die Gelegenheit, um mit seinem Glacier Express ein paar Runden auf der ungefähr 150 Meter langen Gartenbahn in Dottikon zu drehen. «Nach drei Stunden war er total happy», berichtet Utzinger.

Haben die Mitglieder zu Hause in ihren Kellern oder auf ihren Dachböden noch eine eigene Modellanlage? Philipp Keller: «Die meisten nicht. Dafür fehlt die Zeit.» Der Vereinspräsident persönlich stellt nur zur Weihnachtszeit eine Modelleisenbahn vor seinem Haus auf.

Sonst geniesst er das Bauen in der Gemeinschaft. Er zeigt mit seinem Arm durch das Vereinslokal. «Ich wäre gefrustet, wenn ich das alles hätte alleine bauen müssen.» Wann soll die Modellbahn abgeschlossen sein?

«Eine Modelleisenbahn ist nie fertig», antwortet Philipp Keller. «Sobald man nichts mehr zu bauen hat, wird es langweilig.» So ist eines bereits klar: Egal wie viele Jahre die Bähnler an der Miniaturwelt in Dottikon bauen und egal wie gross sie
wird – eine Baustelle wird sie auf ewig bleiben.