Historisches
Rührende Begegnung: Die Wegweisung vom Kloster Gnadenthal machte eine junge Frau glücklich

Der Aarauer Politiker Heinrich Zschokke (1771–1848) gehörte zu den einflussreichsten Vordenkern der modernen Schweiz. Eine rührende Szene zeigt ihn im Kloster Gnadenthal.

Heinrich Briner
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Das Inventar des Klosters Gnadenthal zeigt die Unterschrift Heinrich Zschokkes (roter Kreis).

Das Inventar des Klosters Gnadenthal zeigt die Unterschrift Heinrich Zschokkes (roter Kreis).

zvg

In Aarau steht eine Bronzestatue von Heinrich Zschokke, auf deren Sockel er als «Schriftsteller, Staatsmann und Volksfreund» benannt wird. Kommendes Jahr wird sein 250. Geburtstag gefeiert. Dass er mit dem Kloster Gnadenthal zu tun hatte, ist allein noch keine Geschichte wert. Aber wie er dort gearbeitet und was er darüber geschrieben hat, bleibt unvergesslich.

Es sei «das Zunehmen priesterlicher Wühlerei» gewesen, wie es im Vorfeld der Klosteraufhebung hiess, das die Regierung des Kantons Aargau dazu bewogen hat, einzuschreiten. So wurde Grossrat Zschokke mit Gerichtsschreiber Fetzer und Oberstatthalter Attenhofer 1833 beauftragt, die finanzielle Situation auch des Klosters Gnadenthal zu überprüfen und ein genaues Inventar aufzunehmen.

Kloster Gnadenthal als positive Ausnahme

Die Kommissäre fanden in den Klöstern vieles im Argen. Die grosse Ausnahme war das Kloster Gnadenthal. Zschokke schrieb damals darüber: «Nachdem ich die Ökonomie der Klöster Muri, Hermetschwyl und Gnadenthal kennen gelernt habe, ist’s im Letztern allein, wo die beste Verwaltung und Ordnung besteht.»

Verantwortlich für die saubere Buchführung war P. Leopold Höchle aus Wettingen, der damals nicht nur die Stelle des «Beichtigers» innehatte, sondern auch für die Ökonomie des Klosters verantwortlich war. P. Höchle wurde später Abt des Klosters Wettingen und hat nach der Klosteraufhebung die «Territorialabtei Wettingen-Mehrerau» in Mehrerau (Österreich) aufgebaut, die noch heute besteht.

Höchle hat Zschokke, der selbst ja für die Aufhebung der Klöster eintrat, tatsächlich «besondre Verehrung» abgerungen. «Dieser würdige Mann, von ausgezeichneter Vorliebe und wissenschaftlicher Bildung für Landwirtschaft, hatte das verarmte Kloster, durch weise Ökonomie, vor Auflösung bewahrt», schreibt Zschokke.

Rührende Szene mit junger Frau am Klostergitter

Wegen der drohenden Verarmung hatte der Kanton dem Kloster allerdings die Aufnahme neuer Novizinnen verboten. Eine junge Frau aus Zug wollte aber unbedingt dem Gnadenthaler Konvent beitreten. Sie bat deshalb Zschokke, der sich wegen seiner Arbeit im Kloster aufhielt, um Hilfe.

Es ist mehr als rührend, wie Zschokke diese Begegnung schildert: «Die nach der heiligen Einsamkeit Sehnsuchtsvolle liess mich bitten, sie selbst anzuhören. Ich musste wohl gewähren. Die Novize, ein Mädchen in schöner Blüte des Lebens, erschien errötend und erblassend am Sprachgitter. Mit gesenkten Blicken, schüchtern und stammelnd, trug sie ihren Wunsch vor. Ich weiss nicht, welcher Dämon mir eingab, der frommen Jungfrau, in meiner Antwort, etwas von jenen nichtssagenden Artigkeiten einzuflechten, die man sonst, ohne alle Sünde, im Weltleben wohl einem jungen Frauenzimmer zu spenden pflegt. ‹Ich muss es fast beklagen›, sagt’ ich: ‹dass Sie mich zu einem so grausamen Dienst wählen; dass Sie mich zum Fürbitter machen wollen, damit so viel Anmuth auf immer in einer finstern Zelle verschwinde. Warum sehnen Sie sich schon so früh nach einer klösterlichen Einsamkeit, deren Schattenseite Sie gewiss jetzt nicht ganz würdigen können; und wünschen einer Welt auf ewig gute Nacht zu sagen, – einer Welt, in der Sie auch noch so neu sind, und in welcher Ihretwillen vielleicht hoffnungslos ein der Liebe wertes, treues Herz brechen muss?› Indem ich so sprach, erblasste die junge Novize; ihre Gesichtsmuskeln zuckten krampfhaft; ihre Finger klammerten sich in das Gitterwerk ein; dann brach sie in Tränen des innigsten Seelenschmerzes aus. Ich erschrak; winkte die Konventualinnen aus dem Hintergrunde des Saals herbei, das arme Mädchen zu unterstützen und wegzuführen. Ich aber hütete mich wohl, das Verlangen der hübschen Weltentsagerin noch länger in vollem Ernst zu nehmen.»

Doch damit hatte er die junge Frau nicht vergessen. Er schrieb weiter: «Vier Jahre später (1837), da ich abermals Mitglied der eidgenössischen Tagsatzung in Luzern war, erkundigte ich mich, als mir, während eines Spaziergangs mit dem Gesandten und Landammann von Zug, die Novize zufällig in Erinnerung kam, bei ihm nach ihrem Loose. ‹Ei, die eine Nonne?› rief er: ‹Sie ist glücklich vermählt, und glückliche Mutter!›»

Zschokke selbst war ebenfalls verheiratet. Er hatte 12 Söhne und eine Tochter.

Nachkommen drehen Film zum 250. Geburtstag

Die Heinrich-Zschokke-Gesellschaft plant für den 250. Geburtstag des Schriftstellers und Politikers Grosses: Zentrales Element des Gedenkens an den Volksaufklärer soll ein Kino- Film werden (Budget: 1,7 Mio. Franken), den die zwei Nachkommen Matthias und Adrian Zschokke produzieren. Vor einem Jahr wurden die ersten Szenen am Zschokke-Tag gedreht. Die Feierlichkeiten beginnen am 20. März 2021.