Mundartdichter-Serie
Zwei Franken für ein schattiges Plätzli ‒ eine Italienreise mit Hindernissen

Zum 40. Todestag des Freiämter Mundartdichters Robert Stäger veröffentlicht die AZ Trouvaillen aus seinem Nachlass. Dies ist die letzte veröffentlichte Trouvaille der Serie.

Merken
Drucken
Teilen
Durch die Strassen von Bologna ist Robert Stäger seinerzeit auch spaziert.

Durch die Strassen von Bologna ist Robert Stäger seinerzeit auch spaziert.

Alexander Spatari / Moment RF

Hundert Franken wette ich, dass meine Socken ganz waren, als ich am Mittwoch früh die heimatliche Stätte am Büttikerbach mit Wehmut im Herzen und einem Jakobiapfel im Sack verliess.

Ich fuhr über den Gotthard, schaute einem englischen Pärlein zu, wie sie nichts zueinander sagten, und wie ich des Abends spät in meinem Zimmer zu Mailand die Schuhe ausziehe, da gucken in der Tat die beiden grossen Zehen munter aus den Socken und verwundern sich, weil alles italienisch an den Wänden geschrieben steht. Das ist das Entsetzliche im Leben:

Man erfindet jeden Tag neue Verkehrsmittel und neue Bombenflugzeuge und Gasmasken, aber unzerreissbare Socken, das erfindet man nicht.

Spät noch machte ich Notizen in mein Tagebuch, als sich plötzlich ein Gesurr und dann ein Knall vernehmen liess und alle Lampen im Zimmer und im Gange draussen erloschen. Ich denke: «Mag nichts Böseres geschehen!», und krieche ins Bett. Aber es geschah doch noch Böseres. Nach einer halben Stunde, begann es im Zimmer fürchterlich nach brennendem Gummi zu riechen.

Von Zeit zu Zeit rumorte es in der Lampe. Der Portier kam mit einer Kerze in der Hand; bald schaute er ängstlich zur Zimmerdecke, bald erbarmungsvoll auf mich: Der Elektriker musste alarmiert werden.

Als dieser kam, begann das erste rassige italienische Gespräch an meine Ohren zu klingen, das ich nie mehr vergessen werde. Ich redete so laut ich konnte, um den andern ebenbürtig zu sein, und kam mir vor wie die Hendschiker Landfrau seligen Angedenkens, als sie uns einmal fast den Milchkrug vom Küchenschaft schlug, während sie ihre Bahnfahrt nach Wohlen schilderte.

Um Mitternacht kroch ich zum zweiten Mal ins Bett, wo ich von drei lombardischen Mücken gestochen wurde.

Der Zug, mit dem ich anderntags durch die Lombardei nach der Landschaft Emilia fuhr, war vollgepropft. Wenn man die Leute eines fremden Landes kennen lernen will, muss man dritte Klasse fahren.

Am Fenster sass ein Mann, der in der Bahnhofhalle zu Mailand schon zu singen begonnen hatte. Er wird wieder aufhören, dachte ich, es wird ihm verleiden. Als wir in Piacenza einfuhren, sang der Mann immer noch, einen italienischen Schlager nach dem andern. Auch in Parma.

Er hatte keine unschöne Stimme; dennoch hätte ich sein Konzert gerne während einer kleinen Stunde entbehrt.

Aber niemand schien den Gesang zu beachten. Eine dicke Frau nagte an einem Güggelbein und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck aus einer riesigen Flasche. Draussen flogen gerötete Felder vorbei. Hie und da sah man ein Eselsgespann; auf dem hohen Zweiräderkarren sassen Bäuerinnen mit roten Kopftüchern.

Als der Zug nach drei Stunden in Bologna einfuhr, sang der Mann am Fenster immer noch. Ich schleppte meinen Koffer in ein Hotel, das man mir in Mailand empfohlen hatte. Es war ein Grandhotel. Nicht weniger als drei Männer umringten mich Armen plötzlich. Einer nahm mir den Koffer, der zweite die Tasche, der dritte den Mantel. Ob ich ein Zimmer mit Bad, mit Toilette und mit Balkon wünschte, fragte man mich.

Ich wollte ja nur ein Zimmer mit einem Bett!

Und dann zog mich einer mit einem violetten Frack zum Lift hinüber. Er drückte nervös auf den Knopf, aber der Aufzug kam und kam nicht. Dabei hätte ich nur drei kleine Treppen zu gehen gehabt und wäre schon längst in meiner camera gewesen.

Im Zimmer lagen dicke Teppiche, ein silberner Aschenbecher stand auf dem Nachttisch, vier an verschiedenen Orten angebrachte Lampen zählte ich und drei Telefonvorrichtungen: für Portier, Zimmerfrau und Kellner.

Im Speisesaal hatte es Stühle, auf denen man zwar kaum sitzen konnte, aber die Beine waren vergoldet.

Sieben verschiedene Essgeräte lagen vor mir, und an allen Wänden standen Kellner, wie preussische Soldaten. Und so hockte ich denn da, die Gedanken am Büttikerbach und zwei Löcher in den Socken, und ich hätte gerne zwei Franken gegeben für eine Cervelat mit Senf, ein Bierli und ein schattiges Plätzchen.

Freiämter Nachrichten 1937