Oberwil-Lieli
Leser kritisieren Glarner: «Wer austeilt, sollte auch einstecken können»

Oberwil-Lielis Ammann Andreas Glarner drohte der Studentin Johanna Gündel wegen Aussagen mit einer Anzeige. Für diese drastische Reaktion erntet er viel Kritik – und kaum Verständnis.

Susanne Weiss
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Andreas Glarner steht nach seiner Drohung an die Adresse von Johanna Gündel in der Kritik.

Andreas Glarner steht nach seiner Drohung an die Adresse von Johanna Gündel in der Kritik.

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Nach der Gemeindeversammlung vom 27. November in Oberwil-Lieli gab sich Andreas Glarner noch als guter Verlierer. Der Antrag der 24-jährigen Studentin Johanna Gündel, Ersatzzahlungen aus dem Gemeindebudget zu streichen und stattdessen Unterkünfte für Asylbewerber bereitzustellen, wurde mit 176 zu 149 Stimmen klar angenommen. Glarner, der die Gegenposition vertrat, sagte am Tag danach gegenüber Tele M1 noch: «Offensichtlich haben die Gegner besser mobilisiert. Es ist ein korrekter demokratischer Entscheid, den ich akzeptiere.»

Kurz darauf folgte bereits eine Beschwerde eines Glarner-Befürworters gegen die Abstimmung wegen eines formalen Fehlers. Doch dem nicht genug. Gündel hatte ihr Engagement gegen Glarners Politik in der az so begründet: «Die Besserverdienenden werden vom Gemeindeammann gehätschelt. Man liest ihnen die Wünsche von den Augen ab und nimmt es dann bei deren Erfüllung mit den Vorschriften nicht immer so genau.» Wegen dieser Aussage will Glarner nun gegen Gündel vorgehen.

Glarner drohte der Abstimmungsgegnerin schriftlich und per Einschreiben. Der Gemeinderat – Glarner ist Oberwil-Lielis Gemeindeammann – forderte Gündel in einem Brief vom 7.12. dazu auf «anhand von mindestens drei konkreten Beispielen aufzuzeigen, wo der Gemeinderat Reiche bevorzugt haben soll». Kann Gündel dies nicht belegen, muss sie ihre Aussagen widerrufen. Andernfalls, so kündigt Glarner an, will er sie anzeigen.

Gündel hat zwar Glarner – und möglicherweise seine Anwälte – gegen sich, aber dafür die Sympathien vieler Leserinnen und Leser auf ihrer Seite. Und dies, obwohl Glarner in der Vergangenheit gerade bei Asyl-Themen viel Zustimmung von Leserseite erhielt. In den Online-Kommentaren und auf der Facebook-Seite der «Aargauer Zeitung» sind diesmal aber nur vereinzelte Glarner-Befürworter zu finden. Zum Beispiel schreibt G. Mattenberger: «Es kann nicht sein, dass man/frau einfach Behauptungen in die Öffentlichkeit stellt, in Oberwil-Lieli wäre der Gemeinderat quasi korrupt/bestechlich, und man lässt das einfach so stehen. Die rechtlichen Schritte des Gemeinderates (nicht von Glarner) sind daher nachvollziehbar und richtig.» Solchen Voten steht eine grosse Mehrheit gegenüber, die ihren Unmut über die Retourkutsche des SVP-Nationalrats und Ammanns von Oberwil-Lieli äussert.

Ein schlechter Verlierer

Viele Leser und Leserinnen werfen Glarner vor, ein schlechter Verlierer zu sein. Stefan Moser stellt fest: «Die, die mit dem Zweihänder austeilen, sind oft butterweich im Einstecken.»

Markus Hofer sieht das genauso: «Da haben wir es wieder, das altbekannte Gesicht des Herrn G.: ganz gross im Austeilen – dafür winzig klein im Einstecken.»

Alex Flach schreibt: «Schlechte Verlierer wirken stets erbärmlich. ... Herrje... nur ein einziges Mal ein bisschen Grösse zeigen... Geht das nicht auch mal bei Angehörigen des Rechtsaussen-Spektrums?»

Joel Thöny macht auf Facebook darauf aufmerksam, dass Glarner den «Volkswillen» diesmal nicht allzu hoch gewichtet: «Schau an, der Glarner von der Demokratie-Schutz-Gruppe SVP kann einen demokratischen Entscheid nicht akzeptieren. Überrascht mich nicht, die SVP fabuliert nur dann was von ‹Respekt vor Volkswille›, wenn ihr der ‹Volkswille› in den Kram passt.»

Zugespitzte Wortwahl

Viele Leser merken an, dass sich gerade Glarner – der sich selbst schon als «knallharten» Politiker bezeichnet hat - gerne einer zugespitzten Wortwahl bedient, wenn es darum geht, seine politischen Gegner zu beschreiben.

«Herr Glarner beleidigt auf seiner Webseite Gewerkschafter und Sozialarbeiter, behauptet, diese würden die Schweiz ruinieren und teilt auch sonst ganz unzimperlich aus», schreibt Hanspeter Müller.

Franz Meier stösst ins selbe Horn: «Austeilen, bis weit über die Schmerzgrenze hinaus, öfters mal mit einer ausgesprochen speziellen Auslegung unseres Rechts, aber wehe, dergleichen muss mal einstecken. Da werden dann alle Register gezogen, und plötzlich entwickelt man einen unglaublich feinsinnigen Riecher für Recht und Unrecht.»

Einige Leser vermuten also, dass Glarner selbst schon überzogene Aussagen gemacht hat – ohne deren Korrektheit belegen zu müssen. Peter Rübensam dazu: «Wenn der saubere Herr Glarner von ‹Asylchaos› redet oder konkreter ‹...der krasse Sozialmissbrauch, der immer mehr um sich greift und den die SP mit ihren Helfershelfern schützt (Aug 2014)›, dann braucht er diese Aussagen ohne Hand und Fuss natürlich nicht zu begründen oder zu beweisen.»

Wieso gleich drei Belege?

Markus Hutmacher vermutet, dass es einen bestimmten Grund hat, warum Glarner gleich drei Belege für Gündels Aussage sehen will: «Da Glarner mindestens drei Beispiele verlangt, in denen Reiche bevorzugt wurden, muss er also mit zwei Fällen rechnen, in welchen eine Bevorzugung stattgefunden hat. Somit hat er den Nachweis der Richtigkeit der Aussage von Frau Gündel gleich selber erbracht.»

Zahlreiche Leser rufen zur Unterstützung von Gündel auf, so auch Klaus Bruggisser: «War eigentlich von diesem Machtmenschen nicht anders zu erwarten. Er, der alles und jeden (natürlich ausser seine Parteikumpane) diffamiert, wird plötzlich nervös, wenn ihn jemand angreift.» Er führt aus: «Es ist zu hoffen, dass durch seine Überreaktion der Schuss nach hinten losgeht und wenigstens ein paar Einwohner von Oberwil-Lieli hinter der Studentin stehen und sie mit ‹Munition› versorgen, um den König von Lieli zu entthronen.»

Andere Leser belassen es nicht bei der Kritik von Glarners Reaktion, sondern geben Johanna Gündel sogar Ratschläge. Sandra Hugentobler: «Frau Gündel, bitte reagieren Sie nicht auf das Einschreiben, es hat keine Relevanz. Warten Sie ab, ob Sie gerichtlich aufgefordert werden. Da sollten Sie dann reagieren. Aber vorher sicher nicht.» Ein anderer Leser, der zwar seinen Namen nicht nennt, bietet sogar schon seine Unterstützung an. Er würde ein Spendenkonto für die Studentin einrichten – um Geld «für einen super Anwalt» zu sammeln.

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