Jörg Baumanns Trouvaillen
Wohnungsnot in Wohlen vor 100 Jahren: Eine grosse Familie bewohnte zusammen 15 Quadratmeter

Um das Jahr 1920 herrschte in Wohlen grosse Wohnungsnot. Die Gemeinde und die Strohgeflechtsfirma Georges Meyer & Co. AG linderten diese Wohnungsnot. Daran erinnert ein Wohler Quartier.

Jörg Baumann
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Ein Haus am Georges-Meyer-Weg in Wohlen, Sinnbild für die Wohnbauförderung um 1920.

Ein Haus am Georges-Meyer-Weg in Wohlen, Sinnbild für die Wohnbauförderung um 1920.

Bild: Jörg Baumann

In einer grossen Wohnungsnot handelten vor 100 Jahren die Gemeinde Wohlen und die 1859 vom Financier Jakob Socin (1825–1907) und vom Fabrikanten Georges Meyer-Müller gegründete Strohgeflechtfirma Georges Meyer & Co. AG entschlossen: Die Gemeinde stellte 1919 für die Wohnbauförderung den stattlichen Betrag von 200'000 Franken zur Verfügung und setzte eine Mieterschutzkommission ein. Die Firma Georges Meyer & Co. AG erklärte sich daraufhin bereit, zehn bis zwölf Wohnungen bereitstellen zu lassen.

Familien lebten zusammengedrängt auf engem Raum

Wohlen zählte 1920 zusammen mit dem 1912 eingemeindeten Anglikon 4700 Einwohner. Im wachsenden Dorf fehlten damals zwanzig Wohnungen. Zum Teil lebten Familien in unzulänglichen Räumen. Eine Familie mit sechs Kindern hatte zum Beispiel nur 15 Quadratmeter für sich zur Verfügung. Heute stehen einer Person stolze 99 Quadratmeter an Wohnfläche zur Verfügung. In einem durchschnittlich grossen Zimmer wohnt gerade eine halbe Person.

Konkret wurde die Wohnbauförderung in Wohlen 1920: Die Firma Georges Meyer & Co. AG lasse auf eigene Kosten einige Wohnhäuser erstellen, las man in der Lokalpresse. Zusätzlich beschloss die Gemeinde den Bau von sechs Wohnhäusern. Auf einem freien Feld in der Nähe des Bahnhofes, am nachmaligen Georges-Meyer-Weg, lancierte die Firma den Baustart für ihre «Wohnkolonie».

In einer Firmenbroschüre, gestaltet von August Wohler-Wullschläger, publizierte das Unternehmen 1944 Bilder von der Überbauung am Georges-Meyer-Weg und vom Mehrfamilienhaus an der Steingasse, das ebenfalls Angestellten zur Verfügung gestellt wurde.

Die Dachkammer für Dienstboten war nicht beheizt

Früher nannte man die Angestelltenhäuser am Georges-Meyer-Weg «Prokuristenhäuser». Das deutet darauf hin, dass sich anfänglich nur Kaderleute der Firma ein solches Haus leisten konnten. Anna Keller, Wohler Einwohnerrätin (Grüne), die seit vielen Jahren mit ihrer Familie am Georges-Meyer-Weg 8 wohnt, erzählt:

«Unser Haus hatte ursprünglich eine Dachkammer, die nicht geheizt werden konnte. Ich vermute, dass dies das Zimmer für das Dienstmädchen war.»
Die Grüne Wohler Einwohnerrätin wohnt in einem der Häuser am Georges-Meyer-Weg in Wohlen, das sie mit ihrem Mann ausgebaut hat.

Die Grüne Wohler Einwohnerrätin wohnt in einem der Häuser am Georges-Meyer-Weg in Wohlen, das sie mit ihrem Mann ausgebaut hat.

Bild: zvg

Weiter weiss sie: «Unser Haus besass auch einen Seiteneingang, den die Dienstboten benützt haben könnten.» Im Lauf der Zeit hätten sie und ihr Ehemann Guido Meienhofer ihr Haus umgebaut, Wände herausgebrochen und anfänglich sehr kleine Zimmer vergrössert, um zeitgemäss darin wohnen zu können, sagt Keller.

Nicht bekannt ist, welcher Architekt die Wohnüberbauung am Georges-Meyer-Weg projektierte. Hilfreich könnte eine Spur sein: Für den Bau des prächtigen Verwaltungsgebäudes am Bahnhofweg engagierte die Firma Georges Meyer & Co. AG 1917 das Baugeschäft Gentsch, Strasser & Cie. in Brugg. Der Architekt Hans Herzig (1885–1965) trat 1907 als Teilhaber in das Geschäft ein. Also ist es gut möglich, dass Herzig nicht nur das Verwaltungsgebäude, sondern auch die Häuser am Georges-Meyer-Weg plante.

Eine Schuhfabrik in Wohlen wollte die Konkurrenz nicht

1906 befürchtete die Wohler Strohindustrie, dass sie Konkurrenz durch eine andere Branche bekommen könnte. Die Schuhfabrik Bally in Schönenwerd wolle in Wohlen ein Zweigwerk aufstellen, das bis zu tausend Arbeiter beschäftigen könne, schrieben die «Neuen Zürcher Nachrichten». Bally habe bereits das Fabrikgebäude der Konkurs gegangenen ehemaligen Strohgeflechtfirma Anton Isler & Cie. und weiteres Bauland gekauft.

Doch aus der Schuhfabrik in Wohlen wurde letztlich nichts. Die Weltfirma baute ihr Zweigwerk in der Nähe des Bahnhofes Dottikon-Dintikon auf dem Gemeindegebiet von Villmergen. Dortige Politiker hatten sich dafür eingesetzt, dass der imposante Stahlskelettbau, der damals die Vorstellungskraft vieler Leute sprengte, in ihrem Gebiet zu stehen kommen konnte. Der Bau erinnerte an die grossen Fabriken in Amerika.