Reportage
Gips, Tetanusimpfung und ein Lächeln: So hektisch kann es in der Notfallstation Muri werden

Einen Tag verbrachte die AZ-Redaktorin auf der Notfallstation des Spitals Muri und konnte so die Arbeit der Mitarbeiter vor Ort live miterleben – zwischendurch wurde es ganz schön hektisch.

Andrea Weibel
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Gips, Tetanusimpfung und ein Lächeln
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Absprache ist wichtig: Das Notfall-Personal diskutiert am Übersichtsbrett.
Hinter diesem Schild ist man bereit für jede Art von Notversorgung.

Gips, Tetanusimpfung und ein Lächeln

Andrea Weibel

«Normalerweise ist an Donnerstagen mehr los, dann haben die Hausärzte zu und die Patienten kommen zu uns», sagt Andrea Suter, Stationsleiterin Notfall/Notfallpraxis, beinahe entschuldigend.

Doch kaum gesagt, öffnet sich die automatische Tür der Notfallstation fast im Minutentakt, während sich die Tafel an der Wand füllt, auf der Namen und Leiden der Patienten sowie die ihnen zugeteilten Notfall-Mitarbeiter aufgelistet sind.

Es ist kurz nach 9 Uhr. Suter berichtet: «Zwischen 9 und 15 Uhr sind meist ziemlich viele Patienten da. Dann flacht es leicht ab. Gegen Abend, wenn die Leute von der Arbeit kommen, folgt nochmals ein Peak und noch einer um etwa 21 Uhr.»

Zu diesen Peaks wird das Team jeweils verstärkt. Ansonsten sind am Morgen sieben bis acht Notfallangestellte da, darunter je ein Assistenzarzt der Medizin und der Chirurgie, ein Unterassistent Medizin, drei diplomierte Pflegekräfte und die Stationsleitung. Es geht hektisch zu – aber so scheinen es die Notfall-Mitarbeiter zu mögen.

Ganz viel Geduld

«Saucheib!», hört man aus einem Untersuchungszimmer. Drinnen versucht die stellvertretende Stationsleiterin Manuela Neuhaus einem älteren, etwas verwirrten Patienten zu erklären, dass es nötig ist, seinen Puls und weitere Daten via «Pulsoxi», einen Klipp an seinem Finger oder Ohrläppchen, überwachen zu können.

Doch der Mann wehrt sich und windet sich scheinbar vor Schmerzen wegen des Klipps. Er versucht, die Notfallpflegefachfrau zu schlagen und flucht weiter. Sie redet mit freundlicher aber bestimmter Stimme auf ihn ein und lässt ihm schlussendlich seinen Willen. «Manchmal weiss man nicht, was in den Leuten vorgeht.»

Hier kommt sie auch mit Geduld und Freundlichkeit nicht weiter. Das Leiden, wegen dem ihn eine Institution in den Notfall gebracht hat, kann die erfahrene Fachfrau, die seit 18 Jahren auf dem Notfall arbeitet, rasch beheben. Dann übergibt sie die Aufgabe, ihn abholen zu lassen, ihrem Kollegen, der Triagedienst hat.

«Die Triage ist sehr wichtig bei uns. Hier werden die Patienten in vier Stufen eingeteilt», erklärt Leiterin Suter. «Rot heisst, sie müssen sofort von einem Arzt angeschaut werden, bei Orange muss das innert 10 Minuten passieren, bei Gelb innert 30 Minuten und bei Blau, sobald Zeit da ist.»

Herzinfarkte, schwere Unfälle oder Ähnliches werden sofort in den Schockraum gebracht, wo alles für die Wiederbelebung bereitsteht. «Sehr schwere Fälle werden direkt in grössere Spitäler gebracht.» Wer aber nicht lebensbedrohlich erkrankt ist und nicht unter starken Schmerzen leidet, wird in die Sitzkoje geschickt.

«Früher hatten wir diese Koje noch nicht, da haben sich die Patienten immer gleich aufs Bett gelegt. Es ist psychologisch bestätigt, dass man sich sofort kranker fühlt, wenn man liegt», weiss Suter, die die Station 2003 mitaufgebaut hat. Sie hat viel Erfahrung: In den 16 Jahren, seit es die Notfallstation gibt, hat die Anzahl der Patienten von 5000 (Jahr 2003) auf 13 500 im Notfall selbst plus 6000 in der Notfallpraxis nebenan zugenommen.

Freundlich und dankbar

Pflegefachfrau Iveta Petrikova hat unterdessen mit dem Eingipsen des Arms eines jungen Mannes begonnen. «Der Gips muss wohl vier Wochen dran bleiben», erklärt sie. «Oje», sagt die Mutter des Patienten, «er hat Anfang Mai praktische Lehrabschlussprüfung.»

Die wird er wohl verschieben müssen, denn mit dieser Hand, die beim Fussball verletzt wurde, kann er nicht arbeiten. Genauso wie der Handwerker, dem ein Kollege aus Versehen einen Finger gebrochen hat, indem er ihm eine dicke massgefertigte Schranktür draufgeschlagen hat. Er murrt nicht, als er eine Tetanus-Impfung erhält.

Der Handwerker muss länger auf den Oberarzt warten, der ihn untersuchen will, doch danach geht er fröhlich grüssend und sich bedankend hinaus. «Es ist ein schönes Gefühl, wenn die Patienten freundlich und dankbar sind», sagt Suter.

Auch Aussenstehenden fällt auf: Patienten, die wirklich verletzt sind, entschuldigen sich fast, dass sie dem Personal Umstände bereiten, während andere, denen weniger fehlt, ungehalten reagieren können, wenn sie warten müssen. Ein Beispiel für Ersteres ist eine alte Dame, die eine Treppe hinuntergestürzt ist. Sie kann kaum gehen, aber auf die Frage, wie stark ihre Schmerzen auf einer Skala von 0 bis 10 sind, sagt sie zaghaft: «Vielleicht 4.»

Dem Notfallteam wird es sicher nicht langweilig. Aber was auch immer passiert, der Leiterin und auch ihren Mitarbeitern ist wichtig: «Wenns ganz schlimm wird, müssen wir manchmal hart sein, aber bei der Aufnahme sind wir immer freundlich, das nimmt schon mal die grösste Angst und Aggressivität», hält Suter fest.