Gemeinnütziger Ortsverein
Nach 110 Jahren Unterbruch gibt's wieder Wohler Wein: Der erste Jahrgang vom «Rebebänkli» mundet

Der traditionelle Gemeinnützige Ortsverein Wohlen (GOV) besitzt seit 2017 einen eigenen kleinen Rebberg. Nun konnte der erste Tropfen an der GV gekostet werden. Der Verein freut sich ausserdem über einen gehörigen Mitgliederaufschwung.

Marc Ribolla
Drucken
Teilen
Präsentieren den ersten Wein vom Rebebänkli namens «Chly Paris» (v.l.): Kellermeister Bruno Hartmann (Remigen), Stefan Weber und Hannes Bigler.

Präsentieren den ersten Wein vom Rebebänkli namens «Chly Paris» (v.l.): Kellermeister Bruno Hartmann (Remigen), Stefan Weber und Hannes Bigler.

Marc Ribolla

Noch selten habe in den vergangenen Jahrzehnten eine Mitgliederversammlung des Gemeinnützigen Ortsvereins Wohlen (GOV) so grossen Zuspruch erlebt wie diese, konstatierte der langjährige Vereinspräsident Pitsch Isler mit einem Augenzwinkern beim Blick in den Chappelehofsaal. «Kein Wunder, denn wir haben nicht nur Trockenes zu behandeln, sondern heute auch etwas Flüssiges», machte Isler die rund 60 Anwesenden auf den späteren Höhepunkt gluschtig. Die erstmalige Degustation des vereinseigenen Weins.

Vor vier Jahren initiierte der GOV auf seinem eigenen Flecken Land (269 Quadratmeter) am Wohler Rebberg am «Rebebänkli» ein Projekt mit rund 100 Rebstöcken, wo ganz auf Biodiversität gesetzt wird. Über 100 Jahre nach dem Ende des Rebbaus in Wohlen im Jahr 1910. Die neue Ära wird seither begleitet von Kellermeister Bruno Hartmann aus Remigen als Kelterer und von den Wohlern Stefan Weber und Hannes Bigler, die sich als Winzer um die Pflanzen kümmern.

200 Flaschen mit 13,2 Volumenprozent

Im Oktober vergangenen Jahres fand die erste Leset statt, die rund 160 Kilo Traubenertrag einbrachte. Daraus entstanden für den ersten Jahrgang 200 Flaschen à 37,5 cl mit einem Alkoholgehalt von 13,2 Volumenprozent.

Der Wohler Wein ist ein Weisswein, der aus der Sorte Souvignier Gris gekeltert wird. Bruno Hartmann erklärte dazu:

«Sie ist sehr widerstandsfähig und kann sich gut ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln behaupten.»

Jedes der anwesenden GOV-Mitglieder durfte ein kleines Gläschen des Weins degustieren. Experte Bruno Hartmann gab Tipps zum Abschnuppern des Bouquets und erklärte: «Es ist ein Wein mit einem frischen, grünfruchtigen Auftakt und einer Mango- oder reifen Pfirsichnote. Er passt ideal zum Apéro oder als Essensbegleiter.» Der sehr lange Abgang lade einem ein, wieder einen Schluck zu nehmen.

Der Wein vom Rebberg des Gemeinnützigen Ortsvereins Wohlen GOV.

Der Wein vom Rebberg des Gemeinnützigen Ortsvereins Wohlen GOV.

Marc Ribolla

Der GOV-Wein trägt den Namen «Chly Paris» in Anlehnung an Wohlens Blütezeit der Strohindustrie, deren Unternehmer einst treibende Kräfte der GOV-Gründung waren. Die Etikette wurde mit viel Liebe zum Detail von Manuela Müller-Stutz gestaltet und zeigt einen Stich von H. Triner von 1864 mit einer Ansicht des Wohler Rebbergs.

Ein grosses Geschäft wird der GOV mit dem «Chly Paris»-Tropfen, dessen Flasche 17.50 Franken kostet, nicht realisieren. Hartmann sagt: «Das Rebebänkli wird immer Defizit machen.» Es sei nicht selbstverständlich, dass jedes Jahr die Produktionskosten gedeckt werden können.

Dank Mitgliederaktion Anzahl mehr als verdoppelt

Fernziel ist es, von jedem Rebstock im Schnitt jährlich drei Kilo ernten zu können. Die Pflege ist für das Duo Weber und Bigler eine Herausforderung. Bigler sagt: «Einige Stöcke sind auch eingegangen und mussten dieses Jahr durch neue ersetzt werden. Im vergangenen Jahr gab es auch Probleme mit den vielen Wespen.»

Der kleine Rebberg des GOV am Rebenweg in Wohlen.

Der kleine Rebberg des GOV am Rebenweg in Wohlen.

Marc Ribolla

Reicher wird der Verein mit dem Wein nicht, dennoch freut sich Präsident Pitsch Isler unabhängig dessen über einen Mitgliederaufschwung. Denn auch der GOV verlor über die Jahrzehnte viele treue Mitglieder. Er sagt:

GOV-Präsident Pitsch Isler.

GOV-Präsident Pitsch Isler.

Marc Ribolla
«Dank einer Aktion, wo wir kürzlich über 150 Adressen anschrieben, konnten bis jetzt 84 neue Mitglieder gewonnen werden. Anfang Jahr war die Mitgliederzahl bis auf 50 gesunken.»

Auf eine stolze und lange Geschichte von 130 Jahren kann der Gemeinnützige Ortsverein Wohlen mittlerweile zurückblicken. Seit seiner Gründung 1891 kümmert sich der Verein um das Wohl der lokalen Bevölkerung. Ein zentraler Faktor sind die fünf eigenen Kindergärten, die der GOV seit 1912 an verschiedenen Orten im Dorf unterhält. Ausserdem sind beim Verein auch die Ludothek und die Kindertagesstätte Peter Dreifuss angesiedelt.

Der GOV und die Wohler Kindergartenstrategie

In der Gemeinde Wohlen gibt es zurzeit 17 Kindergartenabteilungen an zwölf Standorten, wovon fünf dem GOV gehören (Schulweg, Aesch, Bollmoos, Reithalleweg, Sorenbühlweg). Viele davon genügen den Anforderungen des Lehrplans 21 nicht mehr. GOV-Vorstandsmitglied Andy Wyder (Liegenschaften) sagt: «Der Status quo ist: Es funktioniert noch. Auch dank dem, dass der Verein immer mal wieder etwas repariert. Aber wir haben in allen Liegenschaften Erneuerungsbedarf.» Diese sind mittlerweile alle um die 60 Jahre alt. Seit Anfang 2020 ist der GOV deshalb in engem Austausch mit dem Gemeinderat, der signalisiert hat, dass er den Verein bei der Umsetzung der Kindergartenstrategie im Boot haben möchte. Der GOV ist willens, die Gemeinde bei den Investitionen zu unterstützen. Wyder: «Wir können nicht nur renovieren, auch die Kleinsten haben Anrecht auf modernen Schulraum.» Die Gemeinde überprüft derzeit die Standorte hinsichtlich einer möglichst ausgewogenen Verteilung im Dorf. Gemeinderat Thomas Burkard erklärt: «Der GOV spielt als Eigentümer von fünf Kindergärten eine zentrale Rolle. Der Gemeinderat ist froh über das Bekenntnis des Vereins.» Im Finanzplan Wohlens sind bis 2028 sieben Millionen Franken eingeplant. (rib)

Aktuelle Nachrichten