Muri
Für mehr Harmonie – die Glocken der Pfarrkirche schweigen

Zurzeit schweigen in Muri die Glocken der Pfarrkirche St. Goar. Grund ist eine umfassende Sanierung der Turmtechnik, die eine knappe Viertelmillion kostet.

Toni Widmer
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Die Glocken der Pfarrkirche St. Goar in Muri werden saniert
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Die alten, geschmiedeten Klöppel wiegen zwischen 30 und 150 Kilo. Sie sind erst in den 80er-Jahren montiert worden. Jetzt werden sie durch neue ersetzt, welche die Glocken schonen und für einen besseren Klang sorgen.
Eine der angerosteten Streben, die aus dem Glockenstuhl geschweisst wurde.
Die ganze Glockenstuhlkonstruktion wurde leicht angehoben.

Die Glocken der Pfarrkirche St. Goar in Muri werden saniert

Toni Widmer

Der Turm der Pfarrkirche St. Goar stammt aus dem Jahr 1583. Er blieb zusammen mit dem Chor stehen, als die Vorgängerin des heutigen, 1935/36 erbauten Gotteshauses abgebrochen wurde. Der Glockenstuhl im Turm ist vor 25 Jahren letztmals revidiert worden. An einigen Stellen war er so stark vom Rost befallen, dass die Spezialisten der Aarauer Rüetschi AG jetzt mehrere Stahlprofile herausschweissen und durch neue ersetzen mussten.
«Rostbefall ist in einem Glockenstuhl meist nicht leicht zu erkennen», erklärt Rüetschi-Servicetechniker Philipp Märki. «Staub und Vogeldreck können mit der Zeit eine Schicht um die befallenen Stellen bilden. Dahinter verrichtet dann die Feuchtigkeit ihr übles Werk.» Regelmässige Kontrollen, bei denen die Stahlträger vom Schmutz befreit und auf Rost untersucht würden, könne er nur empfehlen, sagt Märki weiter.

Glockenstuhl gummigelagert

Die Reparatur des Glockenstuhls ist denn auch nur ein (kleiner) Teil der laufenden Arbeiten. Grundsätzlich geht es darum, mit verschiedenen Verbesserungen die Belastung der Bausubstanz des Kirchturms zu verringern. Dazu müssen vor allem die Vibrationen reduziert werden, die sich beim Läuten der Glocken auf den Turm übertragen und – im schlimmsten Fall – zu Mauerrissen führen können.
Das erreicht man einerseits mit einer Isolierung des Glockenstuhls. Dazu ist die ganze Konstruktion, die zusammen mit den Glocken rund 25 Tonnen wiegt, angehoben worden. Darunter kommt jetzt ein neues Fundament und darauf eine 30 Millimeter dicke Dämmung aus Naturkautschuk. «Dank der Dämmung überträgt der Glockenstuhl künftig deutlich weniger Schwingungen. Die Gefahr von Rissen im Mauerwerk ist damit weitgehend gebannt», erklärt Philipp Märki. Gummilagerungen gäben einer Stahlkonstruktion ähnliche Eigenschaften wie Holz. Somit sei auch eine Verbesserung in akustischer Hinsicht zu erwarten.

Neue Klöppel für die Glocken

Ebenfalls dem Werterhalt des Turms, vor allem aber jenem des Geläuts, dient der Ersatz der Klöppel. Die alten wurden letzte Woche demontiert und aus dem Turm abgeseilt. Grund für den Ersatz sind die neuesten Erkenntnissen der Turmtechnik, die René Spielmann, Geschäftsführer der Rüetschi AG, erläutert: «In den letzten 50 Jahren sind mehr Glocken gesprungen, als in den 500 Jahren zuvor.

Die Gründe dafür sind im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts ProBell untersucht worden.» Die moderne Glockenforschung, welche die Firma Rüetschi in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Kompetenzzentrum für Glockenforschung ProBell (an der Fachhochschule Kempten) durchführe, habe in den letzten 10 Jahren grosse Fortschritte gemacht.
«Im Zentrum stehen die Kultur- und Investitionsgüter, wie sie die Glockengiesser in den letzten 700 Jahren mit ihren Glockengeläuten im ganzen Land geschaffen haben. Historische Glocken sind monumentale Musikinstrumente, welche in ihrem Betrieb sehr hohen Belastungen ausgesetzt sind. Priorität hat ein Betrieb mit hoher Betriebssicherheit, der eine lange Amortisationszeit gewährt – Ausfälle und Schäden sind in jedem Fall Kosten, die meistens durch die öffentliche Hand finanziert werden», erklärt Rüetschi weiter.
Als Forschungsresultate, die unter anderem in Projekten wie der Restaurierung der Kathedralen von Fribourg, Solothurn oder dem Kloster Wettingen erarbeitet und verifiziert wurden, stünden umfassende Computersimulationen zum Betrieb des Glockengeläutes zur Verfügung. Damit liessen sich bestehende Anlagen und geplante Restaurierungsmassnahmen vorausberechnen und optimieren.

Geläut stammt aus dem Jahr 1934

Die fünf Glocken im Turm der Pfarrkirche St. Goar sind von der Aarauer Glockengiesserei Rüetschi AG im Jahr 1934 gegossen worden. Die grösste wiegt 3208 Kilo und ist auf den Ton B gestimmt. Die zweite Glocke ist 2231 Kilo schwer und c’ gestimmt. Die drei weiteren Glocken wiegen 1662 (Ton d’), 965 (Ton f’) und 695 Kilo (Ton g’). Die Klöppel der Glocken wurden 1985 ersetzt und gleichzeitig auch der Glockenstuhl wegen starker Korrosion umfassend saniert. (to)

Klöppel besitzen spezielle Form

«Im Zentrum», sagt Spielmann, «stehen die heutigen geschmiedeten und nachträglich überdrehten Klöppel. Die neuen Klöppel besitzen spezielle Formen, angelehnt an jene des 16. Jahrhunderts. Das führt beim Läuten zu einer bedeutenden Reduktion von Abnützung und Verschleiss an den Glocken und zu einer deutlich hörbaren Klangverbesserung.
Wie ein auf diese Art revidiertes Glockengeläut tönt, kann man in Villmergen hören. Dort wurden im vergangenen Jahr im Turm der Pfarrkirche St. Peter und Paul neue Klöppel eingebaut. Seither tönen die Glocken nicht nur harmonischer, sondern nach dem Empfinden der Bevölkerung auch angenehmer und leiser.
Über Jahrhunderte hätte es kaum Probleme mit falsch dimensionierten oder konstruierten Klöppeln gegeben. «Die Schwierigkeiten haben erst mit der Automatisierung im 20. Jahrhundert begonnen. Die Läutwerke wurden vom Hand- auf den Motorbetrieb umgestellt. Das hat – unter anderem – dazu geführt, dass sich die Belastung auf die Glocken massiv verändert hat», erklärt Spielmann.

Man habe neue Klöppel konstruiert, die jedoch den Erfordernissen vielfach nicht gewachsen gewesen seien. Das habe zu Schäden an den Glocken geführt. «Mit den neuen exakt auf die Erfordernisse berechneten Klöppeln können wir die Abnützung der Glocken wesentlich verringern und ihre Lebensdauer um das Dreifache verlängern», sagt Spielmann.

Elektronik vereinfacht Arbeit

Komplett revidiert wird auch die alte Turmuhr und ersetzt werden die veraltete und schadhafte Elektroinstallation sowie die Steuerung. «Mit der Steuerungstechnik sind wir heute soweit, dass ein Kirchensiegrist den Ablauf eines Anlasses komplett elektronisch erfassen und zum richtigen Zeitpunkt abrufen kann.

Glockengeläut, Licht, Heizung, Türschliessung und sogar die Anzeige der Lieder für den entsprechenden Anlass lassen sich vorprogrammieren. Das bringt wesentliche Erleichterungen und Kostensenkungen beim administrativen Aufwand», erklärt Spielmann. In Muri wird noch nicht die Komplett-Variante realisiert. «Wir legen vorerst die Basis mit den nötigsten Elementen und planen, die Steuerung nach und nach weiter auszubauen», sagt dazu Hanspeter Frey, der Bauchef der Kirchenpflege Muri-Geltwil.