Wohlen
Es war niemand schuld daran – alle waren es

Die Theatergruppe der Kanti brachte mit Frischs «Andorra» einen Klassiker mit brisantem Thema auf die Bühne. Dass die Inszenierung von «Andorra» trotz dem schweren Stoff geglückt ist, zeigten viele Komplimente während und nach der Premiere.

Robert Benz
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Kanti-Theater «Andorra» in Wohlen

Kanti-Theater «Andorra» in Wohlen

Robert Benz

Andri wird hingerichtet und am Ende will es keiner gewesen sein: nicht der Wirt, nicht die Lehrmeisterin, nicht der Doktor und schon gar nicht der Soldat. Dabei hat Andri gar nichts getan. Er wird einzig deshalb hingerichtet, weil alle finden, dass er anders sei und weil er das am Ende selbst glaubt.

Vorurteile, Ausgrenzung, Feigheit und Schuld sind die grossen, ernsten Themen, derer sich die Theatergruppe der Kantonsschule Wohlen unter der Leitung von Alfred Wasser und Franco Loher bei dieser Ausgabe des Kanti-Theaters angenommen hat.

Dass die Inszenierung von Max Frischs «Andorra» trotz dem schweren Stoff geglückt ist, zeigten viele überschwängliche Komplimente während und nach der Premiere.

Beteiligte und unbeteiligte Schüler fielen sich erleichtert um den Hals und das erwachsene Publikum schien ebenfalls auf seine Kosten gekommen zu sein: «Das Theater hier anzuschauen war viel spannender, als das Buch zu lesen. Ich war von der Inszenierung wirklich positiv überrascht», sagte beispielsweise Luciana Stoll.

Es liegt nahe, dass die Bewertung des von Kanti-Schülern und Eltern durchsetzten Publikums wohlwollend ausfiel, doch es gab auch kritische Stimmen. «Nicht schlecht», fand beispielsweise Pascal Lüthi die Aufführung, aber man merke halt schon, dass keine Profis auf der Bühne stehen.

Nervosität nahm ab, das Tempo zu

In der Tat stand den Kantischülern zu Beginn in erster Linie die Nervosität ins Gesicht geschrieben, doch im Gegensatz zu den fiktiven Figuren bewiesen die Laien-Darsteller Charakter und legten mit jedem Auftritt Nervosität ab und Tempo zu.

Beflügelt von erstklassigen musikalischen Einlagen zeigten einige Akteure aussergewöhnliche Leistungen. Allen voran die Hauptdarsteller Nina Ramp als Barblin und Dorian Hyde als Andri hatten einige heikle, emotionale Szenen zu überstehen.

Als Andri gegen Ende des Stücks aus Rassenhass und Antisemitismus hingerichtet worden war, schrie Ramp ihre Entrüstung über die Feigheit der Andorraner und den verlorenen Geliebten und Bruder in beeindruckender Manier in die Aula der Kanti.

Dass die Anklage in den Weiten der Aula verhallte, lag also keinesfalls an Ramp, sondern an der Konzeption des Stücks. Alle Figuren gestanden nur genau so viel Schuld ein, wie sie unbedingt mussten, drehten sich um, und verschwanden wieder hinter Andorras weissen Wänden.

Laien mit viel Herzblut dabei

Insgesamt erschien die Aufmachung des Theaters schlicht. Die weissen Wände des Bühnenbilds, eingerichtet von den Schülern Jan Isenegger und Leon Schwitter, bestand aus grossen, weissen Tüchern, davor eine Jukebox, wo Protagonist Andri sein Service-Trinkgeld wieder loswerden konnte und so jeweils die Musik-Abteilung in Szene setzte.

Die Rädchen der Theatergruppe griffen auch vor dem zahlreich erschienenen Publikum ineinander. Projektleiter Alfred Wasser zeigte sich nach der Premiere sehr zufrieden, wollte jedoch keinen seiner Schützlinge speziell hervorheben.

Er verwies darauf, dass alle Darsteller Laien sind und trotzdem ihre Nervosität im Griff hatten: «Alle waren mit viel Herzblut bei der Sache, und das ist das Wichtigste.»

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