Winterschwil

Die «Pummel-Einhörner» und ein Hof voller kleiner und grosser Helden

Auf dem Winterschwiler Hof der Ponyhelden dürfen Shetlandponys aus Tierschutzfällen glücklich werden. Und Kinder auch.

Unfassbar: Weil die Besitzer ihre Mietschulden nicht bezahlen können, übergeben sie ihren Vermietern ihre drei Mini-Shetlandponys. Von der neuen Pflegefamilie werden diese gehegt und gepflegt, aber vollkommen überfüttert. Am Ende werden die drei Prinzessinnen Wanda, Wendy und Leila von der Tierschutzorganisation Stinah nach Winterschwil gebracht.

«Jetzt sind sie unsere kleinen Pummel-Einhörner», sagt Julia Müller lachend, während sie Wanda den zotteligen Kopf krault. Seit gut zehn Tagen sind die drei auf dem Hof, in dem sich Julia und Michael Müller einmieten. Sie sind der jüngste Zugang der Ponyhelden. Wie sie fanden elf andere Ponys ihr Glück in Winterschwil wieder, wo sie artgerecht gehalten werden.

«Sie möchten, dass man mit ihnen arbeitet»

Ein Gatter weiter stehen die Ponys mampfend im überdachten Strohbett. Doch sobald Julia Müller und ihre Kollegin Dominique Rippmann die Halfter holen, kommen sie anspaziert. «Sie durften die letzten zwei Tage nicht auf die Weide, es war viel zu nass. Jetzt können sie es kaum erwarten.»

Tatsächlich, nachdem Rippmann sowie Julia und Michael Müller die Ponys quer durchs Dorf auf die Weide geführt haben, rennen sie im gestreckten Galopp und mit Bocksprüngen über die Wiese. Wie ihre grossen Verwandten, nur mit viel kleineren Schritten.

«Man darf sie nicht unterschätzen», sagt Meister-Landwirt Michael Müller, die knapp einjährige Tochter Louisa im Arm. «Die Shettys wurden auf den Shetlandinseln gezüchtet, als Zugpferde in den Kohlegruben. Sie sind sehr robust und stark.»

Dass sie so herzig sind, ist oft ihr Verhängnis. «Viele meinen, die brauchen nicht viel Platz und können sich selber beschäftigen. Etwas Futter reicht. Das ist falsch», erklärt Julia Müller. «Sie möchten, dass man mit ihnen arbeitet. Sie ziehen gern Wagen oder werden sonst wie gefordert. Und zwar nicht mit der Peitsche und Geschrei.» Genau das wollen Müllers und Rippmann den Kindern auf dem Ponyhelden-Hof zeigen.

Kinder lernen Vertrauen und Respekt

Die Halfter und Sättel in der Sattelkammer sind alle auf Kinderhöhe angebracht. «Wir geben Reitkurse, aber uns geht es keineswegs nur ums Reiten», sagt Michael Müller. Dominique Rippmann, Primarlehrerin in Buttwil, versucht, es in Worte zu fassen: «Die Kinder sollen Vertrauen und Respekt lernen, untereinander, aber auch gegenüber den Ponys und sich selbst.

Sie lernen zu teilen und stärken ihr Selbstvertrauen.» All das lernen sie von und mit den Ponys. «Darum ist jedes Pony ein kleiner Held, eben Ponyhelden», sagt Julia Müller. Neben den Reitkursen geben sie Muki-Reiten, machen Bodenarbeit, bauen Zirkuselemente ein und führen jährlich mehrere dreitägige Lager durch. «Mit dem Geld daraus bezahlen wir die Tierschutzfälle», sagt Julia Müller.

«Wir werden schon eine Lösung finden»

Mittlerweile zählt die Herde 14 Tiere. «Im Grunde ist die Idee, dass wir die Tierschutzfälle zu uns nehmen, aufpäppeln und wieder weitergeben. Doch beispielsweise bei den drei Prinzessinnen wird das schwer. Sie sind viel zu dick, haben Fehlstellungen in den Beinen und einen speziellen Kleinwuchs. Ich glaube nicht, dass wir die mit gutem Gewissen abgeben können», ist Julia Müller skeptisch.

«Das Problem ist: Wir haben immer einen Notgroschen für die Rettung von Ponys auf der Seite. Diesen haben wir in die drei investiert. Wenn wir sie behalten, ist dieser Notgroschen nicht mehr für andere Notfallponys verfügbar.» Eine schwierige Situation.

«Wir überlegen uns, ob wir allenfalls Patenschaften für die Tierschutzfälle anbieten sollen. Aber so weit sind wir noch nicht.» Ihr Mann Michael lächelt, als er sagt: «Wir wissen zwar noch nicht, wie, aber auch diesmal werden wir eine gute Lösung finden.»

Platz hätte der Hof im idyllischen Weiler Winterschwil, wo das Paar seit zwei Jahren wohnt, mehr als genug. Vorerst sind sie einfach glücklich, dass sie den drei Prinzessinnen und all den anderen Ponys helfen können.

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