Muri

«Die Angehörigen entwickeln tolle Ideen»: Diese Pfarrerin erklärt, wie man in Corona-Zeiten Abschied nimmt

Pfarrerin Bettina Lukoschus ist überrascht, wie Leute den Abschied von ihren Liebsten trotz Corona würdig gestalten.

Pfarrerin Bettina Lukoschus ist überrascht, wie Leute den Abschied von ihren Liebsten trotz Corona würdig gestalten.

Im Interview mit der Aargauer Zeitung erklärt die reformierte Pfarrerin Bettina Lukoschus aus Muri, wie man in Zeiten von Corona dennoch eine würdevolle Trauerfeier für Verstorbene abhalten kann.

Keine Umarmung am Grab, kein Händedruck nach dem Gottesdienst: Wie gelingt es trotz Pandemie, Nähe zu schaffen? Bettina Lukoschus hat Strategien entwickelt, wie es gelingt. Geholfen haben ihr dabei auch die Angehörigen, die ihren Einfallsreichtum unter Beweis stellten.

Wie gelingt es, in Zeiten von Corona, eine Trauerfeier zu gestalten?

Bettina Lukoschus: Es geschieht in enger Absprache mit den Angehörigen und natürlich unter Einhaltung der Bestimmungen. Das ist für die Angehörigen eine Herausforderung.

Was bedeutet das konkret?

Im Moment können wir Gottesdienste mit bis zu 50 Personen durchführen. Es ist jedoch nicht möglich, dass man sich beispielsweise wie üblich nach der Trauerfeier zum Apéro im Untergeschoss des Kirchgemeindehauses trifft.

Wie reagieren die Angehörigen auf diese Richtlinien?

Sie entwickeln richtig tolle Ideen. Wir führten kürzlich eine Trauerfeier durch, an der Verwandte von etwas weiter weg teilnahmen. Die Angehörigen haben am Schluss der Feier allen Gästen einen Lunchsack mit auf den Weg gegeben.

Dennoch fehlt doch etwas, wenn man nach der Trauerfeier nicht gemeinsam isst. Gibt es Alternativen?

Ja, das gemeinsame Essen und das Zusammensein sind der Inbegriff von Gemeinschaft. Oft stehen die Gäste der Trauerfeier mit Abstand draussen noch zusammen. Aber das ist kein Ersatz für ein gemeinsames Essen oder einen Apéro. Für uns ist das frustrierend.

Auch das Kondolieren am Grab ist nicht mehr möglich.

Den Trend, Trauerfeiern individuell zu gestalten, gibt es schon länger. Dazu gehört auch, dass sich die Trauernden wünschen, dass am Grab nicht kondoliert wird. Dabei ist das enorm wichtig, die Menschen möchten auf diese Weise ihr Mitgefühl ausdrücken. Ich verbringe seit Jahren meine Ferien in Irland. Dort sind Beerdigungen ein Happening. Am Lokalradio wird täglich gemeldet, wer gestorben ist, wo er aufgebahrt wird und wann die Beerdigung stattfindet. Das ist ein Ritual. Jedes Ritual gibt Sicherheit. Das fällt nun weg. Corona spielt der Tendenz, die Trauerfeiern möglichst klein zu halten, leider in die Hände.

Es gibt Kirchgemeinden, welche Gottesdienste und Abdankungen streamen.

Auch das haben wir schon gemacht. Ich hielt in der einen Abdankungsgottesdienst und ein Familienmitglied hat das per Handy zu Angehörigen nach Asien gestreamt. Wenn wir unsere Sonntagsgottesdienste streamen, gibt es einen schönen Nebeneffekt: Wir blenden die Liedtexte ein. So nimmt man den Text eines Liedes ganz anders wahr.

Gibt es Hinterbliebene, die auf eine gemeinsame Feier nicht verzichten wollen und diese auf später verschieben?

Ja. Bei einer Trauerfamilie kam sehr schnell der Wunsch auf, dass wir im Frühjahr, genau ein Jahr nach dem Todestag, einen Gedenkgottesdienst für einen grösseren Personenkreis durchführen. Das ist organisatorisch zwar aufwendig, aber eine gute Alternative. Wir werden sehen, wie das im März möglich sein wird.

Wenn es so weit ist, werden Sie doch überrollt von all den Leuten, die Abdankungsfeiern nachholen wollen?

Wir leben in einer hochindividualisierten Gesellschaft, die sich ständig neu erfindet, sodass wir uns immer wieder anpassen müssen. Für die meisten war der Abschied, wie sie ihn im kleinen Kreis begangen haben, stimmig. Ich habe auch schon erlebt, dass die Trauerfamilie nach und nach jene zum Kaffee eingeladen haben, die wegen der Beschränkung nicht an der Beisetzung teilnehmen konnten.

Auch wenn er verschoben wird, wie wichtig ist ein gemeinsamer Abschied?

Bis zur Beerdigung befindet sich die Trauerfamilie in einem Spannungsbogen. Wenn der Abschied vorbei ist, fällt auch die Anspannung ab. Darum herrscht beim gemeinsamen Essen meist eine gelöste Stimmung. Man kann durchatmen.

Corona macht neue Formen nötig, um Nähe zu schaffen. Was beobachten Sie?

Das fällt allen schwer. Im engen Familienkreis hat man sich daran gewöhnt. Bei Verwandten von weiter her muss es aber neu geregelt werden. Ich war über die Feiertage bei meiner 92-jährigen Mutter in Nordrhein-Westfalen. Obwohl die Schweiz Risikogebiet ist, durften wir ohne Quarantäne einreisen. Ich behielt beim Besuch die Maske an und wir hielten Abstand, aber wir konnten einander sehen und sprechen. Das ist sehr viel. Es ist schon verrückt: Bald ist es ein Jahr her, seit ich jemandem die Hand gedrückt habe. Seltsam.

Was gibt den Menschen Trost in diesen Zeiten?

Ich halte mich an etwas aus der Bibel, das Bestand hat. Das ist die Liebe. Apostels Paulus schliesst dazu mit den Worten: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die grösste unter ihnen.»

Gibt es positive Dinge, die Sie aus diesen Erfahrungen mitnehmen werden?

Das ist schwierig (überlegt lange). Man wird technisch versierter, wir streamen die Gottesdienste. Dafür erhielten wir viele positive Rückmeldungen und werden es bei Bedarf beibehalten. Ich vermisse es, dass wir nicht mal mehr einen Kaffee anbieten können. Positiv ist hingegen, dass man zur Besinnung kommt und sich überlegt, was es braucht und was von Wert ist.

Es hat die Menschen zum Umdenken gezwungen…

Ja, viele haben erkannt, dass man Ferien auch in der Schweiz machen kann und nicht auf die Malediven reisen muss. Damit meine ich auch die Übermobilität oder auch beispielsweise den Ausbau des Flughafens Zürich mit der Shoppingmall: Das kann nicht ewig so weitergehen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie lange dieser Effekt anhalten wird.

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