Klassik
Boswiler Sommer: Surfen mit Bach & Co

Der Boswiler Sommer setzt mit dem Konzert «Wellenschlag» einen weiteren Höhepunkt.

Elisabeth Feller
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Das Wave Quartet spielt klassische Musik mit Marimba.

Das Wave Quartet spielt klassische Musik mit Marimba.

Ja, er kann immer wieder anders und ist aufregend, dieser Jonian Ilias Kadesha. Teufelsgeiger will man ihn nennen, doch da stockt man schon, wenn man sich seine letztjährigen Boswiler Auftritte vergegenwärtigt: die überschäumende Spielfreude und – natürlich – das eminente Können dieses jungen Geigers sind nur die eine Seite. Diese lässt allerdings selbst bei Johann Sebastian Bachs Violinkonzert E-Dur mitunter an Niccolò Paganini denken. Die andere Seite offenbart einen nachdenklichen, verinnerlichten Musiker, der zum Beispiel mitten im Allegro überraschende Ruheoasen einbaut. Kadesha scheint in solchen Momenten die Zeit ausser Kraft zu setzen – um nach einer gefühlten, wunderbaren Ewigkeit wiederum mit vollem Körpereinsatz einzutauchen in eine Musik, die man zu kennen glaubt. Töricht, das zu denken, denn so – mit Barockbogen und ohne Vibrato – aufgeraut, minime Unsauberkeiten risikofreudig in Kauf nehmend; im Adagio aber von anrührender Zartheit: So hat man dieses Werk kaum je gehört.

Die Interpretation mit den im gleichen Sinn und Geiste mitziehenden, wach und flexibel auf jeden noch so kleinsten Impuls des Solisten reagierenden Chaarts (Chamber Artists) gleicht in mancherlei Hinsicht einer Gipfeltour mit extremen Aufs und Abs oder aber – auf das Motto dieses Abends anspielend – einem «Wellenschlag», mithin einem alle Sinne fordernden Surfabenteuer. Natürlich ist diese Bachdeutung mit ihren entweder spontanen oder dramaturgischem Kalkül entsprungenen Schlenkern und Pirouetten; mit ihrem immer wieder gebremsten Drive, um Raum zu schaffen für Klänge, die an der Grenze zur Unhörbarkeit angesiedelt sind, nichts für Puristen. Dafür lässt einen diese Interpretation vergnügt lächeln.

Das sind gute Voraussetzungen für die nachfolgenden Wellenschläge mit dem Wave Quartet. Bogdan Bacanu, Christoph Sietzen, Emiko Uchiyama und Vladi Petrov spielen Marimba – und das so, dass sie mit Sicherheit jedes Werk ihrem Instrument anverwandeln könnten. Fantastisches Können gepaart mit Entdeckerneugier und Furchtlosigkeit macht ihre Begegnung mit den Chaarts bei Barockmeistern wie Antonio Vivaldi und J.S. Bach spannend, weil da auch zwei Welten aufeinanderprallen. Die Marimba hat eine enorm grosse dynamische Bandbreite: Wie würde sich das musikalische Gespräch zwischen den ungleichen Partnern bei Vivaldis Violinkonzert Es-Dur entwickeln? Würden die zwei Marimbas die sechs Chaarts-Mitglieder dominieren? Keineswegs, selbst wenn die Marimbas dazu in der Lage wären. Aber der kammermusikalische Austausch funktioniert bei Vivaldi und danach insbesondere bei Bachs Konzert für zwei Cembali (arrangiert für vier Marimbas) hervorragend.

Von Spielfreude beseelt

Der Respekt vor dem Original ist allzeit hörbar; die zwei Cembalo-Stimmen sind auf die vier Marimbas so aufgeteilt, dass sich der musikalische Verlauf jeder Stimme mühelos verfolgen lässt. Auch diese Interpretation bereitet, man kann es nicht oft genug wiederholen, schlichtweg Freude. Bei allen mit Verve präsentierten virtuosen Aspekten ist das Spiel des Wave Quartet in erster Linie von einer Spielfreude beseelt, die ansteckend wirkt und das Publikum beglückt. Nicht umsonst wird an diesem «Wellenschlag»-Abend sehr viel gelächelt: Die Mitglieder der Waves spornen sich gegenseitig mit einem Lächeln an, was grandiose Wirkung zeigt: Astor Piazzollas berühmter Libertango oder Rodrigo y Gabrielas rhythmisch durch ein Cajón (Kistentrommel) geradezu aberwitzig angeheiztes Tamacun stehen beispielhaft für die inspirierenden Interpretationen der Waves. Die vier Sympathieträger wollen jedoch nicht bloss virtuose Feuerwerke abbrennen, sondern wollen bei Piazzollas Oblivion auch eine erstaunliche Feinheit der Anschlagskunst erkennen lassen, die man dem Schlaginstrument Marimba nicht unbedingt zugetraut hätte. Wie hiess es doch in einer Rezension? «Erfrischend anders» sei das Wave Quartet. Stimmt – und genau dasselbe lässt sich auch über den Boswiler Sommer 2018 sagen.

Boswiler Sommer in der Alten Kirche Boswil, bis 8. Juli.