BEZIRKSGERICHT BREMGARTEN
Bauer verliebt sich in Kellnerin ‒ die unerwiderte Liebe endete vor Gericht

Skurrile Szenen am Bezirksgericht Bremgarten diese Woche: Angeklagt war nicht nur ein vermeintlicher Stalker, sondern auch dessen Opfer sowie deren Ehemann. Die Tirade von Belästigungen endete nun ‒ vorläufig ‒ mit gleich drei Anklagen.

Pascal Bruhin
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Vor dem Bezirksgericht Bremgarten trafen der Stalker, sein Opfer und ihr Ehemann aufeinander.

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten trafen der Stalker, sein Opfer und ihr Ehemann aufeinander.

Sandra Ardizzone

Alois (Namen geändert), 62, Landwirt, verheiratet, hatte sich verliebt. Die 13 Jahre jüngere Azra, Seviceangestellte in seiner Stammbeiz am Mutschellen, war das Objekt seiner Begierde. Kennengelernt hatten sich die beiden 2014. Doch das anfänglich freundschaftliche Verhältnis entwickelte sich mehr und mehr zu einer einseitigen Liebesbeziehung mit fatalen Auswirkungen.

«Ich habe ihm nie Hoffnungen gemacht», meinte die gebürtige Türkin in der Befragung durch Gerichtspräsident Peter Thurnherr. Nachdem Alois ihr 2018 seine Liebe gestanden hatte, habe sie die Reissleine gezogen und den Kontakt umgehend abgebrochen. Alois sei ein normaler Gast für sie gewesen, zu Intimitäten, wie vom Beschuldigten beschrieben, sei es nie gekommen, sagte die ebenfalls verheiratete Azra.

Nachdem sie seine Liebe nicht erwiderte, fing er an, sie zu stalken

Zwar habe sie von Alois des Öfteren Trinkgeld erhalten, dieses habe sich aber im üblichen Rahmen gehalten. Zudem habe er ihr das Geld jeweils nicht wie behauptet in den Büstenhalter geschoben, sondern ganz normal überreicht. «Sonst hätte ich in einem Striplokal gearbeitet und nicht in einem Restaurant», meinte die attraktive Mittvierzigerin vor Gericht.

Von der Mitteilung Azras, dass sie seine Gefühle nicht erwidere und er sie in Ruhe lassen solle, war der Beschuldigte wenig begeistert. Er fing daraufhin an, seine Angebetete zu verfolgen und zu überwachen. Er stellte ihr an diversen Orten nach, suchte sie auch an ihrem Wohnort und an ihrem neuen Arbeitsplatz wiederholt auf.

Von diversen Hausverboten liess sich Alois dabei nicht abhalten. «Er hat immer gewusst, wo ich bin. Er war überall, wo ich war. Woher hat er das gewusst?», fragte Azra sichtlich mitgenommen.

Opfer soll ihren Stalker gegen das Schienbein getreten haben

Zuletzt besuchte er Azra gar in einer Trainingsstunde der Jugendfussballmannschaft, die sie trainierte. Dort kam es zu jenem Vorfall, weshalb auch Azra angeklagt war. Sie soll Alois in ihrer Wut über sein Erscheinen ins Schienbein getreten haben.

Eine Busse von 200 Franken forderte die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten wegen dieser Tätlichkeit. Azra gab zwar zu, dass sie ausser sich gewesen sei, den Beschuldigten getreten zu haben, stritt sie aber vehement ab.

Ebenfalls angeklagt war Azras Ehemann Erim. Er soll Alois mehrfach verschiedene Sprach- und Textnachrichten geschickt haben, wodurch sich dieser belästigt gefühlt habe. Zudem soll er Alois an einem Freitagabend mit dem Auto über eine längere Strecke verfolgt, dann überholt und letztlich ausgebremst und ihn so zum Anhalten genötigt haben.

Dafür forderte die Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 80 Franken und eine Busse von 1000 Franken. Erim gab zu, Alois nachgefahren zu sein, jedoch hätte er ihn weder überholt noch ausgebremst, sondern hätte hinter ihm parkiert, nachdem dieser am Strassenrand anhielt, um mit ihm das Gespräch zu suchen.

Der Angeklagte machte deutlich, dass er nicht aufhören werde

«Ich hatte ihre Brüste in der Hand», sagte der erregte Alois in seiner Befragung. Azra habe den Kontakt zu ihm gesucht, und zwar «nicht nur ein bisschen. Es war sehr intensiv zwischen uns». An diesem Punkt verliess Azra aufgewühlt den Gerichtssaal.

«So lasse ich mich nicht abservieren», meinte Alois auf die Frage des Gerichtspräsidenten, wie Azra denn seiner Meinung nach den Kontakt zu ihm hätte abbrechen können. «Ich verlange, dass es wieder so wird wie früher.» Turnherr fragte weiter: «Und wenn sie keinen Kontakt mehr möchte?» Alois antwortet bedrohlich:

«Dann sehen wir, wie es weiter geht. Mehr will ich dazu nicht sagen.»

Die Staatsanwaltschaft forderte für den Tatbestand der mehrfachen Nötigung eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 250 Franken sowie eine Busse von 5000 Franken.

Noch kein Urteil: Gerichtspräsident ordnet psychiatrisches Gutachten an

«Das hatte keinen guten Anfang und das nimmt auch kein gutes Ende», sagte Thurnherr nach einer über einstündigen Beratung. «Es lässt Ungutes erwarten.» Seine Allmachtsfantasien, die Alois offenbar schon in vorgängigen Verhandlungen geäussert hatte, liessen den Gerichtspräsidenten eine psychiatrische Begutachtung in Bezug auf eine vollumfängliche Schuldfähigkeit anordnen. Er hielt fest:

«Ich bin kein Psychiater. Aber man hat schon den Eindruck, dass bei Ihnen etwas ganz, ganz schräg läuft.»

Da das Gutachten auch die Urteilssprechung in den Verfahren gegen die beiden anderen Angeklagten beeinflussen könnte, werde bis zu dessen Vorliegen keines der drei Urteile gefällt.