Im Archiv gestöbert
«Am besten ist es, man redet vom Wetter»

Der Freiämter Kalender 1980 erzählt die Geschichte der Eierfrau von Rüti.

Johanna Lippuner
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So sah sie aus, die Eierfrau Frieda Huber.

So sah sie aus, die Eierfrau Frieda Huber.

Johanna Lippuner

«Jeden Donnerstagmorgen fährt Frieda Huber-Schmid von Rüti bei Hägglingen zum Gemüsemarkt nach Wohlen», schreibt W. M. im Freiämter Kalender von 1980. Beschrieben wird Huber als «leutselige Bäuerin, die den Frieden liebt und jedem Streit abhold ist.» Ihren Standort hatte die 1911 geborene Frau auf dem Kirchenplatz neben dem Fischhändler Wyss aus Wynigen, wo sie unter einem grossen Sonnenschirm Eier, Gemüse und Honig verkaufte. Am Anfang balancierte Frieda Huber drei bis vier Taschen vollgepackt mit Eiern auf ihrem Fahrrad zum Markt. Später kam sie mit dem Traktor und «seit 13 Jahren mit dem Auto», einem Opel Caravan.

Mit ihrem Mann betreute sie auf dem Hof nahe des Emmetfelderkreuzes ungefähr 700 Hühner. «Unsere Viecher brauchen ungefähr 45 Tonnen Futter im Jahr», erzählt die Landfrau im Kalender. Die Familie besass zudem 35 Kühe, 10 Rinder und 120 Mastschweine, die sie mit drei Bauern betreuten.

Zwei Paar Strümpfe im Winter

«Beim Besuch in ihrer heimeligen Stube traf ich Frau Huber, als sie 300 Eier wog und peinlich genau in Kartons einordnete», so W. M. Mit den Wohlern sei Huber zufrieden, auch wenn die Frauen an ihrem Marktstand oft übereinander reden und schimpfen. «Ich mische mich nie in ein Gespräch ein. Am besten ist es, man redet vom Wetter», sagt die Bäuerin «schalkhaft» dazu. Sie sei bei Sturm, Schnee und Regen oft stundenlang draussen, wie es um ihre Gesundheit stehe, wollte W. M. wissen. Huber lachte: «Wissen Sie, ich bin noch nie ernstlich krank gewesen. Ich ziehe mich immer gut an, zwei bis drei Paar Strümpfe im Winter.» Vom Gebet hält die gesprächige Frau viel: «Wenn ich es einmal vergesse, dann geht sicher etwas schief», erzählte sie.

So einfache und zufriedene Leute sind heute bald einmal gezählt . . .

(Quelle: W.M., Autor im Freiämter Kalender über Frieda Huber-Schmid, die «Eierfrau» von Rüti)

W. M. schreibt, es sei eine anregende Stunde gewesen, die er mit der Eierfrau verbringen durfte. Und ergänzt mit einem Satz, der am heutigen Tag wohl noch genau so wahr sein dürfte wie vor 39 Jahren: «So einfache und zufriedene Leute sind heute bald einmal gezählt . . .»

SERIE Im Archiv gestöbert

In der Serie «Im Archiv gestöbert» pickt die AZ Freiamt aus alten Freiämter Kalendern, Villmerger Blättern oder ähnlichen Veröffentlichungen schöne Geschichten heraus, bei denen es sich lohnt, sie auch Jahrzehnte später wieder einmal zu erzählen.