Wohlen
Als ein Freiämter Fabrikant Baumwolle bestellte, sie aber nie erhielt

Der Wohler Unternehmer Theodor Dreifuss bestellte 1914 910 Ballen Baumwolle. Die wertvolle Fracht kam aber nie bis ins Freiamt, denn sie wurde ein Opfer des Ersten Weltkrieges.

Jörg Baumann
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Theodor Dreifuss

Theodor Dreifuss

Zur Verfügung gestellt
Der Dampfer Marienbad in einer zeitgenössischen Darstellung.

Der Dampfer Marienbad in einer zeitgenössischen Darstellung.

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Ungeduldig wartet der Wohler Unternehmer Theodor Dreifuss (1871-1950) im Ersten Weltkrieg auf einen grossen Posten Baumwolle. Der Chef der 1855 von seinen Vorfahren Julius und Leopold Dreifuss gegründeten Hutgeflechtfabrik Gebrüder Dreifuss hat 910 Ballen beim damals grössten Baumwollhändler der Welt, der Firma Volkart AG in Winterthur, bestellt. Die Baumwolle ist auf den Dampfer Marienbad verladen worden, der unter österreichisch-ungarischer Flagge auf der Indienlinie verkehrt. Aber sie kommt nie in Wohlen an.

Dreifuss ist verzweifelt. Die Baumwolle ist teuer – 270000 Franken. Heute wären das 2,5 Mio. Franken. Die Baumwolle sei «gebührend gegen Feuer versichert», teilt Dreifuss dem Schweizerischen Politischen Departement, Abteilung für Auswärtiges, in einem Brief am 31. Mai 1917 mit.

Das geht aus den Akten im Bundesarchiv in Bern hervor. Er hoffe, «dass es noch möglich ist, vor dem 9. Juni 1917 unsere Anspruchserklärung der französischen Regierung zu unterbreiten, damit wir bei allfälligen nach diesem Tage von dieser Regierung zutreffenden Massnahmen unsere Rechte geltend machen können.»

Die «Marienbad» wird beschlagnahmt

In Tat und Wahrheit hat der britische Zerstörer Chatham den Dampfer Marienbad samt Baumwolle am 13. August 1914 in der Ägäis als «Prise» aufgebracht. Auf Deutsch: besetzt oder beschlagnahmt. Österreich-Ungarn hat den Krieg ausgelöst.

Deshalb sind österreichische Handelsschiffe auf hoher See unerwünscht. Grossbritannien war damals eine Weltmacht. Nach dem herrschenden Seerecht (Prisengericht) dürfen Handelsschiffe aufgebracht, aber nicht versenkt werden.

Bereits am 16. August 1914 erhält der Dampfer Marienbad die Bewilligung, von Alexandrien (Ägypten) nach Patras (Griechenland) auszulaufen. Dort verbleibt der Dampfer bis 1916.

Weiter vermutet Gregor Gatscher-Riedl, Autor des Buches «Alt-Österreich auf hoher See – Das Flottenalbum des Österreichischen Lloyd», dass französische Unterwassereinheiten das Schiff an der Weiterfahrt gehindert hätten.

Die Franzosen beschlagnahmen das Schiff und bringen es unter dem neuen Namen «Général Gallieni» in Fahrt. Ab 1921 heisst der Dampfer «Pellerin de Latouche». 1936 wird er abgebrochen. Die Schiffsgesellschaft Österreichischer Lloyd meldet bereits für 1914 sechs Dampfer, «die nicht mehr rechtzeitig nach Hause kommen konnten».

Ein Anwalt und der Bund sollen es richten

Wie geht es Theodor Dreifuss? Nicht gut. Er engagiert 1917 den Pariser Rechtsanwalt Maître de Segogne. Dieser soll ihm zu der verschollenen Baumwolle verhelfen. Er wird beim französischen Staat vorstellig.

Als Relaisstation zwischen der Schweiz und Frankreich fungiert das Eidgenössische Politische Departement. Die Schweizer Botschaft in Frankreich soll vermitteln. Die Angelegenheit zieht sich in die Länge. Am 22. Mai 1924 teilt der französische Staatsrat mit, er habe die Beschwerde von Dreifuss abgelehnt.

Dreifuss ist erbost: Er fragt am 22. August 1924 in Bern an, «ob nach Ihrem Dafürhalten nicht ein eventueller weiterer Schritt von Regierung zu Regierung eine Wiedererwägung der doch gewiss nicht gerechten Verurteilung eines Neutralen (der Schweiz) herbeiführen könnte, um diese so wichtige Angelegenheit erfolgreich zu gestalten».

Bern weiss keinen Rat: «Wir haben die Motive des Dekrets geprüft und sind zum Ergebnis gelangt, dass unsererseits die Angelegenheit als erledigt angesehen werden muss. Gegen ungünstige Entscheide des französischen Staatsrates in Prisenangelegenheit ist es ausserordentlich schwierig, mit Aussicht auf Erfolg eine diplomatische Intervention zu unternehmen.»

Die schweizerischen Wareneigentümer hätten während des Aufenthaltes des Dampfers Marienbad in Griechenland die Möglichkeit gehabt, «ihre Waren in Empfang zu nehmen, bevor sie von den Alliierten beschlagnahmt wurden». Also ist Dreifuss viel zu spät dran. Wurde er von Bern nicht richtig informiert?

Wohler Gemeinderat spielt sich auf

Theodor Dreifuss muss die Waffen strecken. Schon sein Vater hatte es schwer. Leopold Dreifuss steht als Rohstofflieferant mit Wohler Häusern in Kontakt. Der guten Konjunktur wegen will er 1855 nach Wohlen ziehen. Als jüdischer Mitbürger habe er für die Niederlassung in Wohlen die Genehmigung des Gemeinderates gebraucht, heisst es im Buch «Strohzeiten».

Der Gemeinderat lehnt aber das Gesuch ab. Keck antwortet Leopold Dreifuss, wie er sich als Angehöriger der Schweizer Armee verhalten hätte, wenn seine Truppe durch das Gebiet von Wohlen gezogen wäre, was er offenbar als Drohung versteht. Und er beantragt eine Wiedererwägung seines Gesuches.

Der Gemeinderat pflege Sonntagabend im Hotel Sternen zu jassen, wird Leopold Dreifuss mitgeteilt. Wenn es unbedingt sein müsse, solle er dort vorbeikommen. Als der gut aussehende Leopold Dreifuss vor der Runde erscheint, fragen die Gemeinderäte ungläubig, ob er tatsächlich dieser Jude sei.

Erleichtert meint einer der (offenbar besonders schlecht informierten) Gemeinderäte, er habe geglaubt, Juden seien schwarz. So sei das etwas anderes. So erlaubt der Gemeinderat Dreifuss, in Wohlen Wohnsitz zu nehmen. Die Firma Gebrüder Dreifuss etabliert sich und gehörte im 20. Jahrhundert zum erlauchten Kreis des Verbandes Aargauischer Hutgeflechtfabrikanten.

Von der Hutfabrik zum Hightech-Unternehmen

Die 1855 von Leopold und Julius Dreifuss in Wohlen gegründete Hutgeflechtfirma Gebrüder Dreifuss versorgte die Unternehmen mit Pferdehaar und Manilahanf. In der Hutgeflechtindustrie verhaftet, betrieb sie in Hägglingen eine Trüllerei. Die dort Beschäftigten standen an Flechtmaschinen, die sie von Hand drehten. Daher der Begriff Trüllen.

Theodor Dreifuss (1871-1950) trat in der zweiten Generation nach einer kaufmännischen Lehre und Auslandaufenthalten 1892 mit erst 21 Jahren mit seinem drei Jahre älteren Bruder Jakob ins väterliche Handelsgeschäft ein. 1896 unternahm Theodor für den Einkauf von Kuba-Bast eine Reise nach Südamerika. 1902 stellte die Firma auf die Fabrikation von Geflechten um.

Jakob Dreifuss war schuld, dass Wohlen 1892 das Telefon bekam. Er hätte gern täglich mit seiner auswärts wohnenden Verlobten geplaudert. Doch Wohlen kannte das Telefon noch nicht. Dreifuss nahm Kontakt mit der Telefondirektion auf.

Diese wollte das Telefon erst gegen die Garantie von zehn Anschlüssen und eine Minimalgebühr von 1000 Franken im Jahr (damals viel Geld) aufschalten. Jakob Dreifuss ergänzte den fehlenden Betrag. 1895 zählte Wohlen 34 Telefonanschlüsse, 1902 deren 54, wovon 21 von Strohmanufakturen, weitere sechs von Privathäuser von Industriellen.

In dritter Generation des Unternehmens gründeten Bernhard Dreifuss und sein Cousin Marcel Dreifuss 1935 die Tochterfirma Cellpack AG, weil das nationalsozialistische Deutschland es Juden nicht mehr erlaubte, Produkte zu exportieren. Damit begann für die Firma Dreifuss viel früher als andere Geflechtfabrikanten der Rückzug aus dem Gewerbe.

Die Cellpack AG überraschte mit Neuheiten: mit Verpackungen aus Cellophan und Azetat und mit Industrieprodukten. 1947 kamen Elektroisolationen, 1958 die Glasharzfabrik und 1961 die Kunststoffbearbeitung dazu. Die Firma stieg zum grössten Arbeitgeber in Wohlen auf. 1982 erfolgte der Umzug der Industrieprodukte und Kunststofftechnik nach Villmergen.

2001 erwarb der Schaffhauser Unternehmer Giorgio Behr eine Mehrheitsbeteiligung an der Cellpack-Gruppe und gliederte sie in den neuen Konzern Behr Bircher Cellpack BBC ein. Die Bearbeitung von Kunststoffen gehört heute zu den Kernaktivitäten der BBC-Grouppe. Die Firma Gebrüder Dreifuss AG und damit das Andenken an die Gründerfamilie Dreifuss lebt als Verwalterin und Eigentümerin von Gewerbe- und Industrieliegenschaften in Wohlen weiter.

Jörg Baumann