Spitalplanung

«Ein Zentralspital brächte mehr Nachteile als Vorteile»

CEO des Kantonsspitals Baden Dieter Keusch.

CEO des Kantonsspitals Baden Dieter Keusch.

Dieter Keusch, Chef des Kantonsspitals Baden, äussert sich zu den kommenden Herausforderungen für Spitäler.

Herr Keusch, wann wird Ihr Spital neu gebaut?

Dieter Keusch: Ich hoffe ab 2013/2014, mit einer deutlich verkürzten Bauzeit gegenüber der bisher vorgesehenen Gesamterneuerung. Damit könnten grosse Behinderungen des Spitalbetriebes verhindert und die Unterhaltskosten zur Sicherstellung des Betriebs während einer verkürzten Bauzeit reduziert werden.

Für eine halbe Milliarde Franken?

Dies entspricht einer aktuellen Schätzung des Departementes Gesundheit und Soziales.

Wie stellen Sie sich die Finanzierung vor? Via Fallpauschalen?

Die neue Spitalfinanzierung sieht dies vor. Wie hoch der Anteil der Anlagekosten (inklusive Gebäudekosten) an den Fallpauschalen sein darf, ist leider heute noch immer nicht definiert. Dementsprechend gross ist die Unsicherheit in der ganzen Schweiz, ob die Spitalliegenschaften auf diesem Weg überhaupt finanzierbar sind.

Und wenn nicht?

Verhindert das Gesetz die Möglichkeit einer Kostendeckung der Anlagen, erfolgt eine Verlagerung der Deckung an die Trägerschaften. Relevant sind hier auch die Konditionen einer allfälligen Eigentumsübertragung. Noch nicht klar ist leider auch, wie eine Wettbewerbsverzerrung aufgrund unterschiedlicher Investitionsrückstaus vermieden werden kann.

Gibt es statt KSB und KSA dereinst ein Zentralspital in der Kantonsmitte auf der grünen Wiese?

Ein Zentralspital auf der grünen Wiese würde für den ganzen Kanton mehr Nachteile als Vorteile bringen. Wenn, der Bevölkerungsdichte in Aarau und Baden folgend, an den bisherigen Standorten weiterhin Spitäler betrieben würden, hätten wir danach ein Spital mehr als zuvor.

Das wäre aber nicht die Idee.

Wenn man auf die Standorte Baden und Aarau verzichten würde, hätte das neue Spital theoretisch die Grösse eines grossen Universitätsspitals, dessen Kosten erfahrungsgemäss weit über denjenigen der Aargauer Spitäler lägen. Es wäre auch nicht nachvollziehbar, weshalb sich Spitäler von den grössten Ballungszentren und Patienten entfernen sollten. Spitäler lassen sich zwar überall planen. Patienten aber entscheiden unabhängig von diesen Plänen selbstständig.

Wie zeigt sich dies konkret?

Während Jahren wurden von Hausärzten, Spitälern und den Behörden Konzepte entwickelt, wie die Hausarztpatienten vom Spitalnotfall wieder den Hausärzten zugeführt werden könnten. Alle Konzepte scheiterten. Erfolgreich waren wir erst, als Hausärzte und KSB die Patientenentscheide akzeptierten und gemeinsam im Spital eine Lösung mit Hausarztmedizin anboten.

Gegen ein Zentralspital dürfte sprechen, dass zahlreiche Patienten aus dem Ostaargau in den Kanton Zürich abwandern könnten?

Ja, ab 1. Januar 2012 sind die Kantonsgrenzen offen. Ab KSB ist das Limmattalspital innert 17 Minuten und das Triemlispital innert 25 Minuten erreichbar. Der Verzicht auf den Spitalstandort Baden würde zu einer starken Abwanderung nach Zürich führen und uns mit Sicherheit Dankesschreiben der Greater Zurich Area und des Standortmarketings Zürich einbringen. Für die ambulanten Aargauer Patienten, die sich im Kanton Zürich behandeln liessen, müssten die Aargauer Krankenkassenprämienzahler vollumfänglich aufkommen, die stationären Leistungen könnten sich Aargauer Steuer- und Prämienzahler im Verhältnis 55 Prozent zu 45 Prozent teilen.

Der Aargau verlöre also massiv?

Ja, die Wertschöpfung der Spitalleistungen, die im Vergleich zu anderen Branchen ausserordentlich hoch ist und über 70 Prozent der Bruttoproduktion eines Spitals ausmacht, würde in Zürich realisiert. Angesichts des KSB-Jahresumsatzes von über 250 Millionen Franken mit einer Lohnsumme von 147 Millionen Franken 2009 – ein lukrativer Deal für Zürcher Steuer- und Prämienzahler. Der Aargau zahlt die Leistungen und Zürich konsumiert die Wertschöpfung.

Was erwarten Sie denn für Ihren Neubau von der Kantonspolitik?

Mut zu visionären und zukunftsorientierten Entscheiden. Diesen Mut bewies die Aargauer Politik bei der Planung und dem Bau des Kantonsspitals Baden in den 60er- und 70er- Jahren. Unter anderem mit diesem prozessfreundlichen Bau schafft es das KSB, zu den kostengünstigsten Spitälern zu gehören. Davon profitierten seit Jahren Aargauer Steuer- und Prämienzahler.

Welches ist denn nebst dem Neubau Ihre grösste Herausforderung?

Die Sicherstellung des Spitalbetriebes mit einem adäquaten Unterhalt bis zur Bezugsbereitschaft des Neubaus und die Befriedigung der stark wachsenden Nachfrage im Einzugsgebiet. Laut neuem Spitalversorgungsbericht ist im Aargau bis 2020 mit rund 11Prozent mehr Pflegetagen zu rechnen.

Die Kassen wollen die Fallpauschalen individuell aushandeln. Kann man da noch etwas abwenden?

Dies wird kaum möglich sein.

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