Noch bis vor wenigen Jahren, war der Lehrstellenmangel ein grosses Thema. Die Politik appellierte an die Wirtschaft, mehr Lehrstellen zu schaffen und baute gleichzeitig ein dichtes Netz an Unterstützungsmassnahmen und Brückenangeboten auf. Nun scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen. Die Zahl der Lehrstellen ist stabil bis steigend, während die Nachfrage gesamtschweizerisch leicht sinkt. «Jugendliche, die gut in der Schule sind und keine Lehrstelle finden, gibt es heute kaum noch», sagt Kathrin Hunziker, Leiterin der Abteilung Berufsbildung beim Kanton. Die Brückenangebote würden kontinuierlich weniger in Anspruch genommen.

555 Lehrstellen sind noch offen

Durch das anhaltende Bevölkerungswachstum ist die Trendwende im Aargau zwar weniger ausgeprägt, doch dieses Jahr ist die Nachfrage nach Lehrstellen auch hier kleiner. Stand gestern Abend waren gemäss Lehrstellennachweis des Kantons noch 555 Ausbildungsplätze offen.

Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, da die Unternehmen das Verzeichnis selbstständig aktualisieren. Letztes Jahr zur gleichen Zeit gab es ungefähr gleich viele offene Lehrstellen, bei grösserer Nachfrage. Definitiv vergeben sind 5600 Lehrstellen. So viele Lehrverträge sind nämlich bisher bei der kantonalen Abteilung für Berufsbildung eingegangen. «Das ist ein leichter Rückgang im Vergleich zu früheren Jahren», sagt Kathrin Hunziker. Erfahrungsgemäss würden aber noch bis im August Verträge unterzeichnet.

Gesuchte Elektroinstallateure

Ob ein Betrieb händeringend nach Lehrlingen sucht oder von Bewerbungen überschwemmt wird, hängt stark von der Branche ab. In der kaufmännischen Ausbildung und bei den Fachfrauen/-männern Gesundheit sind so gut wie keine Lehrstellen mehr frei. Dies, obwohl das Angebot jährlich wächst. Am meisten Mühe haben handwerkliche Berufe mit höheren Anforderungen wie Polymechaniker oder Elektroinstallateur. Gemäss dem Lehrstellennachweis werden für diesen Sommer noch 22 Elektroinstallateure gesucht. Ein Beispiel dafür ist die Jost Baden AG. Deren Lehrlingsverantwortlicher Tobias Studer sucht noch mindestens einen Lehrling: «Für diesen Sommer haben wir erst einen Jugendlichen, am liebsten wären mir aber drei.»

Im Vergleich mit anderen Jahren erhielt Studer wenig Bewerbungen. Schliesslich haben nur fünf Jugendliche eine Schnupperlehre absolviert. Diese seien grösstenteils unbefriedigend gewesen, erzählt Studer. «Das Wichtigste ist, dass die Schnupperlernenden Interesse am Beruf zeigen.» Schulnoten spielen für Studer eine untergeordnete Rolle. Einzig in Mathematik sollten die zukünftigen Elektroinstallateure gutes Sek-Niveau aufweisen. Erklärungen für die diesjährige Lehrlings-Misere hat Studer nicht.

Er hofft, dass sie sich nur als schlechter Jahrgang herausstellt. Die Zukunft sieht nämlich schon besser aus, sagt Studer: «Lustigerweise habe ich bereits Bewerbungen für 2012.» Damit die Branche nicht langfristig an einem Mangel an Lehrlingen leidet, möchte Studer, dass anspruchsvolle Handwerksberufe mehr beachtet werden: «Die Jugendlichen sollten nicht nur die Berufsbeschreibung lesen, sondern sich direkt anschauen, was wir machen.»

Boni für die Lehrlinge

Studer ist sich aber auch bewusst, dass die Attraktivität auch mit dem Lohn zusammenhängt. Ein KV-Lehrling verdient deutlich mehr als ein Elektroinstallateur. Um die Lehrlinge mehr zu motivieren, führt die Jost AG deshalb ein Bonussystem ein. Wer durch besonderen Einsatz und Pünktlichkeit auffällt, kann bis zu 150 Franken mehr im Monat verdienen. Auch wenn schon Juli ist, hat Studer die Hoffnung auf einen Lehrling noch nicht aufgegeben. Bis Ende Woche nimmt er den sechsten Schnupperstift dieses Jahres unter die Lupe.