MenschenStrom gegen Atom
Demonstration im Aaretal für Ausstieg aus Atomenergie

Am 22. Mai kommen Tausende Demonstranten ins untere Aaretal. Sie wollen für den Ausstieg aus der Atomenergie demonstrieren. Leo Scherer, Mitglied von «MenschenStrom gegen Atom» und beauftragt für Medien- und Behördenkontakte, erklärt warum.

Mathias Küng
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Leo Scherer auf dem Dach seines nach Minergie-P-Standard sanierten Hauses in Wettingen. Walter Schwager

Leo Scherer auf dem Dach seines nach Minergie-P-Standard sanierten Hauses in Wettingen. Walter Schwager

Herr Scherer, was wollen Sie mit dem «MenschenStrom gegen Atom» am 22. Mai erreichen?

Leo Scherer: Mit dem «MenschenStrom gegen Atom» demonstrieren wir für den Ausstieg aus der Atomenergie, gegen den Bau neuer AKW und für die Förderung der erneuerbaren Energien. Der Rahmenbewilligungsprozess für neue AKW ist inzwischen zwar sistiert. Das reicht uns aber nicht. Wir wollen überhaupt keine neuen AKW.

2010 fand Ihr Marsch erstmals statt – in Gösgen. Diesmal beim AKW Beznau. Also jedes Jahr woanders?

Wir waren in Gösgen, weil dort eins von drei neuen AKW geplant ist. Aber auch, weil es von der Westschweiz gut erreichbar ist. Jetzt nehmen wir uns mit Beznau einen der nächsten Standorte vor. Die eigentliche Kundgebung ist dann in Kleindöttingen. Mit unserem Netzwerk wollen wir möglichst viele Menschen mobilisieren. Dies ist übrigens eine Premiere. In diesem Raum hat noch nie eine grosse Anti-AKW-Kundgebung stattgefunden.

Sehen Sie Ihren Marsch in der Tradition der Pfingstmärsche?

Ähnlichkeiten dazu gibt es. Ausgelöst worden ist unser Marsch aber durch die AKW-Neubaupläne. Die wollen wir verhindern. Wir hoffen natürlich, dass der Marsch von Jahr zu Jahr grösser wird. So lange, wie es nötig ist.

Mit wie vielen Teilnehmenden rechnen Sie denn dieses Jahr – nach Fukushima?

Letztes Jahr sind 4500 bis 5000 Menschen mitmarschiert. Für 2011 rechneten wir anfänglich bei besten Wetterbedingungen mit 6000 bis 7000 Menschen. Nach Fukushima sollten wir uns wohl auf noch höhere Zahlen ausrichten.

10 000 oder mehr?

Sagen wir es so: Auf dem Kundgebungsplatz, einer mehrere Hektaren grossen Wiese zwischen Aareweg und Industriegebiet in Kleindöttingen, wird für 10 000 oder auch mehr Menschen Platz sein. Wir richten unsere Infrastruktur so aus, dass wir durch eine so hohe Zahl nicht überfordert würden.

Das untere Aaretal ist gut erschlossen. Doch die Kapazität von Strasse und Schiene ist begrenzt. Wie kommen die Menschen zur Demo?

Wir sind im Gespräch mit der Bahn, mit der Postauto AG und der Kantonspolizei. An einer Sitzung in den nächsten Tagen werden wir sehen, was der öV leisten kann. Zusätzlich prüfen wir Busse für Hin- und Rücktransport. Und organisieren Parkierungsmöglichkeiten. Diese Kapazitäten werden aber sehr begrenzt sein und sind primär für Busse gedacht. Wir rufen alle auf, mit dem öffentlichen Verkehr zu kommen.

Woher werden die Demonstranten geografisch kommen?

Das können wir nicht eingrenzen. Die meisten kommen aus der Schweiz, viele aber auch aus Süddeutschland. In unserer Trägerschaft sind auch Organisationen aus Deutschland, Frankreich, Österreich.

Steht die Route für den Marsch?

Wir haben in Absprache mit Kanton und den Gemeinden eine Route erarbeitet. Die Gesuche laufen aber noch.

Wie läuft der Marsch ab?

Geplant sind zwei Routen. Eine über drei Kilometer für Familien vom Bahnhof Döttingen zum Kundgebungsplatz und eine ca. 12 km lange Route ab Siggenthal-Würenlingen Station. Besammlung ist auf den Bahnhofplätzen.

Aber gerade der in Siggenthal-Würenlingen Station ist sehr klein.

Wir besammeln uns ab 10 Uhr in Siggenthal-Würenlingen Station und ab 12 Uhr in Döttingen. Wann genau wir losmarschieren, hängt noch vom Eintreffen der Sonderzüge ab. Je nach Anzahl der Teilnehmenden können wir in Absprache mit der Kantonspolizei einen ersten Zug losmarschieren lassen, dann einen zweiten und vielleicht sogar noch einen dritten, damit es kein Gedränge gibt.

Ein sehr wichtiger Punkt bei einer Demonstration ist die Sicherheit. Was tun Sie dafür?

Wir haben einen eigenen Sanitätsdienst und mindestens 60 freiwillige Peacekeeperinnen und Peacekeeper. Gewaltfreiheit ist uns sehr wichtig. Wir wollen eine friedliche, farbige Demonstration. Die Peacekeeper werden teilweise den Zug begleiten, teilweise an neuralgischen Punkten bereitstehen.

Etwa dort, wo manche in Versuchung kommen werden, von der Demonstrationsroute abzubiegen und direkt vors AKW zu ziehen?

Wir sehen kein Versuchungspotenzial. Dennoch haben wir mit der Kantonspolizei, den Sicherheitsbeauftragten des AKWs, den lokalen Behörden und der Regionalpolizei die Route zusammen angeschaut. Die Polizei wird dort präsent sein und natürlich unsere Peacekeeper mit Megafonen, damit der Demonstrationszug in aller Ruhe ans Ziel gelangt.

Wird das wirklich gelingen?

Bei der Routenwahl haben wir sehr darauf geachtet, dass wir gar nicht nahe an sensitive Anlagen herankommen, also auch nicht ans AKW. Ursprünglich wollten wir zwar auf der Zubringerstrasse beim Zwischenlager (Zwilag) vorbeigehen. Nachdem uns die Polizei darauf hingewiesen hatte, dass diese als Rettungsstrasse dient, willigten wir sofort in eine andere Routenwahl ein.

Haben Sie Anzeichen, dass der berüchtigte «Schwarze Block» auftauchen und Ihre Demonstration missbrauchen könnte?

Dafür gibt es keine Anzeichen. Konzeption und Planung unserer Atommärsche waren stets auf ein anderes Publikum ausgerichtet: Jung und Alt, Familien mit Kindern. Bei unserem Zug über Land befinden wir uns nicht in städtischen Verhältnissen. Ich betone noch einmal: Wir wollen – wie es auch letztes Jahr rundum gelungen ist – eine bunte, friedliche Demonstration durchführen.

Ein Armeeheli mit Wärmebildkamera wird aus der Luft überwachen. Was sagen Sie dazu?

Wir haben das aus der «NZZ am Sonntag» erfahren. Wir haben der Kantonspolizei, mit der wir in sehr engem Kontakt sind, gesagt, dass wir dies als Sicherheitsmassnahme zur Kenntnis nehmen. Der Helikopter kann überwachen und, bei Bedarf beitragen, Engpässe, Behinderungen oder unerwünschte Entwicklungen zu vermeiden.

Für alle Fälle werden grosse Polizeikräfte bereitstehen. Wer zahlt das?

Laut Polizeigesetz kann der Kanton diese Kosten den Organisatoren belasten. Wir haben ein Gesuch um Erlass gestellt. Dieses ist von der Kantonsregierung gutgeheissen worden.