Lebensmittelverschwendung

«Das Auge kauft mit» – Warum die Hälfte auf dem Acker liegen bleibt

Viele Kartoffeln bleiben liegen: Die Dekadenz der Marktwirtschaft

Viele Kartoffeln bleiben liegen: Die Dekadenz der Marktwirtschaft

Nicht die dicksten, sondern die schönsten Kartoffeln werden verkauft. Um es in die Gemüseregale der Schweizer Grossverteiler zu schaffen, müssen Kartoffeln strenge kosmetische Kriterien erfüllen. Ansonsten werden sie noch auf dem Feld aussortiert.

Nach der Ernte bleiben auf den Feldern des Döttinger Bauers Otto Zimmermann etwa 20 Prozent der Kartoffeln liegen. Das sind alleine auf seinem Hof fast zehn Tonnen eigentlich einwandfrei geniessbarer Lebensmittel. Bei empfindlichen Sorten und schwieriger Witterung könne der Verlust auch schon mal grösser sein: In einer Testgrabung vor Ort hätten rund 35 Prozent der Frühkartoffelsorte «Annabelle» die Gemüseregale der Schweizer Grosshändler nie erreicht. Doch wie kommt das?

Damit die Schweizer Händler den Bauern ihre Kartoffeln abnehmen, müssen diese die Übernahmebedingungen der Branchenorganisation «swisspatat» erfüllen (siehe Box).

Gerade bei Speisekartoffeln seien die Kriterien des Grosshandels fast rein optischer Natur. «Ich glaube das ist eher eine Sache des Marketings, den Kunden wäre das Aussehen nicht so wichtig», kritisiert Bauer Zimmermann das weltweit geläufige Vorgehen.

«Der Bauer muss seine Äcker kennen»

Mit seinen 10 bis 35 Prozent Ernteverlusten schneidet der Bauer aus dem Zurzibiet eigentlich relativ gut ab. Kollege Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf aus Deutschland beschwerte sich in einer ARD-Reportage über die Aussortierung von bis zur Hälfte seiner Frühkartoffelernte. Zimmermanns Erfolgsrezept: «Der Bauer muss seine Äcker kennen», so könne man mit Düngung und Wässerung den Verlust minimieren.

Trotzdem: Die von der Marktwirtschaft produzierte Verschwendung bleibt erschreckend. Die Grosshändler lägen so viel Wert auf äussere Gesichtspunkte, weil schöne Lebensmittel die Konsumenten zum Einkauf animierten. «Das Auge kauft mit», bringt es der Aargauer Bauer auf den Punkt.

Es geht auch anders

Die Familie Schaffner verkauft ihre Frühkartoffeln in einem Selbstbedienungstand, einem Hofladen und mit Hauslieferungen. Es wird also nicht auf den Vertrieb durch Grosshändler wie Migros oder Coop gesetzt, weswegen der kleine Betrieb in der Aargauer Gemeinde Riniken auf eine kosmetische Aussortierung verzichten kann. «Wir verkaufen eigentlich das meiste unserer Ernte», erklärt Beatrice Schaffner gegenüber az Online.

Auch sie findet, dass die Konsumenten nicht so viel Wert auf Äusserlichkeiten legen, wie von den Grossverteilern vermutet wird: «Dieses Jahr sind die Kartoffeln zwar etwas kleiner, aber unsere Kunden haben sich noch nie beschwert.» Besonders kleine oder unschöne Exemplare könne man auch gut für den Eigenbedarf verwenden.

Filmtipp: «Frisch auf den Müll»

Der erstmals im Oktober 2010 in der ARD ausgestrahlte Dokumentarfilm «Frisch auf den Müll» von Valentin Thurn thematisiert diese und weitere Probleme der globalisierten Nahrungsmittelindustrie. Das düstere Fazit des deutschen Filmemachers: «Mehr als die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden». Der vollständige Film ist auf Youtube zu finden. Für Interessierte definitiv einen Klick wert.

Meistgesehen

Artboard 1