Schule

Darum ist der Schwimmunterricht ein exotisches Fach

Das Obergericht hat die Lehrerin des in Brugg während des Schwimmunterrichts tödlich verunglückten Buben freigesprochen. Der Aargauische Lehrerverband fordert vom Kanton klarere Richtlinien. Der Schwimmunterricht bleibt ein Sorgenkind.

«Wer mit einer Klasse schwimmen geht, steht mit einem Bein im Gefängnis», sagen Lehrer, wenn sie unter sich sind. Gemeint ist: Verlieren kann die Lehrperson viel. Jeder, der schon mal mit mehr als drei oder mehr Kindern in einem Schwimmbad war, weiss: Passieren kann viel. Verbindliche Richtlinien oder zwingende Vorschriften betreffend der Ausbildung, die eine Lehrperson mitbringen muss, um mit einer Klasse schwimmen gehen zu können, existieren im Kanton Aargau nicht. Zwar gab das Departement Bildung, Kultur und Sport in Nachgang zum tragischen Schwimmunfall in Brugg 2008 «Empfehlungen am Kindergarten und an der Aargauer Volksschule» heraus.

Doch wie der Name schon sagt: Empfehlungen sind eine Art Merkblatt, ein Memorandum, das die Aufmerksamkeit auf änderungsbedürftige oder beachtenswerte Sachverhalte zu lenken, und bar jeder Verbindlichkeit. Nichtsdestotrotz sind sich Lehrer sicher: «Wenn etwas passiert, dann hänge ich gemäss diesem Merkblatt», sagt ein Primarlehrer aus Aarau zur az, der seinen Namen nicht nennen will.

Fehlende bindende Richtlinien

Was in diesem Papier steht: Dass nur Lehrer den Kinder Schwimmunterricht erteilen sollten, welche in ihrer Ausbildung bestimmte Schwimmkompetenzen erfüllt haben, oder über das Brevet 1 der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft verfügen. Und dass eine Gruppengrösse pro Lehrer auf Primarschulstufe nicht mehr als 16 Kinder umfassen soll. Es steht aber auch geschrieben, dass die Verantwortung «grundsätzlich die Obhut und Verantwortung für die anvertrauten Schülerinnen und Schüler unabhängig von der Klassengrösse trägt.» Und: «Damit kann jede Lehrperson alle Lernanlässe mit den Schülerinnen und Schülern allein durchführen. Dies gilt auch für den Schwimmunterricht.»

Das reicht dem Aargauischen Lehrerverband beileibe nicht. Deren Präsident Niklaus Stöckli fordert nun  vom Kanton und dem Departement Bildung, Kultur und Sport «genauere Richtlinien». Die «Vorgaben des Kantons» sind laut Stöcklin «schwammig». «Es geht nicht an, dass eine Lehrperson Angst haben muss, mit den Kindern einen Ausflug zu unternehmen oder mit ihnen in den Schwimmunterricht zu gehen.» Der mögliche Interpretationsspielraum, den das Papier des BKS hinterlässt, stösst Stöcklin sauer auf. «Er wäre einer Lehrerin, in deren Schwimmunterricht vor vier Jahren in Brugg ein Kind tödlich verunglückte, fast zum Verhängnis geworden.»

Am falschen Ort gespart?

Der Schwimmunterricht ist eine heikle und umstrittene Sache. Vorschriften, die besagen, dass Kinder an der Schule in ein bis zwei Stunden pro Monat schwimmen lernen müssen, gibt es nicht - weder auf Bundes- noch auf Kantonsebene. Wasserkompetenz ist nicht im Lehrplan enthalten. Sehr zum Bedauern der Eltern, die einerseits aus Zeit- oder Organisationsgründen nicht mit jedem Kind einen privaten Schwimmunterricht absolvieren können, andererseits auch überzeugt davon sind, dass Kinder in der Schule eher richtig schwimmen lernen, während beim Badi-Besuch mit den Eltern eher Plantschen angesagt sei. Eltern bedauern denn auch durchweg, dass nicht in allen Aargauern Gemeinden Schwimmunterricht angeboten wird, bestehende Lektionen gekürzt oder gewisse Stufen gänzlich vom Schwimmunterricht ausgenommen sind. Oft ist auch der schnöde Mammon daran schuld, dass ausgerechnet am Schwimmunterricht gespart wird - dabei geht es um vergleichsweise kleine Beiträge von 80 000 bis 100 000 Franken.

Am falschen Ort eingespart findet das die Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG), und weist darauf hin, dass immer mehr Kinder bis zum Ende ihrer Schulzeit nicht oder nur ungenügend schwimmen können. Zahlen belegen zudem, dass die meisten Schwimmunfälle nicht auf Schulstufe, sondern im Kleinkindalter und zwischen 15 und 25 unter dem Einfluss von Alkohol oder wegen jugendlichen Leichtsinns stattfinden. Rückmeldungen aus Schweizer Schulstuben haben ergeben, dass 2-3 Schüler pro Klasse schaffen keine Schwimmbeckenlänge, und 2-3 Schüler wiederum schaffen es nur knapp. Wenn das nicht weiter geübt wird, so können pro Schulklasse mindestens 4 Kinder nach der Schulzeit nicht schwimmen.

Vor fünf Jahren ertrank im Schwimmunterricht einer Lehrerin aus Brugg ein damals siebenjähriger Junge. Die Lehrerin war mit ihrer Schulklasse im Schwimmunterricht. Nun sprach das Aargauer Obergericht die Lehrperson frei, nachdem es die Frau bereits wegen fahrlässiger Tötung verurteilt hatte.

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