Schinznach
Wie Peter Belarts Ururgrossvater 1872 seine vier ausgewanderten Söhne aufsuchte

Lehrer und Journalist Peter Belart aus Schinznach befasst sich mit seinem Ururgrossvater, der 74-jährig alleine in die USA reiste, um vor dem Tod seine Söhne nochmals zu sehen. Noch diesen Sommer soll das Buch über diese ungewöhnliche Reise erscheinen.

Claudia Meier
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Journalist und Lehrer Peter Belart zeigt einen in der alten Schrift verfassten Originalbrief von seinem Ururgrossvater Carl Samuel Jäger (1797–1879). CM

Journalist und Lehrer Peter Belart zeigt einen in der alten Schrift verfassten Originalbrief von seinem Ururgrossvater Carl Samuel Jäger (1797–1879). CM

Claudia Meier

Sie ist nicht zu übersehen: die blaue Kartonschachtel mit dem Blattmuster. Peter Belart trägt die Box behutsam unter dem Arm und platziert sie kurz darauf auf dem Tisch in einem Brugger Café. Dann beginnt der 66-jährige Journalist und Lehrer aus Schinznach-Dorf von seinem aktuellen Buchprojekt zu erzählen.

In diesem Werk, das mittlerweile kurz vor der Fertigstellung steht, geht es um Peter Belarts Ururgrossvater Carl Samuel Jäger (1797–1879). Dieser lebte im «Roten Bären» in der Brugger Altstadt und reiste 74-jährig alleine in die USA, um vor seinem Tod seine ausgewanderten Söhne noch einmal zu sehen. Unterwegs schrieb Jäger lange Briefe an seine Familie zu Hause. Und diese Briefe befinden sich nun fein säuberlich sortiert in grossen Couverts in der auf dem Tisch deponierten blauen Kartonschachtel.

Während Jahren Briefe abgetippt

Als Peter Belarts Grossmutter, Margarete Belart-Meier, 1979 starb, erbte er von ihr einen Sekretär samt Inhalt. «Dieser Sekretär war eine wunderbare Fundgrube», erzählt er. Denn er enthielt Tausende Briefe, die in feiner Schrift auf hauchdünnem Papier geschrieben wurden. Dank seinem ehemaligen Lehrer Emil Sieber hatte Peter Belart Erfahrung im Lesen der alten Schrift. Während vielen Jahren tippte er die Briefe ab und erfuhr so viel Interessantes über den Brugger Alltag aus der Zeit zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch in sprachlicher Hinsicht machte der Journalist in den bis acht Seiten langen Briefen schöne Entdeckungen. Um Papier zu sparen, waren die Briefe sehr dicht beschrieben – zum Teil am Schluss sogar diagonal, was das Entschlüsseln der Botschaft noch anspruchsvoller machte.

Über all die Jahre hat Peter Belart so von seinen direkten und angeheirateten Vorfahren sehr viel erfahren. «Von manchen Briefen weiss ich nicht, wie sie in den Sekretär gelangten, denn es waren auch Briefe dabei, die nach Amerika geschickt wurden und später wieder nach Brugg zurückkamen», erzählt der 66-Jährige. Dieser Umstand alleine machte es aber noch nicht aus, dass sich Belart an ein neues Buchprojekt wagte. Vielmehr ging es ihm darum, eine Besonderheit, eben die Amerika-Reise von Carl Samuel Jäger, herauszuschälen und in einem Buch für Interessierte zugänglich zu machen.

Französischen Weinbau gerettet

Jäger hatte sieben Kinder, sechs Söhne und eine Tochter. Über die Tochter und Lehrerin Marie Elisabeth Jäger (1840–1877) hat Belart 2004 bereits eine Biografie veröffentlicht. Fünf Söhne Jägers wanderten in die USA aus. Einer davon starb kurz nach der Ankunft in der Neuen Welt. 1872 brach Carl Samuel Jäger zu einer sechsmonatigen Reise Richtung USA auf, um seine vier Söhne zu besuchen. Zwei lebten in Philadelphia und zwei im Südwesten des Bundesstaats Missouri. In langen Briefen beschrieb der Vater das Leben in den USA. Zudem half er seinen Söhnen Hermann und Hans (John) in Neosho (Missouri) bei der Arbeit im Rebberg.

Hermann Jäger wurde als Winzer berühmt: Er entdeckte reblausresistente Rebsorten und schickte Tausende davon nach Europa. So trug er zur Rettung des französischen Weinbaus bei. Für diese Leistung wurde er mit einem hohen französischen Orden ausgezeichnet. Durch den Erlass eines lokalen Gesetzes für ein Verkaufsverbot von Alkohol – rund 30 Jahre vor der amerikanischen Prohibition – sahen sich die Jäger-Söhne ihres Lebenswerks beraubt. Mit tragischem Ende: Hermann galt ab 1896 als verschollen und John nahm sich 1914 das Leben.

Über Hermann Jäger wurde 2011 im Discovery Center in Springfield (Missouri) eine Dauerausstellung eröffnet. Das war dann auch Grund genug für Peter Belart, in die USA zu reisen. Durch das Buchprojekt und die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Inhalt von rund 70 Briefen ist er den Jägers noch näher gekommen.

«Mir geht es um ein Zeitbild von damals und um Episoden, die man so in keinem Archiv finden kann», sagt der Autor. Neun Kapitel mit vielen Zitaten umfasst das Buch. Es beginnt mit der Auswanderung der Brüder, beinhaltet das Porträt des Vaters sowie die Schilderungen seiner USA-Reise. Gedruckt wird das Werk im Brugger Effingerhof. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Peter Belart mit dieser Arbeit begonnen. Erscheinen wird das Werk noch diesen Sommer.