Baden/Birr
Tochter führt Vaters Geschichte auf – einem Migranten aus Kalabrien

Salvatore Cimino verliess als Zehnjähriger sein Elternhaus in Kalabrien - und suchte in der Schweiz sein Glück. Seine Tochter Rosalba bringt seine Geschichte auf die Theaterbühne, zwei Jahre nachdem er an Krebs gestorben ist.

Rosmarie Mehlin
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«Spiritu sangiuvannise»: Rosalba Cimino sitzt mit einer alten Wollhaspel aus Kalabrien auf der Bühne der Mehrzweckhalle in Birr.

«Spiritu sangiuvannise»: Rosalba Cimino sitzt mit einer alten Wollhaspel aus Kalabrien auf der Bühne der Mehrzweckhalle in Birr.

Mario Heller

Focularu ist ein offener Herd, quararuettu der Topf, der übers Feuer gehängt wird, und die Marroni-Pfanne heisst rustellara. Lana, die Wolle, wird «lööna» ausgesprochen und mele, der Apfel, «mielu»: Die Sprache, die in der Stiefelspitze Italiens gesprochen wird, ist eine ganz eigene. Selbst Mailänder, Veroneser, Florentiner haben grösste Mühe, sie zumindest teilweise zu verstehen.

Umso erstaunlicher, dass einige Secondos, die hier bei uns geboren wurden, leben und arbeiten, neben Schweizerdeutsch nicht einfach italienisch, sondern ganz bewusst kalabresisch, die Sprache ihrer Eltern, reden. So wie Rosalba Cimino aus Baden. Sie ist Buchhalterin in einer Autogarage und hat Geschichten aufgeschrieben «über die ersten ‹Tschinggeli›, die vor über 50 Jahren in der Region ihr Glück suchten», wie die 31-Jährige sagt.

Rosalbas Vater Salvatore hatte als Zehnjähriger sein Elternhaus in der kalabrischen Kleinstadt San Giovanni in Fiore verlassen und war zu seinem älteren Bruder, der im Aargau Arbeit gefunden hatte, gezogen. Mit 16 Jahren hatte auch Salvatore einen Job gefunden, als Strassenbauer bei der Firma Weibel AG in Wettingen.

Dort hat er viele, viele Jahre hart gearbeitet. In seiner Heimat hatte er Teresa geheiratet und, nachdem sie ihm hatte hierher folgen dürfen, eine Familie gegründet. «Papà hat mir unzählige Episoden aus seiner Jugend, über den Abschied von seinen Eltern und seinem Dorf, seine Ankunft in der Schweiz und die Jahre in Wettingen erzählt», so Rosalba Cimino.

Eine einzige Vorstellung

Als Salvatore Cimino vor zwei Jahren an Krebs starb, begann seine Tochter, diese Geschichten aufzuschreiben. Am Ende kam ihr die Idee, daraus ein Theaterstück zu machen. Sie tat sich mit weiteren Secondos zusammen, deren Familien auch aus San Giovanni in Fiore stammen.

Gemeinsam wurde an der Realisation gearbeitet und das Ergebnis im Mai zunächst im familiären Rahmen präsentiert. «Die Begeisterung war so gross, dass wir beschlossen, die Komödie mit ernsten Untertönen auf einer richtigen Bühne aufzuführen – und zwar für einen guten Zweck: Durch die Krankheit meines Vaters habe ich die Krebsliga näher kennen gelernt und unterstütze sie seither», erzählt Rosalba Cimino.

«Cut e ricu te gapu», so der Titel des Zweiakters. «Übersetzt heisst das ‹so wie ich dir sage, so täusche ich dich›.» Seit Beginn des Jahres wurde regelmässig geprobt. Am Samstag findet nun in der Mehrzweckhalle im Schulzentrum Nidermatt in Birr die (vorerst) einzige Aufführung statt. «Wir hätten unser Stück sehr gerne in Wettingen aufgeführt – dort spielt ja auch der zweite Akt –, doch leider stand da keine Halle zur Verfügung», erklärt Rosalba Cimino.

Rosalba Cimino mit ihrer Theatercrew. Sie sitzt vorne am Tisch, neben ihr Maria, dann Loredana und Pino. Vorne stehen (mit Zeitungsmütze) Pasquale und daneben Luigi, hingen Nicola und rechts auf dem Stuhl Ilaria.

Rosalba Cimino mit ihrer Theatercrew. Sie sitzt vorne am Tisch, neben ihr Maria, dann Loredana und Pino. Vorne stehen (mit Zeitungsmütze) Pasquale und daneben Luigi, hingen Nicola und rechts auf dem Stuhl Ilaria.

Mario Heller

In Birr haben die Mitwirkenden mit viel Aufwand und Liebe zu Details für den ersten Akt einen Raum auf die Bühne gezaubert, wie er typisch war in einem bescheidenen Haus im Kalabrien der 60er-Jahre: eine offene Feuerstelle mit russgeschwärzten Töpfen, ein Strang Schafwolle über einer Stuhllehne, auf dem Tisch eine Schale mit Äpfeln und ein m’pagliatu, ein bauchiger fiasco mit Strohmantel.

Rosalba, ihr Bruder Pino (34), der in Mülligen lebt, Loredana (26) aus Neuenhof, Ilaria (18) aus Baden, Maria (29) aus Niederrohrdorf, Pasquale (25) aus Neuenhof, Nicola (22) aus Tegerfelden und Luigi (26) aus Untersiggenthal (es fehlte Davide [28] aus Wettingen) haben fürs Foto ihre Kostüme angezogen, auch wenn einzelne noch nicht ganz vollständig waren. «Ich habe viele Freunde und Kollegen unter den Secondos mit kalabrischen Wurzeln, aber längst nicht alle reden noch die Sprache ihrer Eltern, so wie wir neun», hält Cimino fest.

Interesse grösser als der Saal

Nun – kaum hatte Mundpropaganda das Projekt unter einst aus der Stiefelspitze eingewanderten Migranten bekannt gemacht –, schon war die Vorstellung ausverkauft. «Leider finden nicht mehr als 260 Zuschauer in der Halle Platz. So mussten wir bestimmt über 100 Interessierte abweisen.» Die Gruppe wolle deshalb unbedingt eine weitere Vorstellung realisieren. «Vielleicht finden wir für eine solche ja doch noch eine Halle in der Region Wettingen.»

Nach Abzug der Mietkosten für die Halle und die Stellwände der Theatergruppe Birr sowie der Entschädigung für Peter Dössegger, den Bühnenmeister, könne die Theatergruppe aus dem Kartenverkauf jetzt 4500 Franken der Krebsliga überweisen, sagt Rosalba Cimino.

Dössegger sei für die Gruppe auch ein bisschen Coach gewesen. Dieser entgegnet: «Ich habe ihnen nur ein paar Tipps gegeben, diese auch aufgeschrieben und den Zettel hinter der Bühne aufgehängt.» Da steht zu lesen, dass Schauspieler «begeistert, laut, deutlich, konzentriert und fliessend» reden müssen.

Mit so viel Begeisterung und Feuereifer, wie die Secondos bei der Sache sind, wird der Abend bestimmt ein grosser Erfolg. Besonders, wenn man das Gesagte versteht. Wenn nicht, gibts auf alle Fälle viel «spiritu sangiuvannise» – kalabrisches Lebensgefühl – zu geniessen.