Suchtberatung Brugg
«Mami ist komisch, was mache ich falsch?»: Wie ein digitaler Kurs Kindern von sucht- oder psychisch kranken Eltern helfen soll

«Gemeinsam stark!» ist das erste Onlineangebot im Aargau, bei dem Erwachsene zusammen mit ihren Kindern die Auswirkungen einer Sucht oder psychischen Erkrankung anpacken. Warum der Gratis-Kurs noch nicht ausgebucht ist.

Maja Reznicek
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Helen Frei ist seit 2007 Suchtberaterin bei der Suchtberatung ags Brugg.

Helen Frei ist seit 2007 Suchtberaterin bei der Suchtberatung ags Brugg.

Bild: Alex Spichale

Boby liebt Fred. Besonders, wenn sein Herrchen mit ihm spazieren geht oder den Futternapf füllt. Was Boby nicht mag, sind die Tage, an denen Fred vergisst, das alles zu tun – und sich nur noch für seine Flaschen interessiert. Comic-Hund Boby ist erfunden, seine Geschichte aus dem Bilderbuch der Stiftung Sucht Schweiz nicht.

National erleben 100'000 Kinder Alkoholismus in der Familie. Jedes vierte erfährt irgendeine Form einer Suchterkrankung bei einem Elternteil, wie Helen Frei erklärt. Die Psychotherapeutin arbeitet seit 2007 für die Suchtberatung ags Brugg, davon sechs Jahre als Themenverantwortliche «Sucht & Familie».

Sie sagt: «Man hat Kinder in diesem Kontext lange vergessen.» Erst seit einem Jahrzehnt beschäftige sich die Fachwelt eingehend mit den minderjährigen Söhnen und Töchtern von Süchtigen. Dies, obwohl bei den Kindern viel Leid verursacht werde, das nicht sein müsste, sagt Frei.

Betroffene Familien isolieren sich während Pandemie noch mehr

Das «typische Kind von Suchtkranken» gibt es laut Sucht Schweiz nicht. Aber ähnliche Erlebnisse: Scham, Einsamkeit, Traurigkeit, Instabilität und Geheimniskrämerei prägen den Alltag. Es stehen Fragen im Raum wie «Mami ist komisch, mache ich etwas falsch?». Helen Frei fügt an:

«Häufig sind die Kinder hin- und hergerissen zwischen Liebe und Wut für ihre Eltern.»

Viele würden genau wissen, was in der Familie vor sich gehe – aber es nicht wagen, darüber zu sprechen.

100'000 Kinder in der Schweiz erleben Alkoholsucht in der Familie.

100'000 Kinder in der Schweiz erleben Alkoholsucht in der Familie.

Bild: Benjamin Manser (12. April 2017)

Ausserdem hat es sich gemäss Frei gezeigt, dass die Kinder je nach Geschlecht die Probleme ihrer Eltern unterschiedlich verarbeiten. Sie sagt: «Mädchen grenzen sich weniger ab und übernehmen früh Verantwortung für den kranken Elternteil. Jungen können sich besser distanzieren, versuchen aber Sorgen mit sich selbst auszumachen. Das kann sie zum Alleingänger machen, dem es Mühe bereitet, Hilfe anzunehmen.» Durch diese Belastung unterliegen die Kinder einem mehrfach erhöhten Risiko, als Erwachsene selbst süchtig oder psychisch krank zu werden.

Weil die Pandemie die betroffenen Familien – die meist bereits abgeschottet leben – noch mehr isoliere, fasste die Suchtberatung ags einen kurzfristigen Entschluss. Helen Frei sagt: «Es ist ein Experiment für uns alle.»

Das Mindestalter musste wegen digitalen Formats heraufgesetzt werden

Ab Ende März führt die Suchtberatung ags mit den Partnern Psychiatrische Dienste Aargau, Blaues Kreuz Aargau-Luzern und Beratungsstelle BZBplus den Kurs «Gemeinsam stark!» durch. Dabei setzen sich Eltern, Angehörige und Kinder zwischen acht und zwölf Jahren zusammen mit der psychischen Erkrankung oder Sucht auseinander – und das digital.

Es ist das erste Angebot im Kanton Aargau, das sich online dieser Thematik widmet. An fünf Nachmittagen arbeiten die Erwachsenen sowie Kinder teilweise zusammen und teilweise getrennt in Gruppen. Ergänzend gibt es Spiele und Zvieri-Pausen.

Suchtberaterin Helen Frei

Suchtberaterin Helen Frei

Bild: Alex Spichale

Man habe sich beim digitalen Format im Gegensatz zur Livevariante für eine abgespeckte Version entscheiden müssen, räumt Helen Frei ein. Ein gemeinsames Nachtessen sei beispielsweise nicht möglich. Zudem wurde das Mindestalter der Kinder auf 8 Jahre hochgesetzt, weil man zum Teil allein einen Computer bedienen können muss. Früher war ein Mitmachen bereits ab der ersten Klasse möglich.

Die Teilnehmenden bekommen aber per Päckli alle nötigen Unterlagen und diverse Überraschungen zugeschickt und das Ziel des Kurses bleibt dasselbe: die Lebensqualität in den Familien zu verbessern und die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zu stärken.

Ohne Ansprechperson finden die Kinder ihre «eigenen Antworten»

Das Angebot baut laut Frei unter anderem auf Ergebnissen der Resilienzforschung auf. Man hatte festgestellt, dass Zweidrittel der Kinder mit von Sucht betroffenen Eltern im Laufe ihres Lebens ebenfalls erkranken. Ein Drittel blieb jedoch dauerhaft gesund. Was machten diese Familien anders? Helen Frei erklärt: «Die Forschenden filterten verschiedene sogenannte ‹Schutzfaktoren› heraus, die dazu beitrugen, dass die Kinder weniger gefährdet waren.»

Diese Schutzfaktoren sind wesentlicher Bestandteil des Angebots «Gemeinsam stark». Die Eltern definieren etwa mit den Fachpersonen tägliche Rituale oder eine Bezugsperson für den Notfall. Damit klar sei – wenn Papa wieder sein Tief hat – wer die Tochter versorgt oder zur Schule fährt. Frei ergänzt:

«Ein Suchtthema in der Familie muss keine Katastrophe sein, wenn man an die richtige Unterstützung denkt.»

Gleichzeitig erhalten die Teilnehmenden die Gelegenheit sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, zu erfahren, wie andere Familien mit diesen Problemen umgehen.

Die Suchtberatung ags Brugg ist an der Zürcherstrasse 1202 in Windisch zu finden.

Die Suchtberatung ags Brugg ist an der Zürcherstrasse 1202 in Windisch zu finden.

Bild: Claudia Meier

Die Kinder im Gegenzug erfahren im Kurs mehr über die Erkrankung ihrer Eltern. Zudem füllen sie etwa einen «Schutzpass» aus. Frei erklärt: «Darin halten wir fest, wo das Kind im Notfall hin kann und mit wem es über seine Sorgen reden darf.» Häufig sei es von Seiten der Eltern verständlicherweise nicht erwünscht, dass die Kleinen in der ganzen Nachbarschaft über die Probleme zu Hause sprechen. «Es ist wichtig, dass man Sohn oder Tochter signalisiert, dass sie eine Ansprechperson haben, mit der sie über alles reden können und Fragen stellen dürfen. Sonst finden sie ihre eigenen Antworten.»

Über die Teilnahme am Kurs herrscht Stillschweigen gegen aussen

Bis letzte Woche gab es nur eine Anmeldung für die Online-Variante von «Gemeinsam stark!». Maximal acht Kinder – begleitet von jeweils ein bis zwei Erwachsenen – könnten teilnehmen. Helen Frei weiss: «Die Menschen haben grosse Hemmungen sich zu melden.» Eltern wie Kinder täten sich «genieren», bei einem solchen Angebot mitzumachen. Die Psychotherapeutin erklärt:

«Süchte werden in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert. Dabei sind sie kein selbstverschuldetes Laster, keine persönliche Schwäche, sondern Krankheiten, die Behandlung brauchen.»

Um die Privatsphäre der Teilnehmenden aber bestmöglich online zu schützen, erhalten die Erwachsenen bei «Gemeinsam stark!» einen Decknamen und es wird um Stillschweigen bezüglich persönlicher Inhalte gebeten. Zudem sind Recordings der Zoom-Sitzungen nicht erlaubt, wie Frei sagt.

Die Suchtberaterin verweist auf das positive Feedback der letzten Jahre: «Wenn die Teilnehmenden mal da sind, dann profitieren sie und hätten eigentlich immer gerne mehr. Denn alle Eltern – ob suchtbetroffen oder nicht – wollen schlussendlich das Gleiche: gute Eltern sein.» Bis am 19. März ist eine Anmeldung für das Gratisangebot «Gemeinsam stark!» möglich.

Online-Kurs: «Gemeinsam stark!»

26. März bis 7. Mai 2021

Kostenloses Angebot für Kinder (8 bis 12 Jahre) und Familien bzw. Angehörige, die von einer psychischen Erkrankung oder Suchtthematik betroffen sind. Fünfmal am Freitag, 14 bis 17 Uhr. Anmeldung unter brugg@suchtberatung-ags.ch. Weitere Infos unter www.suchtberatung.ch.