Effingen

«Stolz auf den Notgroschen» – das Schulheim legt erstmals ein Finanzpolster an

Das Schulheim liegt am Effinger Dorfrand.

Das Schulheim liegt am Effinger Dorfrand.

Die hohe Personalfluktuation hat der Effinger Institution einen rekordverdächtigen Rechnungsabschluss beschert.

Wer den kürzlich erschienenen Jahresbericht 2019 des Schulheims Effingen liest, staunt nicht schlecht: Einerseits erwähnt Gesamtleiter Roger Willen die «sehr hohe Personalfluktuation» im vergangenen Jahr. Andererseits schreibt Stiftungsratspräsident Ernst Kistler: «Dank Vollbelegung und dank nicht ausgeschöpften Stellenplans realisierte das Heim einen kräftigen Gewinn.» Kistler räumt allerdings im folgenden Satz ein: «Die Mankos bei den Stellen waren/sind unangenehm, nicht erwünscht und belasten das Personal überdurchschnittlich.» Tatsächlich schloss die Erfolgsrechnung 2019 mit einem Plus in der Höhe von 765'298 Franken ab (im Jahr zuvor resultierte ein Minus von 175'950 Franken).

Das Schulheim Effingen ist spezialisiert auf normalbegabte Buben und Jugendliche mit erheblicher sozialer Beeinträchtigung. Es bietet an 365 Tagen im Jahr stationären Platz für insgesamt 44 Kinder im Schulalter. Beim Besuch der AZ vor Ort kühlt sich eine begleitete Schar Buben kurz vor dem Nachtessen im Schwimmbad ab, während Gesamtleiter Roger Willen in seinem Büro sitzt und schwitzt. Nach zahlreichen Veränderungen im vergangenen Jahr sei im Schulheim endlich Ruhe eingekehrt, sagt Willen dann. Er führt die Institution seit September 2018. «Seit Mai haben wir wieder alle Stellen besetzt.»

Roger Willen vom Schulheim Effingen.

Roger Willen vom Schulheim Effingen.

Auf einer Wohngruppe ging das ganze Team

Per Ende Juli sind im Schulheim Effingen insgesamt 59 Personen angestellt, davon haben drei einen befristeten Arbeitsvertrag. Die Personalfluktuationsrate lag im vergangenen Jahr bei 35 Prozent. Auf einer Wohngruppe ging das ganze Team im Verlauf eines knappen Jahrs. Willen spricht in diesem Zusammenhang von einem Domino-­Effekt. In den ersten sieben Monaten 2020 registrierte das Schulheim beim Personal zehn Ab- und acht Zugänge, vor allem in den Bereichen Wohnen und Schule. Von den Abgängern hatten vier eine befristete Anstellung. Gegenüber dem Vorjahr ist der Anteil der Grenzgänger von 14 auf knapp 17 Prozent gestiegen. Schichtbetrieb, anspruchsvolle Buben, schlechte Erreichbarkeit mit dem ÖV und die tieferen Löhne gegenüber den Nachbarkantonen Zürich und Basel sind kritische Punkte bei der Rekrutierung von geeigneten Mitarbeitenden.

Im letzten Jahr wurde bei einer generellen Überprüfung festgestellt, dass nicht alle Gehälter dem angewendeten «Lohntool» entsprachen, was diverse Anpassungen erforderte. «Mehrheitlich kam es zu Lohnerhöhungen», sagt Roger Willen. Im Schulbereich sei zudem festgestellt worden, dass nicht alle Angestellten über die verlangten Qualifikationen verfügten, auch wenn sie fachlich kompetent waren.

Da in der Jahresrechnung ein Plus von über 700'000 Franken resultierte, konnte das Schulheim den hohen Betrag in den Rücklagefonds einzahlen. «Ich bin sehr stolz darauf, dass wir nun für schlechte Zeiten erstmalig einen Notgroschen haben», so Willen. Die Vakanzen im Team wurden mit Überstunden, die teilweise ins neue Jahr übernommen wurden, und mit dem Zusammenlegen von Gruppen sowie Springern aufgefangen.

Während des Lockdowns noch zehn Buben im Heim

Unter diesen nicht ganz einfachen Umständen gab die Coronakrise dem Schulheim in der ersten Jahreshälfte etwas Luft, weil während des Lockdowns nur noch sechs bis zehn Buben vor Ort waren. «Dank individueller Förderung haben sich einige enorm weiterentwickelt. Ein Bub sprach vor dem Lockdown fast nicht und hat nun den Knopf aufgetan», erzählt Roger Willen.

Sie seien aber erschrocken, wie schnell selbst bei einem Personalvollbestand die Ressourcen in einer solchen Krise ausgeschöpft wären. Der Gesamtleiter war praktisch von Montag bis Freitag mit Corona beschäftigt. Nun ist Willen erleichtert, dass sein Team wieder komplett ist und sie als Institution spannende Ansätze entwickeln können, die man als Angestellte unbedingt gesehen haben möchte.

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