Schinznach-Dorf
Nicht mehr nur sonntags: Die Kirche wagt – und gewinnt

Besondere Zeit, besonderer Charakter – die Freitagsgottesdienste kommen an.

Michael Hunziker
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Die Reformierte Kirchgemeinde Schinznach-Dorf hat eine Pionierrolle übernommen und beschlossen, den traditionellen Gottesdienst dreimal im Jahr am Freitagabend statt am Sonntag durchzuführen (Symbolbild). KEY

Die Reformierte Kirchgemeinde Schinznach-Dorf hat eine Pionierrolle übernommen und beschlossen, den traditionellen Gottesdienst dreimal im Jahr am Freitagabend statt am Sonntag durchzuführen (Symbolbild). KEY

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Auf dem Dorfe ist gut predigen. Oder sollte es, in Anlehnung an dieses Sprichwort, besser heissen: Am Freitag ist gut predigen? Die Reformierte Kirchgemeinde Schinznach-Dorf ist ein Wagnis eingegangen im letzten Sommer: Dreimal im Jahr, hat sie beschlossen, wird der traditionelle Gottesdienst statt am Sonntag am Freitagabend durchgeführt.

Die ersten Erfahrungen zeigen: Der Beginn ist vielversprechend. Die Werktagsgottesdienste unter dem Titel «AUFtakt» kommen an. Es nahmen deutlich mehr Besucher teil als an den traditionellen Sonntagsgottesdiensten, auch solche, die sonst selten in der Kirche zu Gast sind.

«Die drei bisherigen Freitagsgottesdienste wurden gut angenommen», sagen denn auch übereinstimmend die Kirchenpflegepräsidentin und Kirchenrätin Regula Wegmann sowie die Pfarrerin Nadine Karnitz. «Erfreut sind wir auch von der altersmässigen Durchmischung der Besucherinnen und Besucher.» Kurz: Die Rückmeldungen seien positiv – «durchweg».

Zeitdruck besteht nicht

Als sehr angenehm erlebe sie die Kombination aus Gottesdienst und Begegnungszeit, ergänzt Pfarrerin Nadine Karnitz. «Im Gottesdienst kann man bewusst die vergangenen Werktage Revue passieren lassen und sich zugleich auf das vor einem liegende Wochenende einstimmen. Im Anschluss haben alle beim Apéro die Möglichkeit, sich auszutauschen und noch zu verweilen, was besonders von den jüngeren Leuten genutzt wird.»

Mit dem Abendgottesdienst könnten die Anwesenden den Tag ganz ohne Zeitdruck ausklingen lassen und geniessen, fährt die Pfarrerin fort. «So erhält der Freitagsgottesdienst allein durch die besondere Zeit in der Woche einen ganz anderen Charakter als der sonntägliche Gottesdienst. Neben dem ansprechenden musikalischen Programm macht dies die Attraktivität für unsere Kirchgemeinde aus.»

Apropos: Musikalisch umrahmt wurden die bisherigen drei Werktaggottesdienste von Alfred Schaffner an der Querflöte, von einem Projektchor sowie von der Violinistin Sonja Jungblut. Zu den Gottesdiensten kamen jeweils rund 50 Besucher, einmal waren es sogar – zusammen mit dem Projektchor – um die 100. Dies ist gemäss Regula Wegmann vergleichbar mit der Anzahl Besucher eines Festaggottesdiensts. Zu beachten ist, fügt sie an, dass die Werktaggottesdienste speziell beworben werden.

Einfach so aber dürfen die Gottesdienste nicht auf einen anderen Tag verlegt werden. Denn gemäss Kirchenordnung hat an jedem Sonntag ein Gemeindegottesdienst stattzufinden. Laut dieser Kirchenordnung kann der Kirchenrat allerdings auf Gesuch einzelner Kirchgemeinden Versuche bewilligen, «die den Rahmen der geltenden Kirchenordnung überschreiten, namentlich auf dem Gebiet des Gottesdienstes». Solche Versuche, heisst es weiter, bedürfen der Zustimmung der Kirchgemeindeversammlung.

Im Sommer 2016 stimmten der Kirchenrat sowie die Kirchgemeindeversammlung dem Experiment zu und Schinznach-Dorf erhielt die befristete Erlaubnis, bis Ende dieses Jahres insgesamt fünf Gottesdienste an einem Freitagabend durchzuführen und den darauf folgenden Sonntagsgottesdienst ausfallen zu lassen.

«Als kleine Kirchgemeinde möchten wir ein vielfältiges und attraktives Angebot bieten», führen Regula Wegmann und Nadine Karnitz aus. «Besondere Chancen erhoffen wir uns beim mittleren Alterssegment, das in den traditionellen Gottesdiensten am Sonntagmorgen fehlt. Aber auch die anderen Alterssegmente sowie die Kerngemeinde sollen mit den Werktaggottesdiensten angesprochen werden.»

Es gibt einen Schlussbericht

Für 2017 sind zwei weitere Werktaggottesdienste geplant: am 22. September mit musikalischer Umrahmung von Alfred Schaffner sowie am 10. November mit dem Projektchor. Nach dem Abschluss des befristeten Versuchs muss die Kirchenpflege einen Schlussbericht an den Kirchenrat schicken. Dieser wiederum legt der Synode Rechenschaft ab über die Ergebnisse, sagt Regula Wegmann zum weiteren Vorgehen. «Ob daraus ein allfälliger Antrag an die Synode zur Änderung der Kirchenordnung bezüglich Lockerung des Sonntagsobligatoriums von Gottesdiensten erfolgt, wird sich zeigen.»

Nebenbei: Die reformierte Kirche Zürich-Sihlfeld hat den Gottesdienst am Sonntag nach einem längeren Prozess abgeschafft – anders als in Schinznach-Dorf, wo der Sonntagsgottesdienst nicht infrage gestellt wird, aber grundsätzlich. Seit September des letzten Jahres wird in der Andreaskirche am Freitag gefeiert.