Windisch
Hier fliegt ein Bär: Ertmals nach 374 Jahren verlässt er seinen Platz

Die steinerne Figur vom Kirchturm in Windisch soll künftig wieder farbig leuchten wie in früheren Zeiten. Dazu wurde der 2 Meter hohe und 500 Kilogramm schwere Berner Bär per Helikopter abtransportiert.

Edgar Zimmermann
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Gestern Morgen ist auf dem Windischer Kirchturm der etwas über 2 Meter hohe und um die 500 Kilogramm schwere Berner Bär samt der von ihm gehaltenen Hellebarde vom Sockel und den Halterungen befreit und mit Gurten umgeben worden. Kurz nach 14 Uhr hob ihn ein Helikopter an einem langen Seil sanft vom angestammten Platz aus dem Turmgerüst und trug ihn im Beisein etlicher Schaulustiger zu einem vor der Kirche parkierten Anhänger. Die ganze Umsiedlung dauerte kaum 10 Minuten.

Auf dem Anhänger wurde die Figur sorgsam eingepackt und nach Aarau transportiert: zum Atelier von Bildhauer und Steinrenovator Andreas Aeschbach. Dieser ist spezialisiert auf die Restaurierung historischer Zeugen.

Welche Arbeit erwartet ihn hier? Aeschbach: «Der aus dem widerstandsfähigen Muschelkalkstein geschaffene Bär ist wiederholt an Ort geflickt worden und im Moment in einem schlechten Zustand. Er weist diverse Risse auf: Spannungsrisse, alters- und witterungsbedingte Risse, offensichtliche wie auch versteckte.»

Nach historischem Muster

Im Atelier wird die Figur zuerst gereinigt, dann werden Dübel und rostige Eisenklammern aus dem Körper entfernt. Risse und Hohlstellen werden zum Teil mit Mischzement vergossen, mit gemahlenem Muschelkalk und Bindemitteln, zum Teil auch mittels Glasfaserstange verschlossen. Die Figur war mit Eisenklammern im Turmgiebel verankert. Die rostenden Eisenklammern setzten auch dem Körper zu. Deshalb wird die neue Eisenhalterung im Hüftbereich mit Blei umgegossen.

Viele Zuschauer verfolgen die einmalige Aktion bei der Windischer Kirche
7 Bilder
Der Helikopter kommt angeflogen
Der Bär auf dem Kirchturm wird am Helikopter-Haken befestigt
Der Bär hängt am Haken und fliegt durch die Luft
Vorsichtig wird der steinerne Bär auf den Transport-Anhänger abgesenkt
Der Bär vom Kirchturm kann für einmal aus der Nähe bestaunt werden
Der Bär streckt die Zunge hinaus - gegen die Grafschaft Baden

Viele Zuschauer verfolgen die einmalige Aktion bei der Windischer Kirche

Michael Hunziker

Für die farbliche Rekonstruktion ist die Restauratorin und Kirchenmalermeisterin Ina Link, Scherz, zuständig. Wie sie erklärte, sind die Farben des Bären weitgehend verschwunden. Deshalb wurde eine heraldische Expertise ausgearbeitet. Diese gibt Aufschluss, welche Farben bei Tierfiguren im historischen Kontext üblich waren. Aufgrund dieser Ergebnisse und der auf dem Bären noch erkennbaren Farbreste wird die Farbgebung gewählt.

Streckt Zunge gegen Baden hinaus

Angebracht wird nach historischer Technik ein mindestens dreifacher Ölfarbenanstrich, damit die Farbe die nächsten Jahrzehnte überdauern wird. Ein Teil dieses Anstriches wird Ina Link im Aeschbach-Atelier in Aarau aufbringen, ein zweiter Teil nach der Montage des Bären auf dem Kirchturm. Dort wird er künftig wieder farbig leuchten – wie in früheren Zeiten.

Während die Kirche im 14. Jahrhundert errichtet worden war, ist der Bär nicht ganz so alt. 1642 war der Turm erhöht und mit Zwiebelhelm und Uhrgiebel versehen worden. Dazu der Historiker Max Baumann im Windischer Buch: «Seither streckt ein mit Hellebarde und Schwert bewaffneter steinerner Bär die Zunge gegen die Grafschaft Baden hinaus!»

Im August wird er nach der gründlichen Restaurierung per Helikopter auf den Turm zurückkehren und die Zunge dann wieder hinausstrecken . . .