Brugg
Für dieses Wiedersehen kam sie aus dem Bernbiet und er aus Kanada

Peter Spycher traf am Rutenzug nach 60 Jahren auf seinen einstigen Jugendfest-Schatz. Mit dieser Reise feiert der schweizerisch-kanadische Doppelbürger, der das Geschehen in seiner Heimatstadt genau verfolgt, aber noch zwei weitere Jubiläen.

Max Weyermann
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Trudi Aebli und Peter Spycher in jugendfestlicher Aufmachung hinter dem Brugger Stadthaus.

Trudi Aebli und Peter Spycher in jugendfestlicher Aufmachung hinter dem Brugger Stadthaus.

Max Weyermann

Am Tag vor dem Rutenzug läutet das Telefon in Brugg, und eine altbekannte, markante Stimme meldet sich: «Hallo, wie gehts? Ich bin hier im Neumarkt.» Trotz der Überraschung ist sofort klar, wer da am Draht ist: Peter Spycher, der Klassenkamerad vom einstigen Lehrerseminar Wettingen, eigentlich wohnhaft in seinem Eigenheim im kanadischen Westlock, ungefähr 20 Kilometer westlich der Grossstadt Edmonton und ganze 1,8 Kilometer von seinen nächsten Nachbarn entfernt. Also fährt der Schreibende sofort los, sucht den Kollegen in diversen Geschäften am ungefähr angegebenen Aufenthaltsort, bis er ihn schliesslich an der Kasse eines Grossverteilers findet.

Der 66-Jährige hat zwar staturmässig zugelegt, aber sonst ist er immer noch so, wie man ihn kennt: Offen, aufgestellt, mit einem gesunden Humor ausgestattet. Peter Spycher ist jedoch nicht allein, sondern in Begleitung einer Frau, welche er als Trudi Aebli, geborene Birri, vorstellt. Und hier beginnt eine ganz spezielle Story mit mehrfachen «Jubiläen».

Abenteuerliches Leben

Spycher absolvierte nach dem Seminar Wettingen eine Zusatzausbildung im Zollamt Basel. 1974 wanderte er im Alter von 26 Jahren nach Kanada aus und hatte dort ein recht abenteuerliches Leben mit Berufstätigkeiten vom Trapper bis hin zum Langstrecken-Truckfahrer. Er kam später noch sporadisch ein paar Mal in die alte Heimat, um seinen betagten, inzwischen verstorbenen Vater im Altersheim Brugg zu besuchen. Aber das Interesse an allem, was rund ums Prophetenstädtchen geschieht, ist geblieben, und auch auf den Schweizer Dialekt kann trotz dem in der neuen Heimat gebräuchlichen Englisch sozusagen unverwässert umgeschaltet werden.

Via Telefon und Internet (unter anderem Webcams und Aargauer Zeitung) werden noch immer praktisch täglich News eingeholt, und das Wissen des schweizerisch-kanadischen Doppelbürgers ist denn auch so immens, dass man als hier ansässig gebliebener Kollege zugestehen muss: «Du bist ja über Brugg besser informiert als wir selbst!»

Trudi im Internet gefunden

Im Zuge von Nachforschungen über sein einstiges Brugger Umfeld meldete sich Peter Spycher vor einiger Zeit beim Internetportal «Stay friends» an und staunte, dass hier auch die ehemalige Nachbarstochter Trudi registriert war. «Sie ist im gleichen Haus wie ich neben dem Brunnen im Altenburg-Quartier aufgewachsen. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss, genau unter dem meinen im 1. Stock, und sie war auch mein Jugendfest-Schatz.»

Aus dem neu geknüpften Fernkontakt entstand im Heimweh-Brugger der Entschluss, am Rutenzug 2014 mit dabei zu sein. «Schliesslich schienen mir ein Wiedersehen mit Trudi (notabene nach 60 Jahren), die 50 Jahre seit meinem letzten Jugendfest-Besuch und die 40 Jahre seit meiner Auswanderung genug der triftigen Gründe für meinen Reiseentschluss zu sein.»

Am 19. Juli gehts zurück nach Kanada

Das Pensum von Trudi – sie kommt jedes Jahr aus dem Bernbiet ans schönste Brugger Fest – und Peter umfasst das ganze Programm, vom Zapfenstreich und dem ‹Tüüschle› im Freudenstein-Wäldli bis hin zum eigentlichen Rutenzug. Dieses Jahr ist der Besuch im Prophetenstädtchen dank der Anwesenheit von Peter für die Heimweh-Bruggerin etwas ganz Besonderes.

Der Doppelbürger hängt an seiner Heimatstadt. «Ich habe beim Anschauen des Brugger Films, den mir Fotograf Max Gessler geschenkt hat, feuchte Augen bekommen», gesteht Peter Spycher. Am 19. Juli fliegt er zurück nach Kanada. Jetzt ist auch klar, was er vom Schreibenden zum Abschied erhält: Eine CD mit den Rutenzug-Klängen, angefangen vom Zapfenstreich über die Tagwache und die Morgenfeier bis hin zum abendlichen Abdankungslied.