Bezirksgericht Brugg
Nach dem Sex wollte er mehr, sie aber nicht – doch er duldete kein Nein

Ein Mann hatte nach einer Affäre nicht verstanden, dass eine Frau keine feste Beziehung mit ihm führen wollte. Kürzlich standen beide vor dem Bezirksgericht in Brugg. Jetzt liegt das Urteil vor.

Michael Hunziker
Merken
Drucken
Teilen
Der Beschuldigte hat laut Anklageschrift mehrere Dutzend Mal versucht, die Frau anzurufen und hat ihr zahlreiche Nachrichten per E-Mail oder Whatsapp zukommen lassen (Symbolbild).

Der Beschuldigte hat laut Anklageschrift mehrere Dutzend Mal versucht, die Frau anzurufen und hat ihr zahlreiche Nachrichten per E-Mail oder Whatsapp zukommen lassen (Symbolbild).

Bild: Keystone

Er sei sich bewusst, dass er sich nicht immer korrekt verhalten habe, sagte Luca (Name geändert) vor dem Bezirksgericht in Brugg. Aber er habe aus seinen Fehlern gelernt, werde so etwas nicht mehr machen und hoffe, dass er eine Chance erhalte.

«Es tut mir leid, es kommt nicht mehr vor.»

Vorgeworfen wurden dem 48-jährigen Beschuldigten aus der Region versuchte Nötigung und Beschimpfung, mehrfache üble Nachrede sowie unrechtmässiger Bezug von Leistungen der Sozialhilfe. Im Herbst 2018 lernte er Julia (Name geändert) kennen, mit der er ein Verhältnis hatte. Es kam im gegenseitigen Einverständnis zu Sex. Während Luca in der Folge eine Partnerschaft mit Julia anstrebte, wollte diese keinen Kontakt mehr.

Der Beschuldigte habe mehrere Dutzend Mal versucht, sie anzurufen, habe ihr nachgestellt, ihr mehrfach Blumen vor die Türe gelegt, sie beobachtet im Ausgang und ihr zahlreiche Nachrichten per E-Mail oder Whatsapp zukommen lassen, heisst es in der Anklageschrift. Als sie sich nicht auf ihn einlassen wollte, habe er seinen Frust freien Lauf gelassen, die Frau als Schlampe und Hure bezeichnet, als geldsüchtig, respektlos und unehrlich.

Weiter habe der Beschuldigte Leistungen der Sozialhilfe bezogen, die ihm nicht zustanden. Konkret habe er es unterlassen, einen Temporäreinsatz zu melden. Seine Wohngemeinde habe ihm Sozialhilfeleistungen rund 3000 Franken geleistet, weil sie keine Kenntnisse von den Einnahmen hatte. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken. Zudem sei der Beschuldigte für sechs Jahre des Landes zu verweisen.

Er hat schon früher die Polizei beschäftigt

Der gebürtige Italiener Luca ist kein unbeschriebenes Blatt, hat schon früher Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigt und ist verurteilt worden wegen Belästigung, Betrug und Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz. Immer wieder steckte er in finanziellen Schwierigkeiten. Momentan sei er arbeitslos, habe aber eine Stelle in Aussicht, sagte er in der Befragung durch Gerichtspräsident Sandro Rossi.

Luca – ganz in Schwarz gekleidet – folgte der Verhandlung aufmerksam, drückte sich klar und deutlich aus. Für Julia, blickte er zurück, habe er Gefühle entwickelt, mit ihr etwas aufbauen wollen.

«Ich hatte sie gerne.»

Angerufen habe er sie, weil er sie hören, mit ihr reden wollte. Und Blumen, ja, solche habe er drei-, viermal vor die Türe gelegt. Damals habe er nicht verstanden, dass sie nichts mehr von ihm wollte.

Er sei emotional gewesen, antwortete er auf die Frage, weshalb er sie als Hure bezeichnete. Er habe Sachen von ihr erfahren, die nicht in Ordnung waren. Sie habe mit mehreren Männern geschlafen, habe ihn ausgenutzt.

Beim Gesuch für die Sozialhilfe habe er nicht alles durchgelesen, einfach unterschrieben, fuhr Luca fort. Er habe viel um die Ohren gehabt und nicht gewusst, dass er seinen Verdienst hätte angeben müssen. Müsste er die Schweiz verlassen, dann wäre er alleine, sagte er zur Frage von Einzelrichter Rossi nach einem Landesverweis. Seine Familie lebe in der Schweiz.

Sie wechselte Wohnort und Telefonnummer

Julia mochte dem Beschuldigten nicht persönlich begegnen, er sass während ihrer Befragung im Nebenraum. Ihr habe der Sex nicht gefallen und sie habe ihm mitgeteilt, dass er nicht ihr Typ sei, sie ihre Ruhe wolle, sagte die gepflegte, ganz in Schwarz gekleidete Frau. Er aber habe mehr Zeit mit ihr verbringen wollen, sie unter Druck gesetzt, hielt sie seufzend fest. Sie habe Angst bekommen, liess sie durch die Dolmetscherin aus dem Portugiesischen übersetzen.

«Ich wollte nur, dass das Ganze beendet wird.»

Sie habe ihre Telefonnummer gewechselt und sei umgezogen.

Für ihren Anwalt bestand kein Zweifel daran, dass sich die Dinge im Kern so ereignet haben, wie in der Anklageschrift zusammengefasst. Der Beschuldigte zeige ein fragwürdiges Verhalten, gebe immer den Frauen schuld. Seine Mandantin leide noch immer unter dem übergriffigen Verhalten. Der Anwalt forderte zusätzlich eine Genugtuung von 1000 Franken sowie ein Kontakt- und Annäherungsverbot.

Der Kontakt war nicht ganz einseitig

Die Verteidigerin des Beschuldigten hielt dagegen: Dieser habe die Frau keinesfalls bedrängen, zu etwas zwingen oder sie verängstigen wollen. Es habe sich nicht um böswillige Absicht gehandelt. Er habe sich Hoffnung gemacht und nicht gewusst, dass seine Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhten. Er anerkenne aber, sich schuldig gemacht zu haben der mehrfachen üblen Nachrede. Das Verschulden erscheine als leicht zu gewichten.

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil des Bezirksgerichts Brugg vor.

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil des Bezirksgerichts Brugg vor.

Bild: Sandra Ardizzone

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil vor. Das Gericht spricht den Beschuldigten frei vom Vorwurf der mehrfachen versuchten Nötigung, spricht ihn schuldig der mehrfachen üblen Nachrede, der mehrfachen Beschimpfung sowie des unrechtmässigen Bezugs von Leistungen der Sozialhilfe. Verurteilt wird er zu einer Geldstrafe von 130 Tagessätzen à 30 Franken sowie einer Busse von 1400 Franken. Der Straf- und Zivilklägerin hat er zudem eine Entschädigung von 800 Franken zu bezahlen. Der Antrag für ein Kontakt- und Annäherungsverbot wird abgewiesen, von einer Landesverweisung wird abgesehen.

Für das Gericht ist beweismässig nicht erstellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin nachgestellt hat. Es könne nicht die Rede sein von einer Vielzahl von Belästigungen. Auch habe die Privatklägerin den Beschuldigten nach dem vermeintlichen Ende der Beziehung mehrfach kontaktiert und auch getroffen. Der Kontakt sei also nicht einseitig gewesen. Beim unrechtmässigen Bezug von Leistungen der Sozialhilfe geht das Gericht – in Anbetracht der Höhe der Deliktsumme – von einem leichten Fall aus.