Montagsporträt
Als Faustregel gilt: Pro Tag bringt er eine gute Aufnahme nach Hause

Michel Jaussi zählt zu den besten Fotografen weltweit. Seit seiner Kindheit ist er mit Linn verbunden. Der Linner Linde etwa hat er seinen Traumberuf zu verdanken.

Michael Hunziker
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Michel Jaussi
3 Bilder
Dieses Motiv realisierte der Linner für den Kunden Carl Zeiss.
Solarkraftwerk in Spanien: Für die Aufnahme charterte Jaussi ein Flugzeug.

Michel Jaussi

zvg / Michel Jaussi

Seine Arbeit führt ihn an spannende Orte in der ganzen Schweiz, an die schönsten Flecken auf der Erde. Zu seinen Kunden gehört der international tätige Konzern genauso wie der bekannte Automobilhersteller oder die namhafte Werbeagentur: Michel Jaussi aus Linn gilt in Fachkreisen als Spezialist für Landschaftsfotografien auf höchstem Niveau und darf sich zu den 200 besten Werbefotografen zählen – weltweit, wohlverstanden. Ein Leben wie in einem Bilderbuch?

Er habe, sagt der 43-Jährige, definitiv seinen Traumberuf gefunden. Dank der Linner Linde übrigens, die sich nicht weit entfernt von seiner Haustüre befindet. Denn als Kind konnte er aus seinem Zimmer von Windisch aus am Horizont den stattlichen Baum sehen, der ihn schon damals faszinierte.

Etwas später führten ihn Velotouren immer wieder in die Region, schliesslich entdeckte er auch das beschauliche Dörfchen Linn hinter der Wegbiegung sowie das Gasthaus zur Linde. Jeweils am Mittwoch war er bei der damaligen Wirtin Erika Bossard zu Gast fürs Mittagessen. Es sei eine Welt für sich gewesen, ein Paradies, das ihm sehr ans Herz gewachsen sei, erinnert sich Jaussi. «Vor allem auch im Winter.»

Nach einem Velounfall, Jaussi war etwa zwölf Jahre alt, schenkte ihm sein Vater eine Minolta-Kleinbildkamera. Der Knabe begann, die Gegend rund um Linn fotografisch festzuhalten. Die Leidenschaft war geweckt, die Linde habe ihm die Augen geöffnet. «Dafür bin ich ewig dankbar.»

Die Anfänge waren hart

Mit 16 Jahren wollte Jaussi unbedingt die Ausbildung zum Fotografen absolvieren – in diesem Alter ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Der überzeugte Aargauer hatte viel Glück, fand eine Lehrstelle in einer Druckerei in Spiez.

Nach vier Jahren in der Fotoabteilung plante er, in Spiez zu bleiben – «es hat mir sehr gefallen» – und sich auch gleich selbstständig zu machen. Als sein Lehrbetrieb umstrukturiert wurde, konnte er auf rund 300 Quadratmeter Fläche in den leerstehenden Räumen der früheren Druckerei sein Studio einrichten.

Der junge Fotograf widmete sich «ganz klassischen» Studioproduktionen für die lokalen Industriebetriebe und Aufnahmen für die Hotellerie. Die ersten sieben Jahre seien hart gewesen, blickt er zurück. Finanziell war es oft eng, dann und wann habe ihn sein Vater unterstützt.

Jaussi verfolgte schon damals das Ziel, Landschaftsfotograf zu werden. Gegen Ende der Neunzigerjahre beschloss er, das Zepter selber in die Hand zu nehmen und eine Bilderserie zu realisieren mit einem Auto der Mercedes-S-Klasse V12 in der freien Natur. Der Importeur hatte Vertrauen, drückte dem leidenschaftlichen Fotografen den Schlüssel für einen etwa 240 000 Franken teuren Wagen in die Hand – ohne irgendeine Unterschrift notabene.

Leben in der Gaststube

Die Schwarz-Weiss-Fotos, die in den folgenden zehn Tagen entstanden, zeigte Jaussi der Werbeagentur von Mercedes in Zürich. Die Verantwortlichen waren begeistert, vier Wochen später erhielt er seinen ersten offiziellen Auftrag für diese Marke und durfte ein Fahrzeug der C-Klasse für eine Anzeige fotografieren. Mit Mercedes im Portfolio folgten Arbeiten für weitere Automobilhersteller wie Toyota, Ford, Renault, Nissan, VW und Audi.

Zu den Kunden gesellten sich auch die damalige Paket-Post oder die Raiffeisenbank. Diese kaufte ihm eine Bilderserie ab mit Aufnahmen von Alleen und weiteren Motiven zum Thema «Wir machen Ihnen den Weg frei», die er aus eigenem Antrieb in Frankreich realisiert hatte. Dies löste dann seinen ersten grossen nationalen Auftrag aus: Er durfte für die Schweizerische Eidgenossenschaft die Expo.02-Kampagne realisieren. Finanziell lief es besser.

2005 hörte der ehrgeizige Berufsmann von den Plänen der Schweizerischen Post, die ihren Auftritt auffrischen und dafür eine neue, eigenständige Bildwelt schaffen wollte. Jaussi bewarb sich mit einer Fotoserie und erhielt den «Monsterauftrag», der ihn in den folgenden Jahren beschäftigte.

In dieser Zeit ergab sich für den Heimweh-Aargauer die Gelegenheit, das einstige Restaurant zur Linde in Linn zu übernehmen. In der Liegenschaft mit Baujahr 1903 waren zuerst nur Arbeiten im kleinen Rahmen geplant. Schliesslich renovierte Jaussi – auch mit viel Eigenleistung – das Gebäude während vier Jahren fachgerecht und mit viel Liebe zum Detail. Der «spätbiedermeierliche Zweckbau» wurde unter kantonalen Denkmalschutz gestellt.

2006, rechtzeitig zum 700-Jahr-Jubiläum von Linn, konnten die Tätigkeiten abgeschlossen werden, zwei Jahre später zog Jaussi definitiv in das Dorf, mit dem er seit seiner Kindheit verbunden war.

Aus der Gaststube ist ein heimeliges Wohnzimmer entstanden, mittendrin der 4 Meter lange Tisch aus heimischem Elsbeerholz – eine Spezialanfertigung –, darum herum 14 Stühle, an der weissen Wand der hellblaue Kachelofen samt Sitzbank. Auf einem Teil des wiederaufgebauten Buffets befindet sich die chromglänzende Kaffeemaschine.

Ein weiterer Karrieresprung

Jaussi kreierte in der Folge die Bildwelten für Postfinance, Postauto, den Chemiekonzern Novartis, die Thurgauer Kantonalbank oder die Bank Vontobel. Der Traum von der Landschaftsfotografie aber blieb. Wieder einmal in seiner Berufslaufbahn investierte er viel Zeit und Geld, stellte auf eigene Faust Bilderserien her.

Sein Mut, gepaart mit Können, Beharrlichkeit und Einsatz, wurde belohnt, er erhielt Aufträge – unter anderem für Krombacher Bier, für die er technisch aufwendige Landschaftsmotive umsetzte mit einer immensen Bildauflösung von 2 Milliarden Pixel. Es kamen Städtelandschaften oder Strassenlandschaften dazu für den Autoimporteur Amag, Inszenierungen von Mensch und Landschaft für die Versicherungsgesellschaft Suva oder den Gas-Produzenten Carbagas. Aber auch der Automobilfotografie blieb er treu und durfte während vieler Winter die Winterkampagnen-Motive für Audi Schweiz realisieren, die dann sogar auch im Ausland von der Schweiz übernommen wurden.

Jaussi wollte sich einmal mehr weiterentwickeln, schuf eine Bilderserie zum Thema erneuerbare Energien. Während über einem Jahr suchte er in ganz Europa nach den passenden Motiven. Mit einer Aufnahme schaffte er es schliesslich in das renommierte Fachmagazin «Lürzer’s Archive».

Fast 800 Fotografen aus 55 Ländern hatten ihre Arbeiten eingereicht. Jaussi spricht von einem grossen Karrieresprung, der ihm neue Türen geöffnet habe. Eine Fotoserie anfertigen durfte er für den Kunden Carl Zeiss, der im Bereich Optik tätig ist. Dafür reiste er auf drei Kontinente. Die Serie erhielt zwischenzeitlich schon zwei Auszeichnungen. Aktuell ist der Linner nominiert für den Swiss Photo Award im Bereich Werbefotografie – «eine Ehre», wie er sagt.

Weinbau ist zweite Leidenschaft

Auf den Lorbeeren ausruhen will er sich indes nicht. Mit dem ersten Ergebnis ist Jaussi selten zufrieden. Manchmal reist er mit seiner Hasselblad-Kamera fünfmal an den gleichen Ort, bis die Verhältnisse stimmen. Das perfekte Bild zu machen, sei schwierig, aber er versuche stets, das Bestmögliche herauszuholen. Dafür scheut er keinen Aufwand, es kann vorkommen, dass er sogar ein Flugzeug chartert – wie in der südspanischen Region Andalusien, wo er aus 75 Meter Höhe ein Solarkraftwerk fotografierte. «Ich muss geduldig und manchmal fast pedantisch sein», räumt er ein. Pro Tag, so seine Faustregel, bringe er meistens eine gute Aufnahme nach Hause.

Nach wie vor sei es das Handwerk, das ihm Spass mache, auch wenn er einen grossen Teil seines Alltags nicht fürs Fotografieren aufwende, sondern für Organisation, Bildauswahl sowie Bildbearbeitung, wobei er bei Letzterer immer mit Partnern zusammenarbeitet. Oft werden Einzelaufnahmen zum fertigen Bild zusammengesetzt.

Wichtig sei, dass man sich immer wieder um neue Projekte bemühe, «die Aufträge kommen nicht einfach so rein». Er freue sich auf seine Zukunft, stellt Jaussi fest – und macht sich keine Illusionen: «Die Konkurrenz schläft nicht!» Es sei durchaus denkbar, dass es wieder einmal zu einer Durststrecke kommen könne. Aber sollten die Aufträge tatsächlich ausbleiben, kann er sich seinem zweiten Standbein widmen: dem Weinbau. Mit seinem Weingut zur Linde besitzt er rund 450 Aren Reben in Villnachern und Oberflachs, produziert einen kräftigen Rotwein sowie einen süffigen Weisswein. Wie bei der Fotografie setzt er auch hier kompromisslos auf höchste Qualität.